In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

„Yoga Personal Training“ ist eine wunderbare Methode, Yoga intensiv und individuell zu vermitteln. Personal-Yoga-Trainer Stephan Suh erklärt, wie Yogalehrer ihre Arbeit damit ergänzen können und welchen Mehrwert Schüler dadurch erfahren

 

Tirumalai Krishnamacharya, „der Vater des modernen Yoga“, lehrte seine Schüler, wie z.B. – um nur einige zu nennen – seinen Sohn T.K.V. Desikachar, seinen Schwager B.K.S. Iyengar oder Sri Patthabi Jois auf privater Ebene, um deren Trainingsfortschritt zu überprüfen. Der „Architekt“ des Vinyasa-Yoga gewährleistete so die Qualitätssicherung und konnte seine Lehre nachhaltig beeinflussen. Iyengar entwickelte mit seinem Yoga eine Methode, wie man individuell auf die Schüler eingehen kann, ohne Angst haben zu müssen, dass man den teils sehr anspruchsvollen Übungen nicht gerecht werden kann.
Was kann uns das, nach dem bedauernswerten Ableben von Iyengar in diesem Jahr, in der heutigen Zeit lehren? Welches Erbe können wir mitnehmen?

Der Yogaweg besticht nicht nur durch das bloße Praktizieren der Asanas. Er ist viel mehr als das. Yoga beginnt bei einem selbst. Es ist der eigene Weg, der Ruf nach dem Erkennen der eigenen Fähigkeiten, und dafür können der Yogalehrer und auch der Personal-Yoga-Trainer behutsam die richtigen Weichen stellen. Natürlich gilt auch hier, dass der Impuls zunächst vom Schüler ausgehen muss: „Der Lehrer kann nur in Erscheinung treten, wenn der Schüler bereit ist“. Wichtig ist dann das Abholen des Schülers an dessen eigener Haustüre. Denn der Weg des Schülers sollte auch der Weg des Lehrers sein, wenn man für seinen Schüler der Personal Yoga Trainer sein möchte.

Die Entwicklung von Personal Training in Deutschland und die Übertragung auf Yoga
Personal Training wurde in Deutschland maßgeblich von Eginhard Kieß, einem Diplomsportwissenschaftler aus Köln, konzeptionell entwickelt. Anfänglich haben Personal Trainer aus Hollywood, wie Jennifer Wade in Deutschland das „PT“ (Personal Training) etabliert, aber das System wurde in Deutschland mit Sicherheitsthemen und wissenschaftlich zeitgemäßen Trainingsmethoden verbessert und vom deutschen Markt adaptiert. Unzählige Aus- und Weiterbildungen sowie Kongresse speziell nur für Personal Trainer sind das Ergebnis der langjährigen passionierten Arbeit von Kieß. Seit dem Jahr 2000 gibt es den „Bund Deutscher Personal Trainer“, eine Vereinigung, die es sich auferlegt hat, „neben der notwendigen Spezialisierung von Personal Trainern ein integratives Berufsverständnis zu fördern.“ Inspiriert von deren Arbeit begann ich schon sehr früh, die Systematik des Personal Trainings auf Yoga zu übertragen. Auf meinen Stationen, darunter Köln und Frankfurt, begann die allgemeine Nachfrage nach Yoga auch auf dem fruchtbaren Boden des privaten Trainings zu wachsen. Schließlich gründete ich ein Konzept-Yoga-Studio, bei dem das Personal Training eine essenzielle wirtschaftliche Säule war, die das Überleben und Wachstum des Yogastudios immens unterstützte. Als einziges Studio deutschlandweit erzielte man in der Banker-Stadt Frankfurt beim Privattraining mit reinem Yoga-Training immense Zahlen. Monatlich betrug die Nachfrage 1500 bis 2000 Stunden. Es war erkennbar, dass das Personal Training sich etablierte, denn die Nachfrage nach individuellem und persönlichem Training wollte gestillt werden. Ein neuer Markt wurde geboren.

Wie kann ein Yogalehrer sich erfolgreich ein „Standbein“ als Personal Yoga Trainer aufbauen?
Zunächst sollte man klären, was man als junger oder auch als fortgeschrittener Yogaschüler von seinem Personal Trainer erwartet. Welchen Herausforderungen stellt sich der Personal Trainer?
Natürlich steht eine unanfechtbare Kompetenz durch langjährige Erfahrung und durch eine sehr gute Ausbildung im Vordergrund. Der Spaßfaktor und ein positives Empfinden können durch abwechslungsreiches oder auch durch ritualisiertes Training gefördert werden. Zudem freut sich der Schüler bei stetigem Trainingsfortschritt über eine methodisch ausgewogene Übungsauswahl. Wenn der Personal Trainer auch noch darauf achtet, ein persönliches und maßgeschneidertes Coaching in jede Stunde hineinzubringen, dann sind die Grundbedingungen schon mehr als erfüllt. Das Wichtigste ist aber vor allen Dingen eins: Aufmerksamkeit! Der Schüler will Aufmerksamkeit, denn jeder Mensch braucht eine gewisse Aufmerksamkeit. Die Antennen der Empathie und die Fähigkeit, „lesen“ zu können, was der Schüler will, kann man entwickeln und erlernen.

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Zum einen gilt es, sich durch Leidenschaft und Willen auf dieser Ebene zu professionalisieren. Zum anderen wird empfohlen, sich eine Systematik im Umgang mit den Kunden aufzubauen, um seine Arbeit auch langfristig zu sichern.
Mittlerweile unterrichten viele Yogalehrer im privaten Bereich. Aber welche Stellschrauben sind zu drehen, um sich auch nachhaltig zu etablieren?
Eine Verbandszugehörigkeit ist sinnvoll, denn ein ständiger Austausch mit anderen Personal Trainern fördert die Wissenssammlung. Man kann seinen Status als Coach durch Netzwerktreffen und durch umfassende Weiterbildungen stets aufrechterhalten. Daher achten die Personal-Trainer-Verbände auf ein strenges Aufnahmeverfahren und beanspruchen Qualifikationssicherungen und Zertifizierungsnachweise. Nach Aufnahme werden dem Personal Trainer Club-Vorteile geschaffen, ähnlich wie es bei einer Mitgliedschaft etwa beim ADAC usw. der Fall ist. Die Verbände übernehmen das Marketing, helfen bei Versicherungsfragen und weisen auch besonders auf den Support in steuerrechtlichen Fragen hin. Ein wesentlicher Faktor ist zudem das Google-Ranking für die Kundenaquise. Die Plattformen erhalten durch Google-Adwords und Sucherleichterungsmaßnahmen ein höheres Ranking und können somit gewährleisten, dass die Mitglieder besser gefunden werden. Der Kunde kann sich dann nach eigenem Belieben den Lehrer, der sich und seine Leistungen in seinem Profil beschreibt, aussuchen.

Ein Muss ist es, an seiner Reputation arbeiten. Eine professionelle Online- Visitenkarte ist heutzutage Standard, denn der Kunde will sich zuerst über die Dienstleistung des Trainers informieren. Eine Website ist Pflicht. Booklets oder Flyer kann man Interessenten mitgeben, und ein eigenes Netzwerk von Multiplikatoren ist ebenso förderlich. Das können Fachärzte, Physiotherapeuten, aber auch der Frisör von nebenan sein. Nicht selten erhält man einen Anruf von „einem Freund“, der den Personal Trainer weiterempfohlen hat.

Für Trainer und Schüler gleichermaßen intensiv: die gemeinsame Arbeit auf mehreren Ebenen
Jeder Personal Trainer sollte sich stets ins Bewusstsein rufen, dass der Schüler während der Stunde die wichtigste Person ist, die im Fokus steht.
Man sollte es sich zur Aufgabe machen, so viele Informationen über den Schüler einzuholen wie es geht. Einer umfassenden Analyse durch Anamnese, sowohl schriftlicher Natur als auch in einem persönlichem Interview, folgt das Kennenlernen auf menschlicher Ebene. Und dies kann nur durch gemeinsame Trainingszeit geschehen.
Der Schüler erwartet neben der reinen Yogakompetenz eine gewisse Nahbarkeit.
Oftmals wird das Training zur Nebensache, wenn sich der Schüler nicht von seinem Alltag loseisen kann und den Kopf nicht freibekommt. Manchmal ist der Lehrer die „Schulter“, die man zum Ausweinen braucht. Hier wird dann eine hohe Sensibilität erwartet. Dadurch ist die Arbeit als Personal Trainer sehr abwechslungsreich, aufschlussreich und wertvoll. Durch die Intensität der Zusammenarbeit entsteht Dankbarkeit, denn man wächst durch das Kennenlernen des Menschen auch über  seine eigenen Lehrfähigkeiten hinaus. Das interaktive Zusammenwirken bringt immer neue Erkenntnisse über den „alltäglichen Wahnsinn“, dem die Schüler bzw. alle Menschen ausgesetzt sind. Man lernt durch die Arbeit auch viel über sich selbst, denn oft reflektiert man über sich selbst und erkennt, dass man ähnlich oder vielleicht genauso stressbezogen (re)agiert. Der Personal Trainer ist neben der oft therapeutischen Arbeit am Körper vor allen Dingen eins: ein „Seelentherapeut.“

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