Der August ist ein Monat voller Gegensätze: heiß und reif, fordernd und verlangsamt.
Für viele ist es die letzte Etappe des Sommers – und vielleicht genau der richtige Moment, um zu spüren, wo man eigentlich steht. Was in den letzten Wochen genährt hat – und was erschöpft. Was bleiben darf – und was gehen darf.
Kürzlich war ich in einer besonderen Yoga-Einheit.
Meine Schwester hat sie geleitet – und sie begann mit einem schlichten Satz:
„Heute geht es vor allem ums Sein.“
Reinspüren, was da ist.
Mit dem gehen, was sich zeigt.
Nichts zusätzlich – über die eigenen Möglichkeiten, hier, heute – leisten, nichts erreichen.
Im Yoga nichts Neues – aber wie so oft: die Klaviatur macht die Musik.
Besonders war auch das Thema der Stunde: Power & Balance.
Ein klarer Fokus, kraftvoll – und doch nicht nur „Attacke“.
Denn Stärke bedeutet nicht immer Härte.
In dieser Stunde ging es auch ums Integrieren: um die Kunst, fordernde Impulse mit innerer Weichheit zu verbinden.
Gerade das hat mich berührt – vielleicht auch, weil ich es aus meinen eigenen Yin-Yoga-Stunden kenne.
Dort ist das Integrieren – der Rebound – immer ein fester Teil der Praxis.
Ein Moment des Nachspürens, des Zulassens, in dem alles, was war, ankommen darf.
Und genau dieses Prinzip schwang auch hier mit – in einer ganz anderen, aber ebenso stimmigen Form.
Die Einheit war ruhig und gleichzeitig dynamisch, unaufgeregt und klar, fließend und ruhend.
Und sie hat einen Raum geöffnet für das, worum es in dieser Kolumne geht:
Anspruch. Selbstbilder. Und die Erlaubnis, einfach mal zu sein.
Auch – oder gerade – wenn die Sommerhitze uns antreibt und das viele Feuer in der Luft zu sagen scheint: Mehr! Weiter! Besser!
Was mich bewegt, dies hier zu erzählen:
Ich bin kraftvoller daraus hervorgegangen.
Nicht erschöpft vom Müssen – sondern genährt vom Dürfen.
Ich habe mich gestärkt, motiviert, verbunden gefühlt.
Und vor allem: gesehen. Nicht von außen – sondern von mir selbst.
Wenn das Feuer überhandnimmt
Der Sommer bringt nicht nur Sonne und Eiscreme mit sich, sondern auch ein energetisches Grundrauschen, das viele von uns – bewusst oder unbewusst – antreibt. Ayurvedisch betrachtet sind wir mitten in der Pitta-Zeit: warm, durchdringend, fordernd. Bei Pitta steht das „Wollen“ im Vordergrund.
Und diese Zeitqualität wirkt sich nicht nur auf unsere Verdauung oder unsere Haut aus, sondern auch auf unsere mentalen Muster.
Wenn du das Gefühl kennst, dass du nie genug tust – oder nie genug bist –, dann kennst du die Schattenseite von zu viel Pitta.
Denn Pitta bringt nicht nur Fokus und Klarheit, sondern auch Perfektionismus, Selbstkritik, Druck.
Was als gesunde Motivation beginnt, kippt manchmal in einen inneren Antreiber und Kritiker, der nur schwer zur Ruhe kommt.
„Da musst du jetzt durch. Reiß dich zusammen.“
„Andere schaffen das doch auch.“
„Wenn du’s nicht machst, macht’s keiner.“
Sätze wie diese haben sich tief eingebrannt – nicht selten stammen sie aus Kindheit oder Berufswelt. Und obwohl wir sie oft gar nicht mehr bewusst denken, handeln wir danach.
Zu oft. Im selben Modus. Tag für Tag.
Das müde Herz unter dem glänzenden Anspruch
Ich treffe in meinen Coachings immer wieder Frauen, die sehr klar, sehr stark, sehr diszipliniert wirken.
Aber unter dieser glänzenden Oberfläche wirkt nicht selten eine Müdigkeit – vom Müssen, alles im Griff haben, Funktionieren. Und die Sehnsucht nach: Nur mal da sein dürfen – mit all dem, was mich ausmacht.
Viele dieser Frauen haben sich ein Leben aufgebaut, das von außen beeindruckend wirkt.
Sie erfüllen Erwartungen, managen Familie und Job, kennen sich mit Routinen, Supplements und Selbstoptimierung aus.
Aber sie wissen oft nicht mehr genau, was sie wirklich nährt.
Oder sie spüren es noch – erlauben es sich aber nicht.
Weil irgendwo tief drin der alte Anspruch sitzt:
Ich kann erst dann entspannen, wenn alles erledigt ist.
Svastha – und was es mit deinem echten Gleichgewicht zu tun hat
Eines meiner Lieblingskonzepte im Ayurveda ist Svastha.
Es beschreibt den Zustand, in dem ein Mensch wirklich bei sich ist.
Nicht nur körperlich gesund – sondern emotional, mental und seelisch im Einklang mit seiner ureigenen Natur.
Wörtlich übersetzt bedeutet Svastha so viel wie „im Selbst verweilend“.
Das klingt erstmal spirituell – ist aber auch ziemlich praktisch. Denn es bedeutet:
- Ich kenne meine Grenzen – und respektiere sie.
- Ich erkenne, was mich wirklich nährt – und was mich leer macht.
- Ich weiß, wann ich im Gleichgewicht bin – und wann ich mich verliere.
Ayurveda sagt: Wenn wir uns ständig überfordern, übergehen, überstimulieren, verbrauchen wir unser Ojas – unser inneres Leuchten, unsere Kraftreserve, unsere Substanz.
Und irgendwann sind wir nicht mehr satt – sondern leer. Nicht mehr stark – sondern erschöpft.
Nicht mehr verbunden – sondern orientierungslos.
Zurück zum Dürfen
Diese Yogastunde, von der ich eingangs sprach, war wie ein liebevoller Reminder:
Du darfst.
Du darfst entscheiden, wie weit du heute gehen möchtest und kannst.
Du darfst müde sein.
Du darfst aufhören, dich anzutreiben.
Manchmal braucht es gar keine große Intervention, kein Retreat, kein Coaching.
Sondern nur eine kleine Geste, eine kleine Erinnerung.
Ein Moment, in dem du dich selbst siehst – mit einem weichen, wachen Blick.
Vielleicht ist das auch deine Einladung für diesen Sommer:
Nicht mehr leisten, sondern leben.
Nicht mehr kämpfen, sondern lauschen.
Nicht mehr reagieren – sondern dich erinnern, was du wirklich brauchst.
Und jetzt?
Wenn du das Gefühl hast, dass dein Anspruch dich mehr schwächt als stärkt, dann frag dich heute mal ganz ehrlich:
- Wofür strenge ich mich gerade an?
- Was würde ich tun, wenn ich niemandem etwas beweisen müsste?
- Was brauche ich wirklich – heute, in diesem Moment?
Und dann helfen Dir vielleicht diese Impulse – als Einladung:
- Lass heute eine Sache bewusst weg.
Etwas, das du sonst „automatisch“ tust – eine Aufgabe, ein Muss, ein innerer Antreiber. - Tausch sie gegen ein Dürfen.
Geh barfuß. Iss langsam. Mach einen Spaziergang ohne Ziel. Leg dich zehn Minuten auf den Boden.
Und atme. Einfach nur atmen. Nichts leisten. Nur da sein. - Frage dich danach:
Wie fühle ich mich und wie will ich mich fühlen? Und was nährt mich wirklich?
August also. Der Sommer ist noch da, aber irgendwas kippt schon.
Die Tage wirken satter, das Tempo nicht mehr ganz so hoch.
Vielleicht genau der Moment, um mal zu spüren:
Wo stehe ich eigentlich gerade – und was brauche ich wirklich?