Traumatische Erfahrungen sitzen tief in unseren Zellen. Tiefer, als uns lieb ist. Die gute Nachricht: Heilung ist trotzdem möglich.
Vielleicht kennst du eine solche Situation: Du sitzt vollkommen entspannt in deinem Wohnzimmer auf dem Sofa und hast eine Tasse Tee in der Hand. Nach dem Tee willst du meditieren. Du freust dich so richtig auf eine Zeit nur für dich, auf einen entspannten Abend mit dir selbst. Der Kamin brennt, der Raum ist wohlig warm, und niemand stört dich. Du fühlst dich wohl und irgendwie auch sicher. Und trotzdem rumort immer wieder etwas in dir und lässt nicht zu, dass du dich so richtig in das Sofa und den Tee hineinentspannen kannst.
Kommt dir diese Situation vertraut vor?
Es ist diese diffuse Unruhe, die so viele Yogis so gut kennen. So, als sei dieses Gefühl ein Teil von uns selbst. Dieses leise Grundrauschen, das sich nicht abstellen lässt, egal wie sehr wir uns bemühen, rational zu bleiben. Ein Teil von dir sagt dir immer wieder: „Ich bin doch sicher!“ Und gleichzeitig gelingt es dir nie, dich körperlich ganz zu entspannen.
Solltest du dich hier wiedererkennen, dann möchte ich dir gerne eine Erklärung dafür geben, die es dir möglicherweise leichter macht, dein Verhalten einzuordnen. So erging es mir zumindest. Für mich fügten sich immer mehr Puzzleteile in mir zusammen, als ich begann, mich mit einem wichtigen Aspekt der modernen Traumaforschung zu beschäftigen: mit Neurozeption. Und mit der Frage, was Sicherheit wirklich bedeutet. Und zwar nicht als kognitives Konzept im Kopf, sondern als gelebter Zustand im Körper.
Das Nervensystem, ein schlafloser Wächter
Der Neurowissenschaftler Stephen Porges hat mit seiner Polyvagal-Theorie etwas beschrieben, das viele von uns intuitiv kennen, aber selten in Worte fassen können. Unser hochintelligentes autonomes Nervensystem scannt in jeder Sekunde unseres Lebens die Umgebung – und das nicht bewusst, nicht aus einer aktuellen Bedrohung heraus, sondern vollkommen automatisch. Es sucht dabei permanent nach Signalen, die uns sagen, wo wir sicher sind, ob eine Gefahr herrscht oder ob wir uns entspannen können.
Diesen autonomen Wahrnehmungsprozess nennt Porges Neurozeption. Dabei handelt es sich eben nicht um eine kognitive, bewusst gesteuerte Wahrnehmung, sondern um etwas Automatisches. Die Neurozeption arbeitet unter der Schwelle des Bewusstseins. Sie lauscht permanent in das Innere des Körpers hinein, nimmt Signale aus der Umwelt auf, liest Gesichter und Stimmen aus und muss dann blitzschnell entscheiden: Parasympathikus oder Sympathikus? Verbindung oder Rückzug? Öffnung oder Schutz? Flucht oder Angriff?
Registriert das Nervensystem ein Gefühl von Sicherheit, dann befinden sich Sympathikus und Parasympathikus in einem harmonischen Zusammenspiel oder genauer gesagt innerhalb dessen, was in der Traumaforschung als Stresstoleranzfenster bezeichnet wird. Damit gemeint ist ein Zustand, in dem wir mit uns selbst und mit anderen in Verbindung sind und uns dabei selbst regulieren können. Wir entspannen uns und haben das Gefühl, lebendig und Teil von etwas zu sein.
Der Wächter auf Daueralarm
Aber wenn das Nervensystem durch frühe Erfahrungen anders kalibriert wurde, ist dieses Gefühl der Entspannung leider nicht möglich. Besonders bei Menschen, die frühe traumatische Erfahrungen gemacht haben, meldet die Neurozeption – dieser innere stille Wächter – dauerhaft Gefahr. Und zwar auch dann, wenn objektiv keine besteht.
Menschen, die Entwicklungstraumata, Bindungstraumata oder pränatale Belastungen erlebt haben, tragen sogar eine tiefe zelluläre Erinnerung in sich, die dem Nervensystem permanent signalisiert: Sei ja wachsam! Vertrau bloß niemandem! Es ist nicht sicher!
Das Tragische daran ist, dass diese Erinnerungen nicht in Form von Geschichten oder Bildern im Präfrontalkortex gespeichert sind. Stattdessen sitzen sie im impliziten Körper- bzw. Zellgedächtnis, jenseits von Sprache und Kognition. Schon im Mutterleib beginnt die Prägung: Wenn eine Mutter während der Schwangerschaft unter hohem Stress steht oder Gewalt erlebt, empfängt das heranwachsende Kind auf hormoneller und biochemischer Ebene exakt dieselben Signale wie die Mutter. Sie sind eingebrannt in die Zellen. Nicht in Form eines Narrativs oder eines Bildes oder eines Gedankens. Diese zelluläre Information sagt permanent: Die Welt ist bedrohlich! Lass nicht die Kontrolle los!
Inzwischen belegen auch zahlreiche Studien, wie viel ein Embryo oder Fötus im Mutterleib mitbekommt und wie sich diese Erfahrungen auf zellulärer Ebene einprägen. Das Ergebnis ist eine Neurozeption, die Gefahr und Sicherheit nicht mehr zuverlässig unterscheiden kann. Das Nervensystem bekommt aus dem Inneren des Körpers ständig die Botschaft, auf der Hut sein zu müssen, und so entsteht ein Zustand chronischer Anspannung. Daraus können sich Ängste, Panikattacken, Erschöpfung, diffuse körperliche Symptome oder auch Autoimmunreaktionen entwickeln. Der Körper kämpft nur nicht mehr gegen eine wirkliche Bedrohung, sondern gegen sein eigenes Gedächtnis.
Vernunft allein reicht nicht aus
Vielleicht kannst du dir auch vorstellen, dass du solche zellulären Erinnerungen hast. Und auch dann, wenn es noch so schön, noch so gemütlich ist: Du weißt zwar im Kopf, dass du gerade sicher bist. Du hast es dir selbst erklärt, vielleicht sogar hundertmal. Und trotzdem bleibt dieses nagelnde Gefühl, dass du auf der Hut sein musst. Und hier ist Selbstmitgefühl statt Selbstanklage angesagt: Das ist kein Versagen deines Willens. Das ist pure Neurobiologie.
Die Neurozeption arbeitet wie gesagt unterhalb der kognitiven Ebene. Das autonome Nervensystem kann Informationen aus dem impliziten Körpergedächtnis nicht durch rationale Argumente überschreiben. Ein Gedanke wie „Ich bin sicher!“ ist wertvoll. Und er ist sogar eine wichtige Voraussetzung für Heilung. Aber er ist keine ausreichende Antwort auf das, was im Körper gespeichert ist. Hier liegt ein häufiges Missverständnis in der Traumaarbeit: Sicherheit zu begreifen und Sicherheit zu fühlen sind zwei grundverschiedene Dinge.
Sicherheit lernen – Schritt für Schritt
Die gute Nachricht lautet (und das weiß ich aus Jahren therapeutischer Begleitung und aus eigenem Erleben): Es gibt einen Weg heraus. Auch bei tief verwurzelten Prägungen im Nervensystem ist Heilung möglich. Der kleine Wermutstropfen: Diese Heilung braucht Zeit, Selbstmitgefühl und Übung. Aber sie ist real.
Der erste Schritt ist das Schaffen äußerer Sicherheit: Gibt es in deinem Leben Menschen, bei denen du dich wirklich sicher fühlst, und zwar bedingungslos? Gibt es einen Ort, einen Raum, wo du zur Ruhe kommst? Gibt es Tätigkeiten, die dein Nervensystem regulieren? Bewegung, Naturspaziergänge, Yoga, kreatives Tun, Stille? Diese äußeren Anker sind nicht die Lösung des Problems im Nervensystem, aber sie sind der Boden, auf dem Heilung beginnen kann.
Was dann ansteht, ist das, was in der somatischen Traumaarbeit als Selbstregulation bezeichnet wird: die Fähigkeit, das eigene Nervensystem von innen heraus zu beeinflussen, zu halten und zu beruhigen. Und damit verbunden das Entwickeln von Containment, einem inneren Halt, der dir nach und nach erlaubt, die im Körper gespeicherte Überlebensenergie zu spüren, ohne dabei das Stresstoleranzfenster zu verlassen.
Das Pony vor dem Rennpferd
Es gibt eine wunderschöne Metapher, die den Prozess der Heilung beschreibt. Stell dir vor, das Ziel wäre, eines Tages sicher auf einem Pferd zu reiten. Du würdest niemanden direkt auf ein galoppierendes Rennpferd setzen, oder? Du würdest zuerst mit einem kleinen Pony oder einem sehr zahmen Pferd beginnen und mit ihm einfach mal in Kontakt gehen. Nach einiger Zeit würdest du dich dann draufsetzen, dich erst führen lassen, im Schritt, dann im Trab reiten. Und erst dann, wenn du dich wirklich sicher fühlst, würdest du im Galopp reiten.
Genauso verhält es sich mit der Energie, die in einem traumatisierten Nervensystem gespeichert ist. Wir tasten uns heran. Wir lernen, immer etwas mehr der inneren Intensität zu halten. Wir üben, mit unangenehmen Gefühlen in Kontakt zu bleiben, ohne sofort zu fliehen. Und irgendwann, wenn wir gelernt haben, uns selbst halten zu können, wenn die Energie einen Weg aus dem System findet, entsteht das, was wir Traumaintegration nennen: ein weiter werdendes Stresstoleranzfenster, ein wachsender innerer Halt, ein Gefühl von Sicherheit, das von innen kommt.
Sicherheit entwickeln
Sicherheit ist nichts, das man hat oder nicht hat. Sie ist etwas, das sich entwickeln lässt. Und zwar Schicht für Schicht, Atemzug für Atemzug, Erfahrung für Erfahrung. Sie entsteht nicht durch Überzeugung, sondern durch gelebtes Erleben: Das hier ist gut. Jetzt ist es sicher. Ich bin bei mir.
Mach dir deshalb immer wieder bewusst, dass du nicht falsch bist und dein Nervensystem nicht kaputt ist. Es hat getan, was es tun musste. Es musste überleben. Und jetzt, in diesem Augenblick, beginnt vielleicht der nächste Schritt: lernen, was es bedeutet, wirklich zu leben. Behutsam. Neugierig. Immer ein bisschen mehr bei dir selbst. Immer wieder ein bisschen mehr in dir selbst. Atemzug für Atemzug. Moment für Moment. Und das ist schon mehr als genug!