Viele Yogapraktizierende kennen es: Mit jedem Asana, jedem Atemzug entsteht eine tiefere Verbindung zum eigenen Körper. Doch das, was wir da eigentlich üben, hat auch einen wissenschaftlichen Namen: Interozeption – die Wahrnehmung der inneren Zustände. Im Interview spricht Christina Dillmann darüber, wie Yoga diesen sechsten Sinn stärkt und warum er nicht nur auf der Matte, sondern auch im Alltag unverzichtbar ist.
INTERVIEW
YOGA AKTUELL: Was genau ist Interozeption?
Christina Dillmann: Ich würde mit einer eher schmalen Definition beginnen: Im Begriff stecken „Intero“ (innen) und „zeption“ (Wahrnehmung).
Interozeption ist also das Gegenteil von Exterozeption, unserer Außenwahrnehmung über die klassischen Sinne wie Sehen, Schmecken oder Riechen. Während diese uns mit der Außenwelt verbindet, beschreibt Interozeption die Wahrnehmung unserer inneren Zustände.
Das reicht von Empfindungen wie Wärme oder Druck auf der Haut über Hunger, Herzschlag oder Atembewegung bis hin zu subtileren, stressinduzierten Wahrnehmungen – etwa einem zusammengezogenen Magen. Entscheidend ist: Aus einem körperlichen Signal wird ein Gefühl.
Kurz gesagt: Interozeption startet auf biochemischer Ebene; es ist das Fühlen der inneren Zustände im Körper – und das Handeln, das daraus entsteht.
Das ist also die kürzere Definition von Interozeption. Und wie lautet die längere?
Die längere Definition von Interozeption beginnt dort, wo die Biochemie in uns wirkt: Zellen kommunizieren über Botenstoffe, Organe stehen im Kontakt mit dem Nervensystem, Signale wandern über das Rückenmark ins Gehirn. Damit betreten wir die Neuroanatomie – also die Frage: Wo passiert was im Gehirn, und wie wird es verarbeitet?
Geht man einen Schritt weiter, kommt die Psychologie ins Spiel: Was machen wir mit den Gefühlen, die aus diesen Signalen entstehen? Und noch weiter gedacht berührt das sogar die Philosophie: Wie handeln wir – oder reagieren wir – auf diese Gefühle?
Das Faszinierende an der Interozeption ist für mich genau diese Reise durch viele Disziplinen: von der klar messbaren Biologie und Neurophysiologie bis hin zu den weichen Fragen unseres Umgangs mit Gefühlen.
Inwieweit hilft uns Yoga, die Interozeption zu stärken – oder warum ist Interozeption wichtig für den Yoga?
Interozeption ist zunächst ein lebenswichtiger Prozess. Wenn wir nicht wahrnehmen, dass wir Hunger haben, essen wir nicht – und würden irgendwann verhungern. Studien zeigen eindrücklich, was passiert, wenn innere Signale dauerhaft ignoriert werden: So starb ein junger Mann in Asien nach 50 Stunden Computerspielen an einem Herzinfarkt, weil er weder gegessen noch geschlafen noch getrunken hatte. Er ist nicht an „fehlender Interozeption“ gestorben, aber daran, dass er die Signale seines Körpers völlig überging.
Und genau hier liegt die Verbindung zum Yoga: Yoga hilft uns, die Wahrnehmung für innere Prozesse zu schulen und die Verbindung zu uns selbst zu erhalten.
Genau darum geht es ja auch im Yoga…
Das Wort Yoga bedeutet „verbinden“ – und im Kern geht es genau darum: die Verbindung zu uns selbst. Yoga schult unsere Interozeption, besonders dann, wenn wir wirklich nach innen spüren: beim Bodyscan, im Yin-Yoga oder in vielen Formen der Meditation.
Für mich besteht hier eine enge Verbindung zwischen Interozeption und Yoga. Studien zeigen, dass Interozeption, manchmal auch als „sechster Sinn“ bezeichnet, unsere Intuition und Empathiefähigkeit stärkt. Wer mit sich selbst in Kontakt ist und die eigenen Gefühle wahrnimmt, kann auch die Gefühle des Gegenübers besser lesen – Freude oder Leid, Angst oder Liebe erkennen – und entsprechend handeln.
Auch in der Yoga-Philosophie geht es stark ums Nach-Innen-Lauschen – Patanjali nennt es Pratyahara, also das Zurückziehen der Sinne nach innen. Genau das ist Interozeption.
Spannend ist für mich auch die Frage, wie wir die Signale aus dem Körperinnern interpretieren. Ein schneller Herzschlag zum Beispiel ist zunächst nur ein biochemisches Signal. Wie wir ihn deuten, hängt von der Situation, unseren Erfahrungen, unserer Kindheit und Persönlichkeit ab.
Sehe ich jemanden, den ich liebe, klopft mein Herz vor Freude. Stecke ich in einem engen, stickigen Fahrstuhl, kann derselbe Herzschlag Angst auslösen. Das Signal ist identisch – das Gefühl völlig unterschiedlich.
Genau darin liegt die psychologische und philosophische Dimension: Je nachdem, wie wir Signale interpretieren und Gefühle integrieren, handeln wir unterschiedlich. Wichtig ist hier die Unterscheidung: Ein Signal ist zunächst nur biochemisch – etwa ein schneller Herzschlag. Im Gehirn wird dieses Signal in den Arealen, die Situationen einschätzen, interpretiert. Daraus entsteht dann ein Gefühl: Freude und Liebe, wenn ich jemanden wiedersehe – oder Angst und Enge, wenn der Fahrstuhl stecken bleibt.
Und genau hier erweitert sich die Definition von Interozeption: Es geht nicht nur um das Erkennen, Weiterleiten und Interpretieren von Signalen, sondern auch darum, die daraus entstehenden Gefühle zu integrieren – sie als Teil von mir anzunehmen. Integration heißt: ein Puzzleteil ins Ganze einzufügen.
Was genau im Yoga schult deiner Meinung nach besonders die Interozeption – die Asana-Praxis, die Meditation oder der Atem?
Ich sehe da mehrere Ebenen. Am naheliegendsten ist die Asana-Praxis: Wir arbeiten mit dem Körper und spüren in jede Haltung, in jeden Übergang hinein. Yoga funktioniert nie ohne dieses Hineinspüren.
Für viele Menschen ist es hilfreich, erst einmal über den Körper wieder im Hier und Jetzt zu landen. Um sich dann auch besser wieder spüren zu können. So wie du es auch definiert hast, klingt Interozeption für mich so wie eine Art von „innerer Achtsamkeit”.
Ja, absolut – eine innere Achtsamkeit und die Veränderung, die daraus entsteht. Genau das macht Yoga so spannend: Eine Yogastunde ist eine Pause vom Alltag, ein Raum, in dem ich mich selbst wieder spüren und diese Wahrnehmung schulen kann. Für mich ist das das Kontrastprogramm zu unserem kopflastigen Alltag.
Es ist diese Selbstverbindung, die zum Tragen kommt, wenn wir auf der Matte mit uns sein dürfen. Indem man wieder bei sich ankommt, merkt man, wie sehr man sich von sich selbst entfernt hatte – manchmal fließen sogar Tränen; irgendwas darf sacken. Gibt es eigentlich Studien, die die Verbindung von Yoga und Interozeption untersucht haben?
Noch nicht sehr viele. Interozeption wurde lange eher abgetan – so nach dem Motto „Intuition, sechster Sinn, das gibt es nicht“. Gerade in der westlichen Welt hat man Körper und Geist stark voneinander getrennt. Erst jetzt setzt sich zunehmend durch, dass der Körper direkt auf den Geist wirkt – oder besser gesagt: dass der Körper reagiert und daraus im Gehirn ein Gefühl entsteht. Wir reagieren also oft, bevor der Verstand die Situation überhaupt erfasst hat.
Direkte Studien zu Interozeption und Yoga habe ich keine gefunden.
Ich frage mich nämlich, wie man sich den Einfluss vom Yoga auf die Interozeption überhaupt wissenschaftlich anschauen könnte?
Das ist tatsächlich schwierig. Klinische Studien mit Yoga sind generell komplex, weil Yoga so vielfältig ist: Es gibt nicht den einen Yoga, sondern viele Stile und noch mehr individuelle Praktiken. Für wissenschaftliche Studien braucht man aber standardisierte Abläufe, die sich vergleichen lassen: Wie oft praktiziere ich? Was praktiziere ich – Asanas, Pranayama, Meditation? Genau das macht es so herausfordernd, Yoga in klinische Studien zu packen.
Dennoch gibt es Möglichkeiten. Man kann Interozeption auf verschiedene Arten messen. Ein Beispiel ist das funktionelle MRT: Es zeigt, wie gut bestimmte Hirnregionen – etwa die Insula, die für emotionale Verarbeitung zuständig ist – durchblutet und damit aktiv sind. Wenn die Insula gut durchblutet ist, ist sie sehr aktiv. Spannend wäre, zu prüfen, ob sich diese Aktivität durch Yoga verändert – gerade auch bei Menschen, die Schwierigkeiten haben, mit sich in Kontakt zu kommen.
Eine andere Methode ist die Herzschlag-Wahrnehmung: Dabei wird der Puls gemessen und gleichzeitig die Selbsteinschätzung der Teilnehmenden abgefragt, wie genau sie den eigenen Herzschlag wahrnehmen. Je näher die Werte beieinanderliegen, desto stärker ist die interozeptive Fähigkeit.
Und auch das finde ich super spannend: Denn so unterschiedlich die Stile auch sind – alle stärken dieses „Ich-spüre-mich“. Manchmal, wenn ich keine Zeit für eine physische Praxis habe, schließe ich einfach die Augen, nehme die Schwerkraft wahr und spüre, wo es Empfindungen in mir gibt. Ich bin nicht auf der Matte, aber ich mache Yoga – oder Nervensystemarbeit, was Yoga im Kern ebenfalls ist. Genau diese Momente helfen mir, mich wieder zu spüren, mich mit meiner Intuition, meinem „sechsten Sinn“ zu verbinden. Und ich glaube, das ist das größte Geschenk, das mir der Yoga gemacht hat.
Absolut, das sehe ich genauso. Wenn ich Yoga praktiziere, schule ich immer auch meine Interozeption.
Das ist auf mehreren Ebenen wertvoll: Zum einen für mich selbst – weil es mir hilft, gesund zu bleiben, mein Nervensystem in Balance zu halten. Es ist so wichtig, dass mein Nervensystem ausgeglichen ist, damit ich Entscheidungen in meinem Leben treffen kann, die ich treffen will und die nicht aus alten Mustern oder bloßer Anpassung heraus getroffen werden. Das ist für mich die erste Ebene, warum es so wichtig ist, einen guten Kontakt mit sich selbst zu haben und in der Lage zu sein, sich selbst spüren zu können.
Zum anderen wirkt es auch nach außen: Wer im guten Kontakt mit sich selbst ist, begegnet auch seinen Mitmenschen bewusster und klarer.
Hast du noch einen Tipp, den du abschließend Yogaübenden mitgeben möchtest, um ihr inneres Spüren vertiefen zu können?
Ich habe keinen Tipp, aber einen Gedanken, den ich gern dazu teilen würde – er hat mich den Sommerurlaub über begleitet. Ich war vier, fast fünf Wochen frei von äußeren Zwängen und Prägungen und habe gespürt, wie nah ich mir dadurch kam: Einfach weil mein äußeres Erscheinungsbild nicht so wichtig war – es gab nicht einmal einen Spiegel. (lacht)
Dabei fiel mir auf, wie sehr ich im Alltag – trotz Yoga und innerer Arbeit – doch mein Äußeres über mein Inneres stelle. Wie viel Energie, Zeit und Ressourcen in in Haare, Make-up, und Kleidung investiert werden, und wie wenig wir im Vergleich dazu in unser Inneres stecken. In diesem Kontrast, wo all das keine Rolle spielte, ist es mir richtig stark aufgefallen.
Genau hier setzt Interozeption an: Wie fühle ich mich? Was prägt mein Selbstbild? Wie bin ich geprägt? Muss ich bestimmte äußere Standards erfüllen – oder darf es auch egal sein? Mir wurde deutlich, wie stark die Außenwelt unser Selbstempfinden beeinflusst. Ich fand es wirklich spannend, dass die Außenwelt einen so wahnsinnigen Einfluss darauf hat, wie wir uns selbst spüren und wahrnehmen und wie heilsam es sein kann, diesen Einfluss mal für eine Weile auszuschalten…
Danke für diesen schönen Gedanken und das Gespräch.
| Mehr über Dr. Christina Dillmann und ihre Arbeit erfahren: https://www.happyoga-frankfurt.com oder bei IG: @happy_yoga_frankfurt |