Den meisten Menschen in der westlichen Hemisphäre ist Astrologie ein bekannter Begriff. Ein einfacher Blick auf das Geburtsdatum genügt oft, um das allseits bekannte „Sternzeichen“ zu erraten, und der eine oder die andere hat unter Umständen einen Artikel oder ein Buch darüber gelesen und geht dazu über, sich selbst und andere definieren zu wollen. Gleichzeitig steht die Astrologie unter einem fragwürdigen Ruf und löst nicht erst seit dem 20. Jahrhundert Kontroversen aus. Trotzdem scheint es so, als wäre Astrologie zu einem wachsenden Trend geworden, und besonders in den Sozialen Medien lässt sich erkennen, dass das Interesse an Astrologie stetig größer wird. Mit Begeisterung werden die Tierkreiszeichen zur Identifikation der eigenen Persönlichkeit herangezogen – nachvollziehbarerweise, da die Komplexität unseres Lebens immer mehr zunimmt und damit auch die Relevanz der Frage: „Wer bin ich? Und warum bin ich so, wie ich bin?“ Astrologie ist also letztendlich ebenso ein Weg, dem noblen Ziel der Selbsterkenntnis näherzukommen. Leider wissen viele jedoch gar nicht, worum es in der Astrologie geht, geschweige denn, wie sie funktioniert.
Den meisten ist zwar die westliche Astrologie geläufig, aber nur wenige haben bisher etwas von der „vedischen Astrologie“ gehört – besonders, wenn man nichts mit Yoga zu tun hat und die indische Kultur keine Rolle im eigenen Leben spielt. Viel verblüffender ist es, dass selbst unter Yogapraktizierenden weiterhin vorwiegend die westliche Astrologie verwendet wird und nur wenige sich mit vedischer Astrologie befassen. Dabei steht die vedische Astrologie in unmittelbarem Zusammenhang mit Yoga, Ayurveda und allem, was man dem hinduistischen oder vedischen Kontext entnehmen kann. Außerdem bietet sie klare Antworten, um das Phänomen der Astrologie zu entschlüsseln. Was also ist vedische Astrologie, und wie unterscheidet sie sich von der uns geläufigen westlichen Astrologie?
Jyotish, die Wissenschaft des Lichts
Die vedische Astrologie wird im Sanskrit als jyotish oder jyotir vidya bezeichnet. Jyotir bedeutet Licht, und vidya so viel wie Wissenschaft oder Wissen. Sprich: Jyotish ist die „Wissenschaft des Lichts“ – im Sinne der Lichtkörper, die am Himmel erkennbar sind.
Jyotish wird in drei Disziplinen unterschieden, die den drei Augen des Menschen zugeordnet sind: ganita, hora und nimitta.
-
Ganita bedeutet Mathematik oder Berechnungen. Hierbei geht es darum, die Bewegungen und Distanzen der Himmelskörper zu berechnen. Sie wird dem rechten Auge und der Sonne zugeordnet und ist daher maskulin konnotiert. Ein interessanter Fakt ist zum Beispiel, dass die Distanz zwischen Sonne und Erde ca. 108 × dem Durchmesser der Sonne entspricht – und das Gleiche gilt für Mond und Erde. Multipliziert man 9 × 12 (für die neun Himmelskörper und die zwölf Tierkreiszeichen, die in der vedischen Astrologie verwendet werden), so ergibt dies ebenfalls 108. Außerdem ist der Durchmesser der Sonne 108-mal so groß wie der Durchmesser der Erde. Diese Daten bilden die Grundlage dafür, dass wir z. B. 108 Sonnengrüße machen oder dass eine Mala 108 Perlen besitzt. Damit wird ersichtlich, dass man in der vedischen Kultur bereits vor Tausenden von Jahren dazu in der Lage war, komplexe Berechnungen durchzuführen. Vedische Astrologen versuchen also seit jeher, die heiligen Strukturen des Kosmos zu erkennen und sind damit maßgeblich für die Grundprinzipien von Yoga und spirituellen Praktiken, die der vedischen Kultur entspringen, verantwortlich.
-
Hora heißt im Sanskrit eigentlich „Stunde“, stammt aber ursprünglich vom Wort Aho-Ratra („Tag-Nacht“) ab. Hora ist die Wissenschaft der Astrologie, bei der die Himmelskörper mit Qualitäten versehen werden. Sie ist dem Mond, dem Femininen und dem linken Auge zugeordnet. Diese Interpretation des Sternenhimmels und der darin befindlichen Himmelskörper oder grahas (wie sie auf Sanskrit genannt werden), verdanken wir den Rishis – Heiligen der Vergangenheit wie z. B. Parashara oder Jaimini –, deren Texte bis heute das Fundament der vedischen Astrologie bilden.
-
Nimitta bedeutet so viel wie Omen, Zeichen, Ursache oder Grund. In dieser Disziplin geht es um das Deuten jedweder Geschehnisse sowie um das Lesen von Händen oder Gesichtern. Sie steht mit dem „dritten Auge“ und dem Planeten Jupiter in Verbindung. Ein Beispiel: Wenn ein Astrologe einer Person ein Mantra empfiehlt und währenddessen draußen ein Krankenwagen vorbeifährt, kann er dies als Zeichen werten, dass es das falsche Mantra ist.
In erster Linie besteht die Aufgabe der vedischen Astrologie darin, zunächst die Positionen der Gestirne zu bestimmen. Anschließend werden anhand der ihnen zugeordneten Qualitäten Zeitpunkte und deren Auswirkungen sowie Kausalitäten interpretiert. Damit sind „Zeit“ und ihre Qualitäten der zentrale Untersuchungsgegenstand der vedischen Astrologie.
Deshalb wird der uns bekannte Tierkreis auch Kalapurusha genannt, was so viel wie „Körper der Zeit“ bedeutet. Dieser Körper der Zeit bezeichnet – vom Kopf ausgehend, der dem Zeichen Widder zugeordnet ist – alle Körperteile bis zu den Füßen, die dem Zeichen Fische zugeordnet sind. Der „Kalapurusha“ ist als Ebenbild der Gottheit Vishnus, des großen Erhalters des Universums im Hinduismus, zu sehen, der außerdem die neun „Grahas“ oder Himmelskörper geschaffen hat, die in der vedischen Astrologie verwendet werden. Diese sind, in der Reihenfolge der Wochentage, mit dem Sonntag beginnend: Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn, sowie Rahu Samstagnacht, der nördliche, und Ketu (Dienstagnacht), der südliche Mondknoten. Planeten wie Uranus, Neptun und Pluto sind in der vedischen Astrologie nicht enthalten, da sie aufgrund ihrer Entfernung mit bloßem Auge nicht sichtbar sind. Die Idee ist, dass Vishnu diese „Grahas“ erschaffen hat, damit wir dazu in der Lage sind, unser Karma zu erfahren. Diese Grahas haben jedoch eine noch bedeutendere Aufgabe, da sie die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten des Daseins beschreiben und damit dazu dienen, das „Dharma“ der Welt zu erhalten. Die Grahas sind in dem Sinne dafür verantwortlich, dass das Leben überhaupt einer Ordnung folgt und nicht ausschließlich im reinen Chaos verharrt.
Vedische Astrologie ist ein System, das uns die Grundprinzipien des Lebens verständlich machen will, mit dem Ziel, uns in Einklang mit der Zeit und dem Rhythmus des Kosmos zu bringen. Das heißt, vedische Astrologie erklärt uns vor allem unser Karma anhand der Bewegungen der Gestirne und stellt dadurch eine Verbindung zwischen dem Himmel über uns und den Neigungen unserer Persönlichkeit und Psyche her. Vedische Astrologen wurden früher deshalb auch Daivajna genannt, was so viel bedeutet wie „jene, die das Wissen der Götter besitzen“ oder auch „Schicksalskundige“.
Warum vedische statt westliche Astrologie?
Einer der größten Unterschiede zwischen vedischer und westlicher Astrologie besteht darin, dass die vedische Astrologie den siderischen Tierkreis verwendet und somit den tatsächlichen gegenwärtigen Sternbildern und deren Positionen entspricht. Die westliche Astrologie hingegen verwendet jenen Tierkreis, wie er vor 2000 Jahren am Himmel zu sehen war. Damals ging am 21. März tatsächlich die Sonne in das Tierkreiszeichen Widder über. Die westliche Astrologie hat dies bis heute nicht geändert, da sie sich vor allem an der Sonne und den Jahreszeiten orientiert.
Dies ist der Grund, warum in der vedischen Astrologie und dem siderischen Tierkreis alle Planeten um etwa 24° zurückverschoben werden. Dieser Umstand führt oftmals zu Verwirrung, da sich das bekannte „Sternzeichen“, sprich das Zeichen, in dem sich die Sonne befindet, im Vergleich zum westlichen System oft ändert. Letztendlich sind jedoch beide legitime Systeme, die mit erprobten Techniken die Qualitäten eines Zeitpunktes zu interpretieren versuchen, wobei anzumerken ist, dass sie in vielen Belangen komplett unterschiedlich funktionieren. Zum Beispiel misst die westliche Astrologie der Sonne die größte Bedeutung zu. Damit liegt der Fokus stark auf dem Individuum, der Persönlichkeit und dem Ego. In der vedischen Astrologie sind es sowohl der Aszendent (das Zeichen, das sich am östlichen Horizont befindet) als auch der Mond, die eine große Rolle spielen. Während der Aszendent wiederum die Person beschreibt, weist der Mond auf unser soziales Gefüge, unsere geistige Disposition und unsere mentalen Vorgänge hin.
Vedische Astrologie und Yoga:
Wo sich die vedische Astrologie nun wirklich auszeichnet und besonders für Yogapraktizierende eine außerordentliche Relevanz erhält, ist ihr Verhältnis zu spiritueller Praxis und zu spirituellen Prinzipien. Zum einen stellt sie einen klaren Bezug zu vergangenen Leben her und erklärt, wie diese unsere Gegenwart beeinflussen. Darüber hinaus bietet die vedische Astrologie exakte Wege und Möglichkeiten, unser Schicksal und unser Karma positiv zu beeinflussen. Alle Planeten und Zeichen stehen in der vedischen Astrologie beispielsweise in einem unmittelbaren Zusammenhang mit bestimmten hinduistischen oder vedischen Gottheiten. Somit kann man unter anderem durch das Praktizieren der richtigen Mantras sich mit der Frequenz oder Energie einer Gottheit verbinden und dadurch die Auswirkungen der Planeten auf sich und damit sein Karma verändern.
Das Prinzip, dem hierbei gefolgt wird, ist das Drei-Körper-System der „Charaka Samhita“, dem ältesten medizinischen Buch des Ayurveda. In diesem Drei-Körper-System besitzen wir 1) einen grobstofflichen Körper, den sthula sharira, 2) einen feinstofflichen Körper, den sukshma sharira, und 3) einen kausalen Körper, den karana sharira. In unserem kausalen Körper befindet sich sozusagen unser ganzes Karma. Praktiziert man nun Mantras bzw. eine Praxis, die in Beziehung zu spezifischen Gottheiten steht, so beeinflusst man direkt den karana sharira und damit das Karma.
Außerdem kann die vedische Astrologie z.B. darüber Aufschluss geben, von welcher Gottheit man zur Befreiung geführt wird – die sogenannte ishta-devata –, oder welche Gottheit für das eigene Dharma, sprich die ganz persönliche Aufgabe in der Welt, zuständig ist und die dabei hilft, diese zu verwirklichen – die dharma-devata. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl weiterer Gegenmittel, die man anwenden kann, um sein Karma zu beeinflussen: z.B. an wohltätige Organisationen spenden, Pilgerreisen zu religiösen Stätten unternehmen, Freiwilligenarbeit leisten oder einfachere Dinge tun, wie z.B. den richtigen Edelstein wählen oder passende Farben als Kleidung tragen.
Ferner genügt einem kompetenten vedischen Astrologen oft ein Blick auf das Horoskop, um zu identifizieren, welche Teile des Körpers anfällig für Krankheiten und Verletzungen sind. Dadurch besteht theoretisch die Möglichkeit, z.B. durch die richtige Yogapraxis den Körper vor etwaigen Problemen zu bewahren. Zudem kann für ayurvedische Behandlungen oder entsprechende Diätempfehlungen ebenfalls das Horoskop herangezogen werden.
Damit wird klar: Vedische Astrologie ist nicht nur das Lesen von Himmelskörpern und deren Bedeutung, sondern eine Anleitung für eine ganzheitliche Lebensführung. Sie stellt eine komplexe, spirituelle Wissenschaft dar, deren Aufgabe es ist, die Welt zu verstehen und – im Sinne des Wortes Jyotish – Licht in unser Leben zu bringen. Für Yogapraktizierende ist die vedische Astrologie eine Möglichkeit zur Bereicherung und Vertiefung der spirituellen Praxis. Sie bietet Wege, tieferes Bhakti und mehr Liebe zu empfinden und die Hingabe an das Göttliche innerhalb und außerhalb von uns zu intensivieren. Damit ist es – wie bereits erwähnt – das Ziel der vedischen Astrologie, jeden Menschen auf Basis seiner Individualität in Einklang mit dem Rhythmus des Universums zu bringen. Vedische Astrologie ist die Sprache, mit deren Hilfe wir den Himmel verstehen können.