Physiologischer Feueralarm: das Ayurveda-Konzept Hitze – Definition, Ursachen und Behandlung

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Das Element Feuer

Laut indischer Philosophie sind die fünf Elemente Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde gleichrangig an der Manifestation des physischen Universums beteiligt. Jedoch ist das zentral in der Elementenreihe positionierte Feuer das wahrscheinlich faszinierendste und beeindruckendste von allen, denn es kann weder berührt noch ohne gebührenden Sicherheitsabstand direkt erfahren werden. Als unsere Vorfahren gelernt hatten, wie man Feuer verwenden und kontrollieren kann, machte unsere Zivilisation einen evolutionären Schritt nach vorn. Seit dieser Zeit hat jede Kultur und Religion die transformative Natur des Feuers zu schätzen gewusst und effektvoll in Zeremonien und Ritualen zur Zelebrierung von Wandlung eingesetzt.

Pitta-Dosha

Ayurveda betrachtet die fünf Elemente und deren vitale Manifestation in lebenden Wesen mit Hilfe des Tridosha-Konzeptes. Ähnlich wie bei der Fünf-Elemente-Theorie ist der Feuer-Dosha (Pitta) zentral platziert und markiert auch hier die transformative Schnittstelle zwischen substanzloser Räumlichkeit und materieller Verkörperung. Aber Pitta ist nicht einfach mit dem Feuerelement gleichzusetzen, da es eine Kombination von sowohl Feuer als auch Wasser repräsentiert. Die harmonische Fusion solch antagonistischer Elemente zu einer vereinten Kraft stellt eine nahezu magische Amalgamierung dar. Pitta birgt somit transmutierende Energie und kann daher symbolisch als der Alchemist unter den Doshas angesehen werden. Als interaktiver Mediator zwischen verdichteter und subtiler Materie transformiert Pitta das externe Universum zur inneren Welt aller Lebewesen und hält somit den fortwährenden Austausch zwischen Makro- und Mikrokosmos aufrecht.

Pitta & Agni

Physiologisch betrachtet, repräsentiert Pitta den metabolischen oder Stoffwechsel-Dosha. Während Kapha für alle anabolischen und Vata für alle katabolischen Prozesse verantwortlich ist, sorgt Pitta dafür, dass das lebensnotwendige Gleichgewicht zwischen kreativem Kapha-Dosha und destruktivem Vata-Dosha erhalten bleibt. Um Pittas Funktion auf zellulärer Ebene präziser zu beschreiben, verwendet Ayurveda ein weiteres Feuerkonzept: Agni. Dieses ermöglicht das Verstehen spezifischer Stoffwechselvorgänge in Verdauungstrakt und Leber sowie allen anderen Organen und Geweben. Zwar stellt Agni wie auch Pitta ein metabolisches Feuer dar, aber zwischen beiden besteht ein wichtiger qualitativer Unterschied: Während Pitta aufgrund seines Wasseranteiles etwas feuchter Natur ist, repräsentiert Agni ein reines Feuer und ist somit trocken. Diese simple Differenzierung ist bedeutsam, denn sie erklärt, warum eine Pitta-Zunahme zu Agni-Dysfunktion führt. Es wird oft fälschlicherweise angenommen, dass erhöhtes Pitta zu besserer Verdauung und schnellerem Stoffwechsel führt, jedoch ist meist das Gegenteil zutreffend. Wenn nämlich Pitta und damit auch seine liquide Natur auf Dauer erhöht ist, agiert Pitta wie eine heiße Flut, die Agni überschwemmt. Agni wird dadurch seiner essenziellen Trockenheit beraubt und ausgelöscht – genau wie jedes andere Feuer, über das ein Eimer heißes Wasser gekippt wird. Pitta im Exzess verringert also die Verdauungskraft und führt zur Bildung von Ama – unverdauten Resten, die Agni noch mehr beeinträchtigen. Dies kann dann Blähungen, Aufstoßen, Sodbrennen, Übelkeit, Mundgeruch, Völlegefühl oder Müdigkeit nach dem Essen hervorrufen.

Zu den Nahrungsmitteln, die eine Zunahme an feuchtem Pitta verursachen, zählen Essig, Tomaten, Mangos, Orangen und die meisten Zitrusfrüchte, Fisch, Meerestiere sowie jede stark fermentierte Nahrung. Tomaten zum Beispiel bringen heiß-feuchte Qualitäten in den Körper und sind daher Pitta-steigernd und Agni-senkend. Zwar mögen Tomaten ein guter Lieferant für Antioxidantien sein, aber aufgrund ihrer nachteiligen Wirkung auf sowohl Agni als auch Säurehaushalt und Gelenke sollte man auf sie lieber verzichten. Chili dagegen ist heiß-trocken und müsste Agni eigentlich entfachen. Aber Chili ist so extrem in seiner Wirkung, dass die regelmäßige Einnahme zu einer drastischen Steigerung von Vata führt und Agni dadurch wie von einem heißen Wüstenwind ausgeblasen wird. Chili ist derart hochpotent, dass er eher als Therapeutikum denn als kulinarisches Gewürz zum Einsatz kommen sollte. Im Gegensatz dazu kann schwarzer Pfeffer von den meisten bedenkenlos verwendet werden: Zwar ist er auch heiß und trocken, aber nicht so drastisch in der Wirkung und daher Agni-unterstützend.

Die Konzepte Pitta und Agni ermöglichen ein Verständnis aller physiologischen Funktionen, die im lebenden Organismus vom Feuerelement kontrolliert werden. Allerdings hat das Feuerelement noch andere Auswirkungen auf den Körper, die nicht ausreichend mit Hilfe dieser beiden Konzepte erklärt werden können. Dafür gibt es ein weiteres Feuerkonzept, das zwar nicht in den klassischen Ayurveda-Texten erwähnt ist, aber von traditionellen Vaidyas für die Praxis entwickelt wurde.

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