In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Während die einen königlich frühstücken, kippen die anderen morgens nur mechanisch einen Espresso in sich hinein. Doch welches Frühstück ist aus ayurvedischer Sicht empfehlenswert? Tipps von Ernährungsberaterin Daniela Wolff

Das tägliche Frühstück ist für manche eine Art Holzfäller-Mahlzeit, für andere schlicht nicht existent. Da wir alle einzigartig sind und unsere Körper verschiedene Bedürfnisse haben, gibt es keine Formel für ein Frühstück, das für jeden passt.

Wenn man sich im großen Feld der modernen Ernährungsregeln umhört, wird die erste Mahlzeit des Tages oft als die wichtigste gepriesen: „Man braucht ein gutes Frühstück, um richtig in den Tag starten, sich konzentrieren, arbeiten, lernen usw. zu können“, liest man da. Oder auch: „Frühstücke wie ein Kaiser, speise zu Mittag wie ein König und iss abends wie ein Bettler.“

Der Biorhythmus der Verdauung

Es lohnt sich, den Biorhythmus der Verdauung mal mit der ayurvedischen Brille zu betrachten. In der Zeit von ca. 6–10 Uhr ist die innere Uhr im sogenannten Kapha-Modus. Das heißt, die Verdauung ist eher träge und schwach. In der klangvollen Bildsprache Sanskrit wählte man dafür den Vergleich mit dem „äußeren Feuer“ der Sonne, die morgens noch nicht so stark wärmt und erst zur Mittagszeit ihre volle Kraft entfaltet. Parallel dazu kommt unser „inneres Feuer“ – das Agni genannt wird – nur langsam „in die Pötte“, bevor das feurige Pitta gegen 10 Uhr in den Biorhythmus eingreift und die Verdauungskraft voll auf Touren bringt.

Ein Frühstück morgens um 6 Uhr stößt also auf eher schwache Resonanz im Körper. Die meisten Menschen haben in dieser Zeitspanne einfach keinen großen Appetit, und aus Sicht des Ayurveda lautet die Empfehlung eher: „Frühstücke wie ein Bettler“. Den Tag mit einem heißen Ingwerwasser oder Gewürztee (Zimt, Nelken, Ingwer, Pfeffer) zu starten, gibt der Verdauungskraft zumindest einen ersten Kick.

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Ein schweres, großes Frühstück würde das schwach glimmende Morgenfeuer zum Erliegen bringen, wie ein großer Stapel Holz ein Lagerfeuer erstmal eindämmt. Brote mit Butter, Marmelade, Käse, Wurst oder Eierspeisen zählen dabei zu den eher dicken Holzscheiten auf dem kleinen Feuer. Ebenso das als gesund eingestufte Müsli aus ungekochten Getreideflocken mit kalter Milch, Joghurt und Früchten sowie stark gezuckerte Frühstücks-Flakes. Viele wundern sich, warum sie danach so schläfrig im Büro sitzen.

Gegensätzliches gleicht sich aus

Schwere Lebensmittel, die innerhalb der ohnehin schweren und trägen Kapha-Zeit verzehrt werden, hemmen die Verdauung nach dem Prinzip „Gleiches erhöht Gleiches” – was zu Disharmonien führt. Dem Körper morgens mit einer warmen Mahlzeit etwas Feuer zu geben, unterstützt dagegen das harmonisierende Prinzip „Gegensätzliches gleicht sich aus”.

Die Kombination aus Milchprodukten mit Früchten gilt im Ayurveda als inkompatibel. Die sehr unterschiedliche Energie, Thermik und Verdauungszeit von Obst und Milchprodukten kann zu belastenden Substanzen im Körper führen, die nur schwer abgebaut werden. Nicht umsonst war diese Kombination bis vor ein paar Jahrzehnten auf keinem traditionellen Speiseplan zu finden.

Zuckriges Weißmehlgebäck, das es auf dem Weg zum Büro an unzähligen Backstationen gibt, würde im Gegensatz zum schweren Frühstück ein kurzes Strohfeuer abbrennen, das schnell wieder verpufft und keine nachhaltige Energie liefert. Diese auch qualitativ minderwertigen Backwaren führen zu einer Blutzuckerachterbahn mit Heißhunger auf Snacks und Zwischenmahlzeiten.

Das kleine Leichte

Am sinnvollsten ist ein kleines, leicht verdauliches und warmes Frühstück, das genügend nährt, um bis zum Mittagessen gut zu sättigen – aber leicht genug ist, um ausreichend frische Energie für die Morgentätigkeiten zur Verfügung zu stellen. Es ermöglicht einen klaren Geist und hohe Konzentrationsfähigkeit. Hierzu zählen Porridges, Griesbrei, gedünstetes Obst, Getreide-/Obst-Smoothies oder Suppen. Machen wir das leichte Frühstück zudem zu einem regelmäßigen Ritual, kann sich das Verdauungsfeuer darauf einstellen und belohnt uns mit viel Energie und einem Gefühl der Harmonie.

Von den erforschten Volksgruppen, die sehr alt wurden (z.B. auf Okinawa), hatte übrigens keine eine ausgiebige Frühstückskultur. Keine Regel ohne Ausnahme: Ein größeres Frühstück benötigen Menschen, die körperlich intensiver arbeiten oder intensiv Sport betreiben. Nicht umsonst heißt es „Holzfäller-Frühstück“, wenn jemand den Morgen z.B. mit Rührei und Bohnen beginnt.

Essen, wenn man hungrig ist

Ein gutes Signal für die richtige Frühstückszeit ist übrigens der Hunger. Wenn der Körper signalisiert, dass er Essen benötigt, macht sich das durch großen Appetit untrüglich bemerkbar. Der Magen ist am Morgen aufnahmefähig, wenn die vorige Mahlzeit schon eine Weile zurückliegt und diese auch gut verdaut ist. Dies erklärt auch, warum nicht jedes Familienmitglied am Morgen die gleichen Bedürfnisse haben kann. Sinnvoll wäre es oft, ein gutes, eventuell warmes Frühstück in die Schule oder zur Arbeit mitzunehmen und in der ersten Pause des Tages zu genießen.

Essen ohne Hunger bringt den Körper definitiv in Aufruhr. Oft ist die letzte Mahlzeit noch nicht verdaut, und schon kommt eine neue Ladung hinzu. Im Ernstfall führt dies zu kompletter Stagnation. Essen Menschen morgens nur, weil Frühstück auf dem Plan steht, ist das Resultat eine geschwächte Verdauung. Ein gut funktionierender Stoffwechsel ist jedoch der Schlüssel für starkes Gewebe, Vitalität und Immunstärke. Unverdaute Nahrung sammelt sich über viele Jahre im Gewebe an und führt über kurz oder lang zu Müdigkeit, Übergewicht und Verdauungsbeschwerden.

Frühstücken statt Mittagessen?

Manche Menschen bevorzugen ein üppiges Frühstück, weil für die eigentlich größte Mahlzeit des Tages, das Mittagessen, keine Zeit vorhanden ist. Das ausgiebige Mittagessen, das früher selbstverständlich war, scheint heute vom Aussterben bedroht. Ein größeres Frühstück mag in diesem Kontext sinnvoll erscheinen, doch es entspricht nicht dem natürlichen Verdauungsrhythmus. Die stärkste Verdauungskraft haben wir zwischen 10 und 14 Uhr – der ideale Zeitpunkt für die Hauptmahlzeit des Tages.

Nimmt man die Hauptmahlzeit abends zu sich, hat ein großes Frühstück noch weniger Sinn, da eine üppige abendliche Mahlzeit bis zum Morgen nicht verdaut sein kann. Deshalb kennen spät essende Kulturen wie z.B. die Franzosen eher ein Minifrühstück. Bis zum Mittag ist dann ausreichend Zeit, um das Abendessen des Vortags zu verdauen.

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