Das Beste kommt zum Schluss. Am Ende einer Yogastunde hilft Savasana in die vollständige Entspannung kommen

Dem Körper tut nach einer Zeit des Arbeitens und Streckens das Nichtstun gut. Herzschlag und Atem können zur Ruhe kommen, und aufbauende, regenerative Prozesse des Körpers stehen dann im Vordergrund. Der Geist wird zwar immer noch gebraucht, aber er ist von der Aufgabe befreit, die körperlichen Bewegungen und Haltungen zu steuern. Im allgemeinen ist am Ende einer Yogastunde auch das Denken, das Kreisen um die Probleme des Alltags, zur Ruhe gekommen. Wenn es dann gelingt, nicht den Abschweifungen zu folgen, nicht ins Träumen zu gehen, sondern bei der Wahrnehmung dessen zu bleiben, was hier und jetzt ist, erfährt man eine Art zu sein, die einem sonst verborgen ist.

Es gibt kaum jemanden, der sich nicht gerne entspannt. Die Ruhe, die Leere, das Nichts haben eine angenehme Qualität. Schon deshalb, weil wir dann keine Unruhe und Hektik empfinden. Das ständige Tun-müssen, Gefordertsein, Aufgaben erledigen entspricht nicht unserer inneren Natur. Wir sind körperlich, nervlich nicht darauf eingerichtet und leiden darunter. Tritt der Stress für eine gewisse Zeit in den Hintergrund, fühlen wir uns entlastet. Es ist ein schöner Zustand, weil das Belastende weg ist. Wie wenn man einige Wochen in Urlaub fährt, um sich vom ansonsten anstrengenden Leben zu erholen.

Aber die Leere ist nicht nur deshalb angenehm, weil das Unangenehme nicht da ist. Wenn es wirklich still in uns ist, wenn auch das Denken seine störende Qualität verliert, wenn das mentale Wissen aufhört, sind wir im Nicht-Wissen. Wenn wir es schaffen, das auszuhalten, nicht die Kontrolle zu haben, können wir einen inneren Frieden erfahren, nach dem wir uns immer sehnen, wenn wir ihn nicht haben. Das ist der Frieden und das Glück, das wir im Gesicht eines schlafenden kleinen Kindes sehen können. Das ist für mich der Grund unseres Wesens. Aus diesem Frieden heraus tätig sein zu können, ohne den Bezug dazu zu verlieren, ist eine Kunst, die es lohnt, zu lernen.

Viele Menschen können sich nicht gut entspannen, kommen körperlich oder in ihrem Denken nicht zur Ruhe. Eine ganze Entspannungs-Industrie lebt davon, dass wir das nicht mehr gut können. Yoga ist eine von vielen angebotenen Techniken, bei der die Menschen Hilfe in ihrer Not suchen. In den Augen vieler und in den Medien wird Yoga sogar oft vorwiegend als Entspannungstechnik angesehen. In vielen Kursen werden die Asanas eher stiefmütterlich behandelt und als untergeordnet angesehen. Entspannungshaltungen nehmen den weitaus größten Raum ein und werden oft von Fantasiereisen begleitet und mit beruhigender Musik angeboten. Das erfüllt auch in vielen Fällen die Erwartungen, die die Teilnehmer an Yoga stellen. Schränkt man Yoga auf diesen Aspekt ein, erfährt man jedoch nicht die Bedeutung und das volle Potenzial dieser körperlich-geistigen Disziplin.

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Entspannung und Frieden im Geist brauchen Entspannung und Harmonie im Körper. Rein mentale Entspannungstechniken wie Autogenes Training, angenehme Musik hören und bestimmte Meditationstechniken sind für viele Menschen sehr effektive Methoden, um zur Ruhe zu kommen. Sie sind leicht anwendbar und helfen sofort. Mit Gedanken lässt sich der Körper beeinflussen. In vielen alternativen Heilweisen werden zusätzlich zu physikalischen Anwendungen mit gutem Erfolg bestärkendes, positives Denken und Imagination eingesetzt.

Geistige Anspannung und Unruhe sind jedoch auch körperlich manifestiert, und der besondere Wert der Asanas liegt eben in der Beseitigung der körperlichen Spannungen und der Harmonisierung der körperlichen Vorgänge. Ich halte den Geist für die letzten Endes übergeordnete Instanz, aber den meisten Menschen ist es nicht möglich, sich allein durch geistige, mentale Techniken zu heilen und glücklich zu werden

Bewusstes und achtsames Üben stellt oft erst wieder die fühlende Verbindung her zu den einzelnen Körperteilen, die es dann ermöglicht, sie wahrzunehmen und zu beeinflussen. B. K. S. Iyengar sagte einmal sinngemäß, dass bei den meisten Menschen der Geist zerstreut und in tausend Bereichen beschäftigt ist, während der Körper mehr oder weniger eine weitgehend undifferenzierte Einheit ist. Durch Yoga kommt der Geist zur Einheit, und es wird möglich, den Körper in seinen Einzelheiten und seiner detaillierten Vielfalt zu spüren.

Beim Ausführen der Asanas wird der Körper aktiv erkundet, benutzt und gefühlt. Erst kommen die groben Bewegungen und Haltungen, und immer mehr gelingt es, Feinheiten zu beachten und die Ausführung einer Übung zu vervollständigen. Was ist das für ein Gewinn, wenn man lernt, seine Zehen zu spreizen und zu strecken! Wenn der Fuß genauso spürbar, beweglich und verfügbar intelligent wird wie die Hand.

In Savasana liegend, kann dann der Körper bis in die verstecktesten Ecken gespürt werden. Die körperliche Passivität ermöglicht dem Geist, sich ganz dem Fühlen zuzuwenden. Was vorher als Anspannung gar nicht bewusst war, kann jetzt, weil es wahrgenommen werden kann, aufgelöst werden.

Savasana ist also keineswegs vorwiegend zum Ausruhen gedacht. Es ist das schwierigste Asana. Der Geist ist nun das Instrument, dessen Handhabung geübt werden kann. Unser eigentliches Selbst ist weder der Körper noch der Geist. Wir brauchen beide als gut funktionierende Basis für unser Sein. Aber sie können uns auch das Leben schwer machen und brauchen daher unsere Aufsicht und Lenkung.

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