Geeta S. Iyengar ist die Tochter von B.K.S. Iyengar, dem Begründer des weltweit verbreiteten Iyengar-Yoga. Geeta S. Iyengar begann schon sehr jung, die Kunst des Yoga zu erlernen und unterrichtet seit 1962 im indischen Pune. Ihr Wissen vom Yoga verbindet sie mit dem Wissen über Ayurveda und wird deswegen von Schülern auf der ganzen Welt hoch geschätzt. In den letzten Jahren unterrichtete sie vermehrt in Australien, Europa, Südafrika und den USA. Lesen Sie, was die Tochter eines der bedeutendsten Yogalehrer unserer Zeit über die Verschmelzung von Yoga, Ayurveda und Schulmedizin sagt, und worin sich indische Frauen von den Frauen aus dem Westen unterscheiden, gerade im Hinblick auf die Yoga-Praxis

Judith Jones: Sind Sie der Meinung, dass Yoga, Ayurveda und Schulmedizin zusammenpassen?

Geeta S. Iyengar: Zweifellos, sie gehören nur zu verschiedenen Zweigen. Wir müssen die Schulmedizin genauso wie den Yoga und den Ayurveda wertschätzen. Ich denke, wenn alle diese verschiedenen Fachbereiche zusammenkämen, könnten sie wundervolle Ergebnisse erzielen. Sie könnten Wunder vollbringen! Jedoch um das zu ermöglichen, müssten auch alle 3 Zweige von allen studiert werden. Alle müssten Yoga praktizieren und sich mit Ayurveda und moderner Medizin beschäftigen. Ich glaube das wäre es ein wahrer Segen für die Menschheit. Aber getrennt voneinander entwickeln wir nur einzelne Seiten, wodurch Probleme entstehen können. Und so kommt es, als wäre eine Seite gegen die andere.

Ärzte denken nur in der Tradition der konventionellen westlichen Medizin und der schulmedizinischen Wissenschaft. Die Wissenschaft des Yoga ist die der Selbst-Erfahrung. Um für Yoga Verständnis zu entwickeln, muss man es notwendigerweise praktizieren, aber Schulmediziner  wollen in der Regel nicht herausfinden, wie Yoga funktioniert. Viele ayurvedische Ärzte wiederum wissen nichts über die schulmedizinische Wissenschaft und nichts über die Wissenschaft des Yoga. Sie gehen auch nur nach ihrer eigenen Methode vor. Die Yoga-Praktizierenden wiederum wissen weder etwas über Schulmedizin, noch über Ayurveda und auch sie wollen nur ihrer eigenen Methode folgen. Was meinen Vater B.K.S. Iyengar betrifft, so ist er immer offen für all diese Dinge gewesen, obwohl er als Yogi weder Mediziner noch ayurvedischer Arzt ist.

Wer heutzutage ein gesundheitliches Problem hat, nimmt Medikamente. Mein Vater versuchte herauszufinden wie man die Nebenwirkungen der Medikamente beseitigen kann. Wenn jemand versucht, seine Probleme oder Krankheiten medikamentös zu kontrollieren, so weiß mein Vater bis zu welchem Grad Yoga unterrichtet werden kann. Wenn jemand z.B. seinen hohen Blutdruck mit Medikamenten kontrolliert, wird mein Vater alle Lehrer darauf aufmerksam machen, welche Vorsichtsmaßnahmen dafür getroffen werden müssen. Er wird versuchen zu sehen, wie man den Blutdruck durch die Yogapraxis kontrollieren kann. Er würde einem nie raten, mit der Medikation aufzuhören. Im Gegenteil, all jenen, die Medikamente nehmen, sagt er was und wie viel sie üben sollen.

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Wenn man beginnt, sich besser und leichter zu fühlen, wenn kein Herzklopfen oder andere Symptome wie starkes Schwitzen, Schwindel etc. mehr auftreten, erst dann bittet er den Betreffenden, die Medikation zu reduzieren und die Yoga-Dosis zu erhöhen. Wenn der Blutdruck sich normalisiert hat, sind die Medikamente überflüssig geworden. Und mit Hilfe der Yoga-Praxis ist man dabei, zu genesen. Im Ayurveda gibt es einige gute Konzepte, die universell einsetzbar sind. Nehmen wir nur die 3 Doshas (Grundzustände) des Körpers. Wenn die moderne Medizin dieses Konzept aufgreifen und anwenden würde, könnte sie gewaltige Fortschritte machen. Mittlerweile akzeptiert die Schulmedizin immerhin bestimmte Hausmittel. Ein Beispiel ist Kurkuma (Gelbwurz). Dass es gut gegen Krebs ist, wusste man im Ayurveda von Anfang an.

Doch die USA wollen sich diese Substanzen gleich patentieren lassen. Anstatt zu patentieren, Geld zu machen, zu halten, besitzen zu wollen, anstatt immer nur in diese Richtung zu denken, sollten wir lieber umdenken und einsehen, dass wir alle im Besitz des Wissens sind, das dem Menschen ein wertvolleres Leben ermöglicht. Haben wir nicht das Recht, dieses Wissen zum Wohle aller und gemeinsam zu besitzen? Auf diese Weise ist das Wort “Veda“ entstanden. Veda bedeutet  “Wissen“. Die Vedas waren zuerst keine Bücher. Sie erschienen erst später in Buchform. Veda ist der Ozean des Wissens, der schon immer existiert hat. Vedas gehören nicht zu einer speziellen Sekte, Kaste oder Religion. Der Begriff Hinduismus z.B. taucht in keiner der Vedas auf. Die vedische Literatur spricht über die gesamte Menschheit.

Wenn also Ayurveda, Schulmedizin und Yoga zusammenkommen, können sie Wunder vollbringen. Wir sollten das nicht verleugnen oder zu einer rein ichbezogenen Angelegenheit machen. Nehmen wir doch einmal die sehr personenbezogene Frage, die sich auf die Entwicklung einer Yogapraxis für europäische Frauen bezieht. Macht es wirklich einen Sinn zu sagen, „oh, ich bin eine indische Frau, du bist eine europäische Frau“? Wir sind doch im Grunde gleich, haben die gleichen Probleme. Wir alle wollen gesund sein. Wir alle wollen glücklich sein. Es sind nur die Kulturen, das Aussehen, die Sprache und Nationalität, die evtl. ein paar Unterschiede machen. Sind nicht auch die Wolken überall die gleichen? Wir sagen doch nicht, das ist eine indische und das ist eine englische Wolke, das wäre unmöglich. Die Wolken sind die gleichen. Der Himmel ist der gleiche. Es gibt also keinen Unterschied. Wir müssen nur genauer hinschauen.

JJ: Können Sie beim Unterrichten von indischen und europäischen Frauen keine Unterschiede in deren Bedürfnissen feststellen?

GI: Zuerst einmal glaube ich, dass, wie ich schon sagte, alle Frauen mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Die Psyche der Frau ist überall gleich. Was allerdings die Lebensweise betrifft, gibt es sehr wohl Unterschiede in Bezug auf Kultur und Sitten. Sowohl die indische als auch die europäische und amerikanische Lebensweise ist Veränderungen unterworfen. Da sich die Umgebung verändert, verändern sich auch die Bedürfnisse der Menschen darin. Daraus entstehen Probleme, die scheinbar verschieden und getrennt voneinander stehen, aber wenn man die Ursachen dieser Probleme betrachtet, sind es immer die gleichen. Sie sind emotionaler Natur, altersbedingt, körperlich. Für alle Frauen sind diese Probleme sehr ähnlich. Wenn ich Yoga unterrichte, beziehe ich auf jeden Fall den kulturellen Hintergrund mit ein. In der Zeit als Indien noch nicht unabhängig war, standen die Frauen unter sozialem Druck und Stress. Unterschwellig existierte immer ein Angstkomplex.

Jetzt trauen sich die Frauen etwas mehr; es gibt viele, die mutig verkünden: “Wir machen Yoga.“ 1961, als ich mit Yoga anfing, waren es nur wenige, die das mit mir teilten. Als mein Vater 1936 begann Yoga zu unterrichten, kamen einige Frauen zu ihm nur weil er noch ein Junge war. Denn diese Frauen wollten auf keinen Fall von älteren Männern lernen, da sie schüchtern waren und Angst vor Männern hatten. Sie haben anstelle eines ausgewachsenen Mannes einen unschuldigen Jüngling vorgezogen. Heute, in unserer modernen Zeit findet man keinen unschuldigen 16-jährigen mehr. Am Anfang als Lehrerin musste ich zum Unterrichten zu den Frauen nach Hause kommen, da sie  dafür nie das Haus verlassen hätten. Wenn sie sich entschlossen hatten etwas zu lernen, nahmen sie mich mit in ihr Schlafzimmer. So konnte niemand beobachten, was und wie sie es taten. Die Kleidung war damals, im Gegensatz zu heute, auch ein großes Problem. Nach und nach bildeten die Frauen Gruppen, um zusammen zu kommen und zu üben. So konnten sich die Dinge verändern. In westlichen Ländern hatten die Frauen viele Freiheiten. Sie konnten ihre Interessengebiete frei wählen. Sie konnten an allerlei Aktivitäten teilnehmen. Sie mussten sich nicht wegen ihrer Kleidung sorgen machen. Unter diesem Gesichtspunkt hatten westliche Frauen viel mehr Freiheit als indische. Freiheit kann allerdings auch bewirken, dass man die Sensibilität verliert. Oft wird die Freiheit missbraucht. Frauen sollten ihre Weiblichkeit ehren, sie hat ihre eigene Schönheit und Kraft. Sie sollten unter dem Einfluss von Freiheit nicht ihre Weiblichkeit verlieren.

Wenn wir die Qualität des Frauseins anerkennen, denke ich, muss es keinen Unterschied zwischen östlichen und westlichen Frauen geben. Grundsätzlich sollten wir uns nicht mit Männern vergleichen und statt dessen unser eigenes Potential erkennen, unsere eigene weibliche Kraft. Wenn wir behaupten, genauso wie Männer zu sein und dass wir alles, was sie tun, auch können, verlieren wir unsere eigene Identität. Es gibt einige Dinge, die wir Frauen besser können als Männer und einige Dinge, die wir den Männern überlassen sollten. Heute haben Frauen Zugang zum Gewichtheben, Ringen, Bodybuilding und so weiter. Ich bin nicht dagegen. Frauen dringen in alle Bereiche vor und das ist sicher auch erwünscht. Aber auf der anderen Seite fühle ich, dass wir unsere eigene innere Identität erkennen und erfahren sollten. Ich würde es Schönheit nennen. Es ist nicht die äußerliche körperliche Schönheit, sondern einfach Weiblichkeit. Wir müssen unsere Weiblichkeit genauso schützen, wie Männer das mit ihrer Männlichkeit tun.

Auf jeden Fall sehe ich beim Yoga unterrichten eine meiner Aufgaben darin, den indischen Frauen  ihrer Schüchternheit, ihre Zaghaftigkeit und ihren Angstkomplex zu nehmen. Sie wiederum halten sich an diesem Bild von Weiblichkeit fest, in dem Glauben, dass die o.g. Eigenschaften Weiblichkeit ausmachen und trauen sich nicht weiter zu gehen. In westlichen Ländern sind Frauen mutig, vergleichen sich aber ständig mit den Männern. Dadurch sind sie mehr der männlichen Sichtweise ausgesetzt, anstatt ihrer eigenen Weiblichkeit. Ich denke, es wäre gut, wenn die indischen Frauen ihrer Weiblichkeit Qualitäten wie Kraft und Mut hinzufügen  und die westlichen Frauen mit dem männlichen Denken aufhören würden. Frauen haben die Fähigkeit auf eine nicht aggressive Weise zu agieren. Sie können gelassener, positiver und toleranter sein. Wobei ich nicht meine, sich einer Sache einfach nur zu fügen, das wäre negative Toleranz und diese tötet ihre Individualität. Ich denke es ist alles eine Frage des Gleichgewichts.

Es geht dabei nicht um einen Widerstreit, sondern um Balance in beide Richtungen. Wenn also eine Frau zu viele männliche Eigenschaften verinnerlicht hat, sollte sie wieder mehr zur Weiblichkeit finden und wenn sie zu sehr auf der weiblichen Seite steht, muss sie mehr männliche Qualitäten entwickeln. Wenn wir unser hormonelles Gleichgewicht verlieren und man das äußerlich wahrnehmen kann, kriegen wir da nicht Angst? Wir sind nervös, wenn hormonelle Veränderungen eintreten und uns von der Weiblichkeit wegführen, ohne dass wir das wollen.

Diese funktionalen, physiologischen Probleme bewegen unsere Psyche. Wir wollen uns dann schützen. Während des Yogaunterrichts nehme ich diese Dinge wahr. Ich finde es weder gut, dass westliche Frauen Asanas oft auf männliche Weise üben, noch dass indische Frauen sie auf unbalancierte weibliche Art üben. Männer benutzen ihre männliche Kraft, um Asanas und sogar Pranayama zu üben. Deshalb steckt in ihrer Ausführungsweise ein Hang zu Aggressivität und Ego. Sie sollten das emotionale Gespür in ihre Praxis bringen. Frauen müssen körperliche Stärke aufbauen, ohne ihre emotionale Verbindung zu verlieren. Sie sollten ihre Weichheit nicht verlieren. Indische Frauen sind weich, aber diese Weichheit sollte nicht auf Kosten der Stärke gehen. Westliche Frauen sind stark, sollten aber nicht ihre Weichheit verlieren – Sturheit und Härte sollten minimiert werden.

Grundsätzlich sollte sich jedoch die mentale Reflexion in Richtung einer yogischen Kultur wenden. Die yogische Sichtweise macht keinen Unterschied zwischen östlich und westlich. Wenn man sich diese zu eigen macht, kann man inneren Frieden etablieren. Ich spüre jedes mal, dass die Schülerinnen mental friedvoll sind, nachdem sie Asanas und Pranayama geübt haben. Sie sind innerlich etwas stärker und haben die moralische Courage, der Welt ins Gesicht zu sehen. Wenn das eintritt, sind die Frauen, zu welchem Land oder zu welcher Religion sie auch gehören mögen, sicher. Ich fühle, dass sie geschützt sind und für sich selbst einstehen können. Westliche Frauen zeigen es sofort, wenn sie unter emotionalem Stress stehen, die indischen Frauen hingegen drücken ihre Gefühle eher nicht so plötzlich aus.

JJ: Denken Sie, dass westliche Frauen emotionaler sind?

GI: Das würde ich nicht sagen. Doch die Inderinnen haben im Vergleich mehr emotionale Toleranz. Westliche Frauen drücken ihre Gefühle oft sehr schnell aus, indische Frauen brauchen dafür etwas länger. Sie wollen Probleme größtenteils verstecken oder sie lösen, indem sie sich selber beschwichtigen. Später kommen sie dann eventuell doch und sprechen darüber, aber sie werden nie sofort sagen „Oh! Stell dir vor, was mir passiert ist“. Erst, wenn es für sie unerträglich wird, sagen sie “O.k., jetzt werde ich dir erzählen, was mir passiert ist“. Weder die eine noch die andere Weise wird das jeweilige Problem auslöschen. Grundsätzlich bleibt es ja bestehen. Ich denke von dem Moment an, wo die Frauen zum Yoga kommen, ob sie nun der einen oder der anderen Gruppe angehören, dieser oder jener Kultur, hilft ihnen der Yoga. Die dort gewonnene emotionale Stabilität gibt ihnen Mut und Selbstvertrauen. Sie stärkt ihre Nerven, um sich all den Problemen stellen zu können. Westliche Frauen sind körperlich eher stärker als die indischen. Diese wiederum sind emotional sehr stark. Ich denke beide müssten emotionale und körperliche Energie austauschen und wären dann in perfektem Gleichgewicht.

JJ: Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Mehr Infos: www.iyengar-yoga-deutschland.de

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