Ein erweitertes Verständnis vom großen Lendenmuskel: Wie Seele und Bewusstsein des tiefsten Muskels im menschlichen Körper dessen physiologischen Zustand prägen

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Darüber, dass der Psoas der Muskel der Seele ist, der tiefste Muskel des Körpers, wurde viel geschrieben. Aber was bedeutet „Muskel der Seele“? In Abhandlungen über den Psoas liegt der Fokus für gewöhnlich auf seiner Anatomie und Physiologie, jedoch widmen sie sich nicht der Beschreibung der Seele – oder des Bewusstseins – dieses Muskels. Wie alle anderen mit Wasser gefüllten Zellansammlungen im Körper, speichert der Psoas Erinnerungen. Er hat ein Bewusstsein – und es sind seine Erinnerungen und sein Bewusstsein, die seinen physiologischen Zustand prägen und dafür maßgeblich sind, ob dieser weich und beweglich oder hart und unbeweglich ist.

Worin also bestehen die Erinnerungen des Psoas? Oder, um es besser zu formulieren: Welche Erinnerungen sind dort gespeichert? Der entscheidende Hinweis liegt darin, dass er als der tiefste Muskel des Körpers gilt. Der tiefste Muskel hält die tiefsten Erinnerungen inne, und unsere tiefste Erinnerung ist diejenige an die Erfahrung im Mutterleib.

Wie die Zeit im Mutterleib sich auf den Psoas auswirkt

Unser emotionales Erleben in der Gebärmutter formt das Bewusstsein und die daraus resultierende Physiologie des Psoas. Wenn wir eine liebevolle, nährende und unterstützende Erfahrung gemacht haben, ist der Psoas mit diesen Energien vollgesogen und infolgedessen warm, offen, voller Vertrauen und beweglich. Wenn unsere Mutter jeodch unter großer Angst gelitten oder eine traumatische Erfahrung gemacht hat, währen wir in ihrem Bauch waren, sind diese Erfahrungen direkt an uns weitergegeben worden und haben dazu geführt, dass die Muskeln des Psoas kalt werden, sich zusammenziehen und sich als Schutzmaßnahme gegen das traumatische Erlebnis verhärten. Nachdem der Psoas die Energie während der restlichen Zeit im Mutterleib und auch im Verlauf der Kindheit nicht loslassen konnte, nimmt er die Energien von Härte und Kontraktion mit ins Erwachsenenalter und trägt sie in seinem Inneren, so dass schließlich beim Erwecken des Psoas durch die Yogapraxis vor allem die Seele des Psoas erwacht: seine Enge und Steifheit.

Ein anderes Szenario ist, dass man im Mutterleib nicht genügend Liebe bekommen hat und förmlich emotional verhungert ist oder von der Mutter nicht wirklich gewollt wurde. In solchen Fällen ist der Psoas energiearm, was sich in einem Muskel äußert, der in der Terminologie des Shiatsu als „leer“ bezeichnet wird und über keinerlei oder wenig Beweglichkeit und Elastizität verfügt. Als einfache Analogie kannst du dir vor Augen halten, was passiert, wenn du aus einem Strohhalm sämtliche Luft heraussaugst und ihn an beiden Enden festhältst. Was dem entleerten Strohhalm dann noch an Spielraum bleibt, spiegelt den Bewegungsradius des ähnlich energielosen Psoas wider.

In Beziehung zu den Chakras gesehen, ist der Psoas im Bereich des Wurzelchakras, Muladhara, angesiedelt – des Chakras, das mit der frühesten, tiefsten Entwicklungsstufe im Leben in Zusammenhang steht: der Zeit im Mutterleib und unmittelbar nach der Geburt. Was die Energiemeridiane des Körpers betrifft, so nähren und versorgen drei Meridiane den Psoas: Der Blasenmeridian trägt die Verbindung, die wir über das Erdelement zu unseren Eltern haben, der Nierenmeridian die Verbindung zu den Eltern über das Wasserelement, und der Magenmeridian die Luftelementverbindung. Im Hinblick auf Energie und Chakras sind der Psoas und sein Zustand also direkt mit der energetischen Verbindung verknüpft, die wir in allerfrühester Kindheit zu unseren Eltern erlebt haben.

Dies ist das Bewusstsein des Psoas. Dies ist seine Erinnerung, seine Seele.

Den Signalen des Psoas Beachtung schenken

Wenn du also während der Yogapraxis feststellst, dass dein Psoas zusammengezogen und steif ist, sieh dir die früheste Phase deines Lebens an und finde heraus, was in dieser Zeit geschehen ist. Lausche deinem Körper. Hör auf die Signale, die der Psoas dir schickt. Forsche nach, ob es in deiner Kindheit tatsächlich irgendeine Störung in der emotionalen und energetischen Verbindung zwischen dir und deinen Eltern gab.

Wenn deine Eltern noch leben und ihr in Kontakt seid, dann schau, ob du mit ihnen über deine Kindheit reden kannst, und ob es vielleicht etwas gibt, das sie vergessen haben, dir zu erzählen und das eventuell in der frühen Kindheit oder sogar, als du ein Embryo warst, einen Schock oder ein Trauma ausgelöst haben könnte. Manchmal ist der Ursprung eines Traumas nicht so offensichtlich. Beispielswiese könnte deine Mutter jemanden ihr Nahestehenden verloren haben, während sie mit dir schwanger war. Oder vielleicht hat ihr die Aussicht, Mutter zu werden, plötzlich Angst gemacht. Beides wirkt sich nachteilig auf die Entwicklung des Psoas aus.

Allerdings sind sich Eltern oft der Folgen, die Sch­ock­erlebnisse oder Traumata für ungeborene oder kleine Kinder und ihren Körper haben können, nicht bewusst. Und ebenso wenig ist ihnen klar, dass die Erinnerungen an diese Ereignisse aus dem Körper erlöst werden, wenn man darüber spricht. Je mehr über deine früheste Kindheit ans Licht kommt, desto mehr wirst du davon frei, und je freier du von deiner Kindheit bist, desto stärker öffnet sich der Körper und wird befreit – inklusive aller Muskeln, wie auch des Psoas, seines ältesten und tiefsten Muskels. Es ist erstaunlich, wie sehr es dir für deine Yogapraxis helfen kann, mit deinen Eltern über deine Kindheit zu reden. Und natürlich hilft es auch deinen Eltern!

Wenngleich sich die Betrachtung des Psoas in letzter Zeit oft damit befasste, dass er der „Muskel der Seele“ ist, sollte also der Blickpunkt vielleicht vielmehr auf der Seele des Muskels liegen.

Autor

Henderson_Robert-SqRobert Henderson ist Autor sowie Thai-Massage-Lehrer und -Therapeut. Sein Spezialgebiet ist die Energiearbeit, bei der es um das Befreien von emotionalem Schmerz aus dem Körper und das Wiederausrichten von Körper und Seele auf ihr wahres Ziel geht. Sein Buch Emotion and Healing in the Energy Body stellt eine detaillierte Untersuchung der Verbindung zwischen feinstofflicher Energie und dem physischen Körper dar. Robert arbeitet seit zehn Jahren mit der Yoga-Community und hilft Übenden, durch Blockaden und Widerstände zu gehen und ihre Praxis zu vertiefen. Er lebt in Wien, gibt jedoch Workshops in ganz Österreich und in Deutschland. Informationen zu den nächsten Workshops in deiner Nähe kannst du seiner Website entnehmen:
www.roberthenderson.infoAnzeige

1 Kommentar

  1. Lieber Robert

    Ich möchte dir von Herzen danken für diesen Artikel und die feine Darstellung. Ich hatte gerade einen Bandscheibenvorfall, darunter aber klar spürbar dass er muskulär verursacht wurde und die Blockade, die ich schon lange spürte, sich gerade schmerzhaft entfaltete. Dein Artikel hat mir Mut gemacht, mein Gefühl bestätigt in einem sehr dunklen Prozess und nun weiss ich wie weiter! Danke!!!

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