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© Bild: simona koch

Yogatherapie als komplexes Feld

Von: R. Sriram

Rubrik: Yoga Therapie, Yoga-Therapie • 4480 Ansichten • Keine Kommentare zu Yogatherapie als komplexes Feld

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Yogatherapie anzubieten, bedeutet große Verantwortung. Ein erfolgreiches therapeutisches Vorgehen setzt nicht nur profunde Kenntnisse des Yoga, sondern auch ein ausgeprägtes Gespür für die individuellen Krankheitsursachen voraus

Was ist Yogatherapie? Inwiefern ist sie anders als andere Therapieansätze? Yogatherapie ist ein Ansatz in vier Teilen, die sich phasenweise entwickeln:

  1. die Entwicklungsgründe der Krankheit verstehen

  2. über gezielte Übungen diesen Entwicklungsgründen entgegenwirken

  3. Alltagssituationen, die Krankheitssymptome verstärken, wahrnehmen und ihnen gezielt mit den erlernten Techniken zuvorkommen

  4. die Angst vor der Krankheit verlieren

Im Konkreten: Wenn ich unter Rückenschmerzen leide, übe ich gezielte Yogasequenzen aus, die ich bei einem dazu geschulten Yogalehrer gelernt habe. Meine Körperwahrnehmung steigert sich durch regelmäßiges Üben: immer wieder im Alltag merke ich es, wenn ich meinen Körper verspanne, sei es beim Gehen, Sitzen oder bei einer Tätigkeit. Indem ich meine Atmung entspanne und die Haltung anpasse, unterstütze ich die Entkrampfung des Rückens. Mir wird allmählich bewusst, welchen Beitrag zur Krankheit ich mit beisteuere. Das Wissen, dass Krankheit kein völlig fremdgesteuertes Etwas ist, sondern durch mein Tun beeinflusst wird, hilft mir, die konkrete Rolle zu spüren, die ich bei ihrer Entwicklung gespielt haben kann. Diese Erkenntnis über die Entwicklung der Krankheit und die Zuversicht, dass ich aus eigener Hand viel für deren Verbesserung tun kann, nimmt der Krankheit die Bedrohlichkeit. Nicht zuletzt objektiviere ich dadurch die eigene Empfindung und bekomme Abstand zu mir, so dass die Angst dem Vertrauen Platz macht. Es handelt sich nicht um vier Schritte, die nacheinander folgen, sondern um Entwicklungsphasen mit vier Schwerpunkten. Üben, Vertrauen entwickeln, sich selbst bei Fehlverhalten ertappen lernen, die Krankheit gelassen nehmen lernen – eines unterstützt das andere.

Ein Fallbeispiel
Tobias, 31 Jahre, hatte Angstzustände und einen nervösen Magen und litt unter Tinnitus. Er hatte über drei Jahre verschiedene Formen von Therapien gemacht und Medikamente eingenommen. Sein Leidensdruck, aber auch sein Übungswille waren groß. Seine Bauchdecke war fest und bewegte sich nicht mit den Wogen des natürlichen Atems. Seine Stimme verriet eine starke Verschleimung. Er übte seinen Beruf sitzend aus, die Beine waren steif. Ich setzte zunächst auf folgende Themen bei den Asanas:

  •  die Beweglichkeit der Beine und die Standfestigkeit
  • die Lockerung der Bauchdecke durch ruhige, langsame Ausatmung
  • Entspannen der Nackengegend
  • den vorsichtigen Einsatz von Tönen bei Asanas, um dem Schleim entgegenzuwirken

Er kam alle zwei Wochen in den Privatunterricht. Immer bekam er am Ende der Stunde eine Sequenz, die er für 30 Minuten regelmäßig zuhause übte. Nach etwa acht Wochen besserte sich sein Atem, der Nacken und die Bauchdecke waren etwas lockerer geworden, und das Ohrgeräusch schien ihn nicht mehr so stark wie früher zu stören. Das machte ihm Mut, er blieb weiterhin dabei und übte jeden Tag. Da die Verspannungen im Nacken weniger wurden, kamen intensivere Übungen zum Einsatz, die halfen, die Brustgegend zu weiten, so dass er immer besser und tiefer atmen konnte. Er bekam tatsächlich besser Luft und das Ohrgeräusch war nicht nur nicht mehr aufdringlich, es ging tatsächlich zurück, so dass er Vertrauen in seine Bemühungen entwickelte. Tobias lernte, jeden Anflug von Stress im Alltag in seinem Körper wahrzunehmen. Er bekam seinen Zustand immer besser in den Griff und fühlte sich nicht mehr ausgeliefert. Ein Heilprozess, der psychische Stabilität verspricht, hat begonnen. Definitiv ist Tobias heute gesünder. Wenn er je von Ohrgeräuschen geplagt wird, kann er ohne zu verzagen beobachten, wie sie kommen und gehen, und wenn sein Magen nervös reagiert, kann er die Ursache richtig einordnen und über seine Übungen und achtsameres Essen unter Kontrolle bringen. Er steht stabil im Familien- und Berufsleben und ist zuversichtlich, dass seine Angstzustände der Vergangenheit angehören.

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