Die Essenz des Yoga und wie sie teilweise verloren geht. Ein paar Anmerkungen zur Ablehnung der »esoterischen Schublade«
»Ich mache jetzt übrigens auch Yoga!« erzählte mir freudestrahlend eine Bekannte. Sie sei in einem Kreis von Frauen, die schon lange Zeit gemeinsam Aerobic üben würden, und die Trainerin schlug ihnen vor, es doch auch einmal mit Yoga zu versuchen. Nach anfänglicher Ablehnung seitens der Gruppe, mit dem Argument: „Wir sind keine Anbeter…“, wurde dennoch eine Probestunde gehalten, und alle waren begeistert. Seitdem unterrichtet die Aerobic-Trainerin in dieser Gruppe Yoga – was mich zum Grübeln führte: was denn das wohl für ein Yoga sei? Der Deutsche Turnerbund bildet Aerobic- und andere Trainer ohne jede Yoga-Vorerfahrung in 4 Tagen zu Yoga-Übungsleitern aus, hörte ich.

Immer wieder kommt es vor, dass Leute bei mir in eine Fortgeschrittenengruppe einsteigen möchten, und auf meine Frage, ob sie denn auch Meditationserfahrung hätten, sagen: „Nein, da wurden nur Körperübungen gemacht und danach entspannt.“ „Schon mal was von Patanjali gehört?“ „Nö, völlig unbekannt.“

Yoga also als besseres Turnen, weil die philosophischen Hintergründe und die ganze „esoterische Schublade“ nicht interessieren?

„Ohne Om und Räucherstäbchen“, so wirbt ein neues Yoga-Buch, und die Autorin, eine bekannte Schauspielerin, kennt auf Nachfrage die Bedeutung von Om nicht wirklich. Soll das nun besonders fortschrittlich sein, Yoga ohne Om? Ist das ein Gewinn?

Ich verstehe ja sehr gut, dass nicht alle Leute gleich um der Erleuchtung willen Yoga üben, sondern einfach nur, weil sie sich wohl fühlen wollen in ihrer Haut. Aber die Frage stellt sich zurecht, ob denn ein bisschen „Workout“, ein wenig „Stretching“, ein paar Atemübungen und Entspannung schon den ganzen Yoga ausmachen? Warum wird es nicht: „Gymnastik, Atem und Entspannung mit Yoga-Elementen“ genannt? Das wäre zumindest ehrlicher, als ein Produkt zu verkaufen, das man sich noch nicht einmal gänzlich angeschaut hat – nur die halbe Banane sozusagen.

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Schade ist es, und ein schwerer Verlust, wenn sowohl Patanjali als auch die Bedeutung des Om nicht zum „kleinen 1 x 1“ des Yoga gehören. Yogalehrende sollten zumindest versuchen, die eigentlichen Ziele des Yoga von Anfang an klar zu erläutern, auch und gerade weil die meisten Leute nur vordergründige Anliegen haben, wenn sie mit Yoga beginnen. Es schadet  nicht, zu entdecken: oh, da steckt ja viel mehr dahinter, als ich gedacht hatte, und die hohe Philosophie muss überhaupt nicht abgehoben daher kommen – essenzielle Fragen lassen sich auch auf einfache Weise erklären.

So z.B. die vermeintliche „Gebetshaltung“. Sind wir deshalb Anbeter? Die Pose mit den aneinander gelegten Händen (anjali mudra) ist eine Grußgeste, wie sie in Indien und auch anderswo im fernen Osten üblich ist. In Bayern sagen wir nicht „Guten Tag“, sondern „Grüß Gott“ – und kein Mensch denkt dabei an Anbetung. Dennoch ist der tiefere Sinn der, uns mit diesem Gruß daran zu erinnern, dass das Göttliche Prinzip in jedem von uns vorhanden ist. Wer also bewusst „Grüß Gott“ sagt, grüßt den Göttlichen Funken im Gegenüber, so schlicht und gleichzeitig so spirituell. Es kann ja schon sein, dass damit nicht jeder was zu tun haben will, dann sagt man dann halt „Grüß Gott“, weil es in Bayern so üblich ist. Man kann von der Banane auch nur die Schale essen.

Zu OM: da gibt es eine eigene Upanishad, die es erläutert. Ach so, die Upanishaden gehören auch zum Yoga? Na ja, das ist Ansichtssache… Jedenfalls heißt das OM eigentlich AUM  und der Buchstabe „A“ symbolisiert den Wachzustand unseres Bewusstseins. Wir sind wach, haben mentale Aktivität (Gedanken, Gefühle…) und können auch weitgehend Einfluss darauf nehmen. Der Buchstabe „U“ steht für den Zustand des Träumens – wir haben mentale Aktivität, aber kaum Einfluss darauf, ja: oft können wir uns an unsere Träume nicht einmal erinnern. Und schließlich „M“: das bedeutet tiefer Schlaf, mentale Ruhe, aber leider schläft auch unsere Wahrnehmung, wir sind ohne Bewusstsein.

Und es gibt noch ein vierten (turiya) Bewusstseinszustand: Wach, bewusst, ohne mentale Aktivität. Das ist das Ziel des Yoga, und davon handelt diese Upanishad:

»Sein seelisches Wesen ist das Bewusstsein des eigenen Selbst, es ist das zur „Ruhe gekommen Sein“ aller verwandten Existenzen, absolut still, friedvoll, glückselig, es ist zeitloser Atman, das Selbst; dieses ist zu verwirklichen. Dieser identische Atman oder das Selbst ist im Reich des Klangs die Silbe OM«  (Mandukya Upanishad)

Ohne zu denken wach zu bleiben, im Zustand des Beobachters, das mag für uns sehr schwierig sein, denn wir sind darauf trainiert, dauernd zu denken: „Ich denke, also bin ich“ (Descartes). Nun aber sagt Patanjali gleich zu Beginn der Yoga-Sutras: dann, wenn wir nicht denken, dann sind wir eigentlich wir selbst. Außerdem: das (der Zustand des Wach-Seins ohne mentale Aktivität) ist Yoga. Sonst identifizieren wir uns mit unseren Gedanken, die uns leider ständig wegführen vom eigentlichen Kern des DA-SEINS, weg sogar aus der Gegenwart entweder in die Vergangenheit (Erinnerungen) oder Zukunft (Pläne), wenn wir nur nicht jetzt im gegenwärtigen Augenblick hier sein müssen, einfach nur hier und jetzt mit uns selbst.

Dies sollte allen Yoga-Übenden gesagt werden: Esoterisch, und trotzdem mit den Füßen auf dem Boden. Denn wir können noch so erfolgreich sein in unseren Fähigkeiten welcher Art auch immer, letztendlich stellt sich die Frage: was bleibt? Nicht die Füße hinter dem Kopf, nicht der Stand auf einer Hand, nicht das schön gestylte Outfit passend zur neuesten Yogamatte – aber wenn wir unser innerstes Selbst erkennen, dann sehen wir das, was bleibt, ja, was uns möglicherweise überlebt. Ich bin das Meer… daran kann sich ein Wassertropfen auf seiner Reise erinnern, irgendwann wird er in das Meer münden und die tatsächliche Erfahrung machen: ich bin das Meer.

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