Eine ebenso verständliche wie umfassende Einführung in das Thema Faszien und seine weitreichende Bedeutung für die Yogapraxis

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Seit einigen Jahren begegnet uns das Thema Faszienyoga überall: in Büchern, DVDs oder in dem viel beachteten GEO-Artikel „Der innere Halt – Bindegewebe, das verkannte Organ“ von Hania Luczak in GEO 02/2015.

Wie immer, wenn ein solcher Begriff plötzlich fast inflationär auftaucht, stellt sich die Frage, ob sich da jemand einen neuen Trend ausgedacht hat oder ob es sich um eine sinnvolle Weiterentwicklung handelt, die unsere Yogapraxis sicherer und wirkungsvoller macht. Das Letztere ist der Fall.

Und so neu ist das Thema auch gar nicht. Als ich (Anna) 1984 eine Ausbildung in klassischer Massage machte und mich dann selbst einer Rolfing-Therapie unterzog, waren Faszien und Bindegewebe durchaus schon ein wichtiges Thema. Wenig später erschien ein wegweisendes (leider schon lange vergriffenes) Buch von Deane Juhan „Körperarbeit. Die Psyche-Soma-Verbindung. Ein Lehrbuch“ (München 1992), das dem Bindegewebe ein umfangreiches Kapitel widmete. Dieses Wissen floss damals sofort in meine Yogapraxis und die Yogalehrausbildungen ein und veränderte den Übungsstil, der damals noch sehr statisch war. Statisch meint: Man ging achtsam in ein Asana, verweilte ca. 10 Atemzüge möglichst regungslos, verließ das Asana achtsam und spürte nach. Mein Übungsstil wurde dynamischer, wozu gut passte, dass zu dieser Zeit auch die Praxis der Vinyasas (Asana-Bewegungssequenzen in Verbindung mit dem Atem) aufkam.

Dass Faszien heute so ein bedeutendes Thema sind, haben wir wahrscheinlich der Arbeit von Dr. Robert Schleip zu verdanken. Schleip ist Leiter der Fascia Research Group, Division of Neurophysiology an der Universität Ulm. Seine Forschungsergebnisse wirkten sich schnell und nachhaltig für den Spitzensport, die Fitness-Szene und insbesondere für das Pilates-Training aus, so dass dort heute ein effektives, sicheres Training ohne Berücksichtigung der Faszien gar nicht mehr vorstellbar ist.

Da Schleip auch immer wieder darauf hinwies, dass Yoga-Asanas in vieler Hinsicht eine sehr gute Möglichkeit böten, die Funktion der Faszien zu unterstützen, dauerte es nicht lange, bis dieser Trend – vermutlich vermittelt durch fitness- und pilates-orientierte Yogakurse – im Yoga ankam.

Was sind eigentlich Faszien?

Wir tragen 18 bis 23 kg Faszien in unserem Körper. Wenn man sich fragt, wie viele Faszien es im Körper gibt, lautet die Antwort: eine einzige! Alles ist mit allem verbunden. Faszien stellen die Verbindung aller Körperteile miteinander her – der Muskeln ebenso wie der Organe. Sie geben uns Form und Struktur. Der früher oft verwendete Begriff „Bindegewebe“ wird den Faszien nach den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft nicht mehr gerecht. Sie können noch vieles mehr als nur verbinden. Ihr Geheimnis liegt in ihrer cleveren Bauweise und der daraus resultierenden hohen Funktionalität. So kann die Faszie ganz unterschiedlichen Funktionen wie Elastizität und Stabilität gleichzeitig gerecht werden. Ganz allgemein betrachtet, bestehen die Faszien aus zwei grundverschiedenen Bauelementen, den beiden Urmaterialien des Lebens – Eiweiß und Wasser. Die genaue Zusammensetzung entscheidet sich je nachdem, welche Funktion an welcher Körperstelle abgerufen wird. Beispielsweise füllt lockeres Bindegewebe die Lücken zwischen Organen und polstert unsere Haut. Elastisches Bindegewebe findet man an Organen, die oft gedehnt werden, wie z.B. die Blase und die Lungen. Das straffe kollagene Bindegewebe gibt Sehnen und Bändern ihre Reißfestigkeit.

Das Eiweiß bildet die Faserstoffe Kollagen und Elastin, und das Wasser die Grundsubstanz, auch Matrix genannt. Die Fasern sind in die Grundsubstanz eingebettet.

Modell zur Struktur des Kollagens
Modell zur Struktur des Kollagens

Das Kollagen kann man sich als eine faserartige, sehr stabile Eiweißkette vorstellen. Es ist scherengitterartig aneinandergelagert, und unter dem Mikroskop erkennt man, dass es zusätzlich eine Wellenstruktur hat. Dadurch lässt es sich ausziehen wie eine Ziehharmonika, wodurch es seine Elastizität erhält. Ist es komplett auseinandergezogen, kommt die Festigkeit der Kollagenfasern zum Tragen und sorgt für Halt und Stabilität im Körper. Kollagen hat eine höhere Zugfestigkeit als Stahl!

Das Elastin ist, wie der Name schon verrät, ein elastischer Stoff, dessen Eigenschaften ähnlich sind wie die eines Gummibands. Bei Zug kann es sich auf die doppelte Länge ausdehnen und kehrt dann wieder in seine Ursprungslänge zurück.

Beide Faserarten werden von Bindegewebszellen (Fibroblasten), die im Faserflechtwerk der Faszien liegen, produziert. Diese passen ihre Produktion an die Beanspruchung des jeweiligen Körperteils an. Faszien können dadurch verändert werden, wenn auch langsam. Es dauert ca. ein Jahr, bis die Hälfte des Faszienmaterials des Körpers ausgetauscht ist. Veränderungen spürt man bei gezieltem Faszientraining dennoch sehr schnell.

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