Kraftvoll, natürlich und heilsam: Buchautorin Chameli Gad Ardagh über das Mysterium der weiblichen Spiritualität, die Weisheit des Körpers und die universelle Kraft der reinen Liebe

Überall auf der Welt erleben immer mehr Frauen ein tiefes spirituelles Erwachen. Es sind Frauen, die sich neugierig dem Geheimnis des gegenwärtigen Moments anvertrauen – und ihn umarmen. Es sind Frauen, die einen neuen Weg aufzeigen, der kraftvoll, natürlich und zutiefst heilsam ist. Eine davon ist Chameli Ardagh. Nach einer langen spirituellen Suche ist sie angekommen: in sich selbst und in der weiblichen Spiritualität, die sich in jedem Moment selbst neu gebiert und erfüllt ist von tiefer Liebe. Erfüllt durch diese innere Quelle unterstützt sie heute mit ihrer Arbeit weltweit Frauen darin, sich von alten Konzepten zu verabschieden und zurückzufinden zu einer tiefen inneren Zufriedenheit, bei der es keinen Kampf mehr gibt, sondern eine tiefe, alles umarmende Liebe.

YOGA AKTUELL: Sie arbeiten seit mehreren Jahren immer wieder mit deutschen Frauen. Wie lässt sich mit ihnen arbeiten?

Ch.G.A.: Es ist aus vielen Gründen wundervoll! Wenn ich nach Deutschland komme, treffe ich viele Frauen, mit denen ich früher schon gearbeitet habe und die die weibliche Spiritualität in Arbeitsgruppen weiterpraktizieren. Dabei ist es jedes Mal eine große Freude für mich zu sehen, wie sich diese Frauen durch diese Arbeit öffnen, aufblühen und wie weibliche Spiritualität ihr Leben langfristig berührt und verändert. Gleichzeitig ist es auch immer wieder sehr inspirierend, neue Frauen kennenzulernen und sie einzuladen, sich auch diese Arbeit einzulassen. Jedes Mal erlebe ich dann, dass ihnen ein Licht aufgeht und sie sagen: „Ah! Diese Arbeit ist fantastisch!“ Eine solche Erfahrung ist natürlich immer sehr beglückend. Viele dieser Frauen bestätigen mir dann auch, dass diese Form von Arbeit besonders hier in Deutschland neu ist, denn wir kämpfen bei dieser Arbeit nicht um die Rechte der Frauen, sondern wir öffnen uns einfach in den gegenwärtigen Moment hinein für etwas, was viel größer ist als wir.

Sie haben gerade den Begriff weibliche Spiritualität verwendet. Was genau verstehen Sie darunter?

Ch.G.A.: Der Begriff weibliche Spiritualität macht nur dann einen Sinn, wenn wir ihn in Bezug zur männlichen Spiritualität setzen, von der wir in den letzten Jahrtausenden sehr beeinflusst worden sind. Diese männlich ausgerichtete Spiritualität wurde in erster Linie von Männern begründet, niedergeschrieben und auch von ihnen praktiziert. So ist selbst die ganze Weisheit, die all diese Traditionen beinhaltet, doch sehr maskulin gefärbt. Aus diesem Grund ist es im Laufe der Jahrtausende zu einer großen Disbalance zwischen der männlichen und weiblichen Spiritualität gekommen, sodass wir heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts aufgefordert sind, die weibliche Spiritualität viel mehr in unser Leben einzuladen. Es ist wirklich ein großes Mysterium, wenn man sich für die weibliche Spiritualität öffnet, den Mut hat, all die alten, maskulinen Dogmen über Bord zu werfen und zu schauen, was genau es bedeutet, wenn sich das Göttliche durch den Körper einer Frau ausdrücken will. Sich dafür zu öffnen heißt für uns Frauen dann aber auch, sich ernsthaft zu fragen: „Was ist heilig für uns?“ „Was ist unsere ureigene, weibliche Wahrheit?“

Was genau zeichnet die weibliche Spiritualität noch aus?

Ch.G.A.: Ich kann es leider immer nur im Gegensatz zum Männlichen darstellen, wobei es natürlich alles nur Worte sind! Jeder von uns hat beides: das Männliche und das Weibliche. Wir haben gesehen, dass die männliche Spiritualität, die hier vorherrschend war, immer auf ein Ziel in der Zukunft ausgerichtet war. Sei es das Nirvana, sei es die Erleuchtung. Dieses Ziel implizierte auch immer ein Ende, an dem alles perfekt ist. Die feminine Spiritualität hingegen zielt mehr auf den gegenwärtigen Moment ab. Es ist keine linear denkende Spiritualität, sondern es geht vielmehr darum, herauszufinden, wie dieses große Mysterium jetzt, hier und gerade in diesem Moment erfahren und gelebt werden kann. Es geht auch nicht darum, etwas loszuwerden oder etwas zu überwinden, sondern es ist viel wichtiger, herauszufinden, wie wir den eigenen Gefühlen begegnen können; wie wir sie integrieren und transformieren können. Dadurch wird deutlich, dass es ein ganz anderer Ansatz ist, als die männliche Spiritualität. Darüber hinaus ist die weibliche Spiritualität auch eine sehr körperbetonte Spiritualität und ruht sehr in der Liebe. Dadurch ist es eher die gegenwärtige Erfahrung von Liebe, die die Sehnsucht stillt. Und genau in dieser Liebe ist eine tiefe Befriedung begründet, wodurch wir alles umarmen können, was das Leben uns bringt. Wir müssen dann nicht mehr kämpfen, sondern können empfangend da sein für alles – liebend, bedingungslos, mit Mitgefühl und Liebe.

Warum spielt der Körper bei der weiblichen Spiritualität eine so wichtige Rolle?

Ch.G.A.: Über den Körper kommen wir eher mit der Weisheit des Körpers in Kontakt. Aus diesem Grund arbeiten wir z.B. viel mit Berührung, weil sie sehr heilsam ist. Der Körper stellt darüber hinaus auch eine wundervolle Möglichkeit dar, uns unmittelbar für das Göttliche und diese göttliche Lebensenergie zu öffnen, die durch uns durch arbeitet. Die weibliche Berührung dringt nicht gewaltsam in den Körper ein, sondern sie lädt den Körper ein. Es ist, als wenn jede Zelle des Körpers sich öffnen würde und sich das Bewusstsein so auf eine sanfte Art durch den Körper ausdrücken kann. Das Göttliche offenbart sich förmlich durch den Körper. Und dadurch hat man eine viel direktere Erfahrung von dem Leben an sich und lernt, präsenter im gegenwärtigen Moment zu sein. Diese Erfahrung ist besonders in stürmischen Zeiten hilfreich, weil sie einem ermöglicht, bei sich selbst zu bleiben. Das braucht allerdings ein wenig Praxis.

Sie haben eben gesagt, dass wir uns als Frauen nun zwar viel Rechte erkämpft haben, heute aber körperlich eher verhärmt wirken. Wie ist das möglich?

Ch.G.A.: Ursprünglich komme ich aus Norwegen. Und Norwegen hat die meisten Rechte für Frauen, so dass das Mann-Frau-Verhältnis dort sehr ausbalanciert ist. Gleichzeitig hat Norwegen die höchste Rate von Krankheiten, die auf Stress zurückzuführen sind. Ich persönlich glaube, dass es daran liegt, dass wir uns unser Recht erkämpft haben und uns dies aber auch gleichzeitig krank gemacht hat, weil wir versucht haben, so gut wie Männer zu sein. Dies alles fand jedoch noch im alten Paradigma statt. Heute, im neuen Paradigma geht es darum, dass jeder von uns und gleichzeitig alle zusammen männliche und weibliche Qualitäten entwickeln, die gleichermaßen geschätzt werden. In meinen Seminaren komme ich an diesem Punkt sehr gerne auf Durga zu sprechen. Durga ist eine wunderschöne Göttin, die die weibliche Kraft symbolisiert. Sie reitet auf einem sehr kraftvollen Tier, ist sehr offen, glänzend und gleichzeitig sehr hell und in ihrer Kraft. Sie kämpft aber nicht um ihre Anerkennung, sondern sie ist vollkommen entspannt. Sie ist sogar so relaxed, dass sie sich die Kraft des ganzen Universums zu Nutze machen kann. Sie weiß, dass sie nicht kämpfen muss, sondern dass sie sich in der Kraft des Universums ausruhen kann. Und die universelle Kraft ist die reine Liebe.

Manchmal glauben wir, dass Liebe etwas schwaches ist, vergessen dabei aber, dass Liebe die größte Macht und größte Kraft ist, die es im gesamten Universum gibt. Für mich ist Durga somit ein wundervoller Spiegel, der uns zeigt, wie schön und stark eine Frau sein kann, die vollkommen bei sich ist, vollkommen in ihrer Liebe ist und gleichzeitig vollkommen ihre eigene Autorität ist. Sie ist so authentisch, dass niemand je auf die Idee kommen würde, ihre eigene Autorität anzuzweifeln. Ich habe in den letzten Jahren bewusst mit Göttinnen wie Durga gearbeitet. Sie helfen uns, uns an Aspekte wie unsere wahre weibliche Kraft zu erinnern, die uns innewohnen.

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