Dr. Vagish Shastri ist ein weltweit anerkannter Meister der Sanskrit-Sprache und Lehrer des Vagyoga. YOGA AKTUELL sprach mit ihm über die wahre Bedeutung des Klangs, über die Manifestation der Elemente und über den Weg der Klangenergie durch die Chakras

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Dr. Vagish Shastri wurde 1934 im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh geboren. Wie es in einer Brahmanen-Familie Tradition ist, verließ er schon in früher Kindheit sein Elternhaus, um im Ashram zu leben. Er begann, Sanskrit zu erlernen, und machte 1956 Bekanntschaft mit Swami Parmahansa Ram Mangal Das. In den Bergen des Himalaya, wo er Meditation und Askese praktizierte, traf er auf zwei weitere Lehrer, durch die er in die tantrischen Yogatechniken eingeführt wurde. In ihm erwachte die Kraft von Shakti-Path, und seine beiden Gurus empfahlen ihm, die neue Energie zu verinnerlichen und für mindestens 25 Jahre nicht weiterzugeben. Sein Weg führte ihn in das heilige Varanasi, wo er in einem Tempel am Flussufer der Ganga lebte, sich den Sanskrit-Studien hingab und die Technik von Vagyoga-Kundalini-Meditation entwickelte. Dr. Vagish Shastri hat drei Söhne und lebt mit seiner Familie in Varanasi.

Susanne Trubel hat elf Jahre bei Dr. Vagish Shastri in Varanasi gelernt. Seit 2011 lebt sie in Berlin, wo sie die Vagyoga-Kundalini-Meditation lehrt. Guruji erkannte in ihr die Parampara, die Fortsetzung der Linie.

Interview

YOGA AKTUELL: Was bedeutet Vak?

Dr. Vagish Shastri: Vak (im Kompositum mit dem Wort „Yoga“ wird das k zu g, Anm. d. Red.) bedeutet Klang. In der vedischen Tradition wird dieser als Erstes benutzt: Wir reinigen und läutern unsere Sprache, so dass die grobe Sprache, der grobe Klang keine Kraft mehr hat. Der Klang löst sich bis in die unteren Chakras hinein auf. Vom Mund fließt der Klang in den Hals, und wenn er sich im Hals auflöst, beginnt die Meditation. Und dann zerfließt der Klang in das Herz. In vielen Religionen wird gesagt, dass Gott im Herzen lebt. Vom Herz fließt der Klang dann ins Manipura-Chakra, zum Nabelpunkt; dort ist das Feuer. Feuer bedeutet Licht, und Licht bedeutet Weisheit. Wenn Yogis zu diesem Punkt gelangen, finden sie die ursprüngliche Weisheit, wie sie in den Schriften steht. Wenn der Klang sich schließlich im Mulhadhara-Chakra auflöst, wird es schwieriger. An diesem Punkt setzten die vedischen Mantras an, sie wurden gechantet. Der Geist ist wie ein Sieb, und wir reinigen den Klang, die Sprache, durch das Sieb. Ohne die Reinigung des Klanges gibt es keine Weisheit. Negative Worte wie die des Ärgers sind von grober Struktur und müssen durch das Sieb gereinigt werden. Jedes Chakra ist wie ein Sieb, durch den wir den Klang strömen lassen und reinigen. Das Ziel ist, zur absoluten Realität zu gelangen, zu Brahman. Kundalini ist Brahman.

Was ist die Vagyoga-Kundalini-Meditation?
Die Philosophie von Vagyoga besagt, dass der gesamte Kosmos aus Klang erschaffen wurde. In der Wissenschaft ist es der Urknall, in der Bibel heißt es „Am Anfang war das Wort, und das Wort war mit Gott.“ In der Hindu-Philosophie entstand das gesamte Universum aus dem kosmischen Mantra OM. Aus der Klangvibration des Mantras entwickelten sich die fünf Elemente, angefangen beim Element Raum (Akasha), welches nur hörbar ist, während alle folgenden Elemente mit immer mehr Sinnen belegt sind und damit immer grobstofflicher werden. Vom Raum aus entstand die Luft, welche hör- und fühlbar ist, aus dieser entstand das Feuer, es ist hör-, fühl- und sichtbar. Aus diesem manifestierte sich das Wasser, für uns alle hör-, fühl- und sichtbar und auch mit dem Geschmackssinn zu erfahren. Aus dem Wasser entstand das grobstofflichste Element, die Erde, mit all ihren Lebensformen. Das Element Erde ist mit allen fünf Sinnen wahrnehmbar. Je mehr Sinne zum Einsatz kommen, um ein Element vollkommen zu erfassen, desto grobstofflicher ist es. Deshalb hat der menschliche Verstand die größte Bindung an alles Materielle, denn hier werden alle Sinne bedient und befriedigt.

Wie wird die Vagyoga-Kundalini-Meditation erlernt und ausgeführt?
Die Meditierenden bewegen in der Vagyoga-Kundalini-Meditation die Energie im Uhrzeigersinn in einem Kreis, während sie das Mantra vibrieren. Vom ersten Chakra geht es vertikal nach oben zum Sahasrara-Chakra. Durch die Bewegung der Energie im Kreis, das Hören und Vibrieren der Mantr­as und das Durchfluten der Chakras kann die Kundalini sich öffnen. Die Vagyoga-Kundalini-Meditation ist eine kraftvolle Technik für ein friedvolles Leben. Sie öffnet verborgene Kräfte und ist außerdem der Schlüssel, um das Gedächtnis für die Sprache des Sanskrit zu schulen.
Normalerweise braucht man neun Stunden, um die Meditation zu lernen, nach den ersten vier bis fünf Stunden kommt die Initiation des Mantras, danach folgen ein paar weitere Stunden. Die Meditationen und Mantras wechseln, werden immer tiefer und später kommt es zum Kontakt mit Bindu und mit dem Sahasrara-Chakra.

Welche Rolle spielt Pranayama im Vagyoga?
Unser Körper ist wie ein Käfig, und Prana ist wie ein Vogel. Der Vogel sitzt im Käfig, und wenn du die Tür öffnest, dann fliegt der Vogel hinaus. Wir haben neun Tore im Körper – warum also geht der Prana nicht einfach durch die Tore hinaus? Wir müssen Prana und Apana in Balance halten. Wenn einer der beiden zu schwach ist, werden wir krank. Wenn sie sich auflösen, sterben wir. Deswegen empfehlen wir Mulabandha.

Welche Bedeutung haben der Klang und das Hören?
In allen Religionen spielt der Klang eine Rolle: Die Christen haben die Kirchenglocken, der Muezzin klingt früh am Morgen, die Hindus haben Glocken im Tempel, die Juden lassen in der Synagoge ein Horn erklingen. Die Welt ist aus Klang entstanden, aber vor dem Klang war tonloser Klang. In der vedischen Tradition gab es oft drei Schüler, der erste hörte das Mantra einmal und erinnerte sich, der zweite hörte es zweimal und erinnerte sich, und der dritte hörte es dreimal und erinnerte sich. So entstand die Kraft der Mantras. Den Klang hören heißt Eka-Shruti: eka = Eins, shruti = Hören. Der Glaube besagt, dass die Mantras keine Kraft haben, wenn sie aufgeschrieben werden. Sie müssen gehört und auf diese Weise weitergegeben und erlernt werden. Heute noch lehrt man die Studenten der Vedas, zu hören und zu chanten, die Kraft in die Chakras zu bringen und den Klang dort zu reinigen.

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