Virabhadrasana II – die Kriegerstellung – ermöglicht die Erfahrung von Selbstbewusstsein bei gleichzeitiger Demut, von Kraft ohne Aggressivität und von Ausdehnung und Zentriertheit zugleich

Auf den ersten Blick ist das ein einfaches Asana. Für die meisten Menschen stellt die Beugung des Knies und die dargestellte Haltung der Hüftgelenke kein Problem dar. Man steht auf beiden Füßen, also scheint es nicht schwierig, das Gleichgewicht zu halten. Dass es in den Beinen anstrengend sein könnte, auch nur kurze Zeit so zu stehen, ist erst bei der Ausführung zu spüren. Auch die Arme und den Oberkörper gerade zu halten, sieht einfach aus, bis man anfängt, es genau zu machen. Richtet man sich so aus, dass die Schultern, Arme, Beine und Füße sich möglichst in einer Ebene befinden, gibt es auf einmal überall etwas zu korrigieren, und die Standfestigkeit geht verloren.

Ein Anfänger ist im allgemeinen überfordert, in dieser Haltung die Schulterblätter nach unten zu ziehen, den unteren Rücken zu strecken, die Leisten und die Innenseiten der Oberschenkel zu dehnen und das gebeugte Knie nicht nach vorne abweichen zu lassen. Aber auch für einen Geübten wird Virabhadrasana II zu einer Herausforderung, wenn er es eine Minute oder länger korrekt halten will. Sehr bald werden die Arme schwer, und die Oberschenkel wollen nachgeben.

Wenn du ein dir noch nicht vertrautes Asana übst, spürst du anfangs bei der Öffnung eines Gelenks oder der Dehnung eines Muskels einen Widerstand, die Grenze. Du merkst, dass es nicht weiter geht. Es ist unangenehm und vielleicht frustrierend. Das Strecken dient dann vor allem dem Zweck, die normale Beweglichkeit wieder zu erreichen. Und das ist Arbeit.

Ist diese erste große Schwelle überwunden (und damit haben wir einen Zeitraum von Wochen, Monaten oder Jahren übersprungen), wird es eher möglich, die Freude des Streckens und Ausdehnens zu empfinden. Du verlierst das Gefühl der Schwere und der Anstrengung. Es fühlt sich nicht mehr so an, als würden die Muskeln die Übung halten, sondern das Strecken trägt dich. Wenn die Wahrnehmung bei der Ausdehnung ist, wird ein Asana letztendlich anstrengungslos. Es ist wie bei einem Raumschiff, das beim Start erst mal die Erdanziehung überwinden muss. Ist es weit genug von der Erde entfernt, bewegt es sich nahezu mühelos im Weltall.

In allen Asanas kann man sich “leicht” vorkommen. Besonders bei den Asanas, die nicht sitzend oder liegend ausgeführt werden, ist es immer wieder ein besonderes Erlebnis, sich praktisch schwerelos zu fühlen. Bei den relativ einfachen Asanas geschieht es öfter, bei den fortgeschrittenen seltener, dafür ist es dann umso überraschender und beglückender. Leider bleibt diese Leichtigkeit nicht erhalten, sondern muss immer wieder neu erworben werden. Die schwankende körperliche oder geistige Verfassung lässt uns an manchen Tagen die einfachsten Dinge als schwer erscheinen.

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Aber selbst an “guten” Tagen fühlt man sich zu Beginn des Übens oft erst einmal schwer, egal ob man auf den Füßen, den Händen oder dem Kopf steht. Da hilft es, sich auf die Technik zu besinnen, auf die korrekte Ausrichtung zu achten und das, was man über die sinnvolle Ausübung von Kraft weiß, in die Tat umzusetzen.

Da wir alle anatomisch sehr ähnlich gebaut sind, gibt es für jedes Asana eine für alle Menschen nahezu gleiche ideale Position der Knochen und Gelenke. Der Yogameister B. K. S. Iyengar hat seit seiner Jugendzeit sein Leben im wesentlichen in den Dienst der Aufgabe gestellt, die Form zu finden, in welcher Asanas und Pranayama (Atemübungen) geübt werden können, so dass der Nutzen möglichst groß und die Gefahr einer Schädigung möglichst gering ist. Das Wissen, das er erarbeitet hat, ist von unschätzbarem Wert für alle Yoga-Praktizierenden, und seine technischen Empfehlungen zu den Asanas prägen immer mehr das Erscheinungsbild von Hatha-Yoga auf der ganzen Welt.

Ist der Körper nicht “behindert”, z.B. durch muskuläre Verkrampfungen oder Verletzungen, richtet er sich in der Regel bei den natürlichen Bewegungen und Haltungen des Alltags in optimaler Weise aus. Sind wir verkrampft oder nicht kräftig genug, machen wir Ausweichbewegungen. Oft müssen z.B. die Rückenmuskeln Haltearbeit leisten, weil die Beinmuskeln dies nicht in ausreichender Weise tun. Viele Rückenbeschwerden verschwinden, wenn die Beine wieder “in Ordnung” kommen. Yoga hilft, vorhandene “Behinderungen” zu beseitigen, und ermöglicht damit dem Körper, sich seiner innewohnenden Harmonie entsprechend elegant zu halten und zu bewegen.

In Indien gibt es den Ausdruck “graziös wie ein Elefant”. Es erscheint zunächst wie Spott, mit diesem massigen, schweren Tier verglichen zu werden. Aber ein sich im Trab bewegender Elefant kann durchaus den Eindruck von Leichtfüßigkeit vermitteln. Im natürlichen gesunden Zustand bewegen sich seine Körperteile in funktioneller Harmonie. Alles ist an seinem richtigen Platz. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Elefant sich leicht vorkommt. Zu welchem Zweck sollte die Natur in ihm das Gefühl von Schwere entstehen lassen?

Wenn wir uns schwer fühlen, ist das eine Mitteilung, dass wir nicht mehr in unserem natürlichen Zustand sind. Vielleicht haben wir mehr Körpergewicht, als von der Natur vorgesehen ist, so dass unsere Gelenke und Muskeln überfordert sind. Oder wir haben in ungünstiger Weise eine anstrengende Körperhaltung eingenommen.

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