YOGA AKTUELL Redakteurin Maureen Mueller fuhr nach Assisi und sprach mit dem Yogananda-Schüler J. Donald Walters über Vision und Wirklichkeit eines spirituellen Zusammenlebens von Menschen. J. Donald Walters (Swami Kriyananda) ist Gründer der weltweiten Ananda-Bewegung. Ananda basiert auf der Lehre von Paramahansa Yogananda, dem ersten grossen indischen Yoga-Meister, der sich ganz im Westen niederliess

YOGA AKTUELL: Was ist Ihre Botschaft?

Kriyananda: Ich bin ein Sprecher von Yogananda. Ich bin kein Lehrer aus mir selbst heraus. Ich bin sein Schüler. Und was ich auch immer der Welt zu bieten habe, ist als sein Schüler. Als Schüler habe ich viele Wege seiner Lehren in ihrer Anwendung studiert. So z.B. den Aufbau von spirituellen Gemeinschaften.
Können Sie uns mehr über spirituelle Gemeinschaften erzählen?
Kriyananda: Als ich 14 oder 15 Jahre alt war, habe ich bereits ernsthaft darüber nachgedacht, Gemeinschaften zu gründen. Das war während des zweiten Weltkrieges. Ich habe diese Idee fallen gelassen, als ich realisierte, dass alles, was ich wirklich wollte, Gott ist. Doch dann las ich die “Autobiografie eines Yogi“ von Paramahansa Yogananda, nahm in New York den nächsten Bus quer durch Amerika nach Los Angeles und wurde sein Schüler. Bald stellte ich fest, dass Yogananda ebenfalls spirituelle Gemeinschaften gründen wollte. Er war überzeugt davon, dass der einzige Weg, um mit Kultur in Interaktion zu treten, darin besteht, Menschen zusammenleben zu lassen.
Ich erinnere mich, dass er eines Tages eine sehr eindrucksvolle Rede auf einer Garten-Party in Beverly Hills hielt. Seine Rede war durch und durch von göttlicher Inspiration durchdrungen. Natürlich ist eine Garten-Party für so etwas kein angemessener Ort. Dennoch war es die eindrucksvollste Ansprache, die ich je von ihm hören durfte. Von diesem Augenblick an wollte ich für diese Sache mein Leben hingeben. Und das tue ich seither. In den Sechzigern hatte ich dann die Gelegenheit, Ananda zu gründen. Über all die Jahre hat sich mein Glauben in diese Sache nur noch verstärkt. Wir haben jetzt 6 Gemeinschaften, 5 in den USA und eine in Italien, eine weitere wird gerade in Rhode Island, USA, gegründet. Es leben ungefähr 800 Leute in diesen Gemeinschaften. Tausende von Menschen kommen dort zusammen. Wenn man tatsächlich nach einer anderen Lebensart sucht, warum sich nicht einfach mit anderen Menschen zusammentun, die die gleiche Vision haben? Wenn man kein Leben will, das von den täglichen Börsenkursen abhängig ist, sondern ein Leben, das auf Harmonie und Einfachheit aufbaut, bevorzugt, warum nicht? Lebe ein Leben mit anderen Menschen. Es ist etwas wunderbares! Ananda ist eine kooperative Gemeinschaft.
Was ist mit Gemeinschaften, die nicht spirituell sind?  Ist dies langfristig überhaupt möglich?
Kriyananda: Das kann schon möglich sein, aber ich glaube es eigentlich nicht. Wenn man keine Ideale besitzt, die in etwas Ewigem verwurzelt sind, dann glaube ich nicht, dass man auf lange Sicht erfolgreich sein kann. Deswegen ist Ananda eine spirituelle Gemeinschaft.
Wir haben zwei grundlegende Prinzipien. Die eine ist: Wo immer Wahrheit ist, muss man auch bereit sein, Opfer zu erbringen. Vor einigen Jahren, im Jahre 1976, wurde das erste Ananda-Dorf in Kalifornien von einer Feuersbrunst bedroht. Dieser Flächenbrand hat ungefähr 450- 700 Hektar Land zerstört. 21 von 22 Häusern unseres Dorfes wurden zerstört. Es war eine richtige Naturkatastrophe. Und wir hatten keinerlei Versicherung. Das hätte unser Ende sein können. Ein Nachbar von uns hat schließlich herausgefunden, dass sich das Feuer durch einen Defekt an einem öffentlichen Fahrzeug entzündet hatte. Natürlich wollten sie dann alle den Staat verklagen. Wir hingegen dachten: Wir können nicht klagen, wir sind doch keine Opfer. Wir wussten, das würde fehlschlagen, ohne Wahrheit wird alles fehlschlagen. Doch unsere Nachbarn haben geklagt und haben Geld bekommen. Doch auch wir konnten überleben. Zehn Jahre später waren unsere Nachbarn immer noch von dem Verlust geschwächt. Wir dagegen sind am nächsten Tag freudig auf unser Land zurückgekehrt und haben von vorne angefangen. Ich glaube, dass wir damit eine weitaus bessere Entscheidung getroffen haben. Klar, wir hätten alles verlieren können. Ich verliere jedoch lieber alles, als dass ich gegen die Wahrheit handele. Das ist das Prinzip.
Viele Menschen haben versucht, uns zu zerstören und sie haben Lügen über uns erzählt. Doch wir stehen für unsere Wahrheit ein und das ist ein universelles Prinzip; das ist weder speziell christlich, hinduistisch oder moslemisch. Es ist schlichte Wahrheit. So gibt es z.B. so etwas wie christliche Wohlfahrt und Menschlichkeit. Aber warum es mit einem Etikett versehen, warum es limitieren? Es ist universell! Außerdem können wir jederzeit eine spirituelle Tat vollbringen, indem wir jemandem helfen, der krank ist.
Und das zweite Prinzip ist, dass Menschen wichtiger sind als Dinge. Wir haben oft zu diesem Prinzip gestanden, auch wenn es manchmal sehr unbequem für uns war. Ich gebe Ihnen dazu ebenfalls ein Beispiel: Einer unserer Mitglieder hatte sich ein Haus gebaut. Doch dann hatte er sich plötzlich entschieden, Ananda zu verlassen; seine Frau wollte einfach an einen anderen Ort ziehen. Er verlangte von uns daraufhin, dass wir ihm sein Haus bezahlen müssten. Doch hatten wir eigentlich nicht genug Geld dafür übrig. Jedenfalls wollte er mehr Geld für sein Haus haben, als es nach unserer Einschätzung wert war. Mir war jedoch immer bewusst, dass obwohl wir unsere spirituelle Praxis und unsere mystischen Dinge haben, wir uns natürlich auch irren können. Außerdem war es für ihn sehr wichtig. Also dachte ich mir, geben wir ihm nach. Ich rief daraufhin unsere Leute zusammen und teilte ihnen mit, dass wir ihm die geforderte Summe bezahlen würden. Widerstand kam auf und jemand sagte, es ginge ums Prinzip. Ich erinnerte jedoch an unser zweites Prinzip. Und so konnte der Mann schließlich das bekommen, was er verlangte. Er verlies uns, doch ist er irgendwann plötzlich wiedergekommen. Wahrscheinlich hatte er begriffen, dass unsere Gemeinschaft ein Ort ist, wo Liebe über sogenannte Prinzipien siegt. Und das höchste Prinzip ist es, über die Bedürfnisse der Menschen zu reden.
Ein Beispiel: Jemand ist gerade in eine Tätigkeit involviert, wird aber für einen anderen Job gebraucht; aber das würde z.B. nicht gut für seine Familie etc. sein. In einer solchen Situation denken wir dann zuerst an seine Bedürfnisse. Wir denken nicht an die Dinge, die durch die Arbeit unbedingt erledigt werden müssen. Wenn also die Arbeit nicht getan werden kann, dann tun wir sie eben nicht! Der Mensch ist unser höchstes Prinzip.
Wenn bei uns ein Mitarbeiter mehrere Kinder hat und der Abteilungsleiter oder die Abteilungsleiterin hat keine Kinder oder ist lediglich verheiratet – Frauen und Männer werden bei uns überall gleich behandelt – dann verdient er oder sie viel weniger Geld als die Person, die unter ihm oder ihr arbeitet. Eben weil diese Person  mehr Geld zum Leben benötigt. Wir bezahlen Leute nicht danach, welche Position sie innehaben, sondern nach dem, was sie wirklich benötigen. Zuallererst fragen wir uns also immer: Was ist gut für diesen Menschen? Wir denken also nicht zuerst daran, was am besten für eine abstrakte Arbeit ist. Als Resultat davon fühlen sich die Leute hier sicher, sie fühlen sich geliebt. Sie spüren, dass sie zusammen arbeiten können, ohne sich davor  fürchten zu müssen, wie sie behandelt werden. Die Leute, die wir heute hier anziehen, sind gute und aufrichtige Menschen. Und das ist für mich die Basis von Ananda.
Viele Menschen gründen Gemeinschaften, die auf Prinzipien wie gemeinsamem Besitz beruhen. Dort muss man seinen Besitz teilen. Ich sehe das nicht so! Wir sagen hier: “Wenn dir danach ist, schön! Wenn Dir nicht danach ist, auch gut! Du kannst das geben, was du willst und du kannst das behalten, was du willst.“ Dadurch sind die Menschen viel großzügiger, als wenn man sie ausquetschen würde. Wir haben herausgefunden, dass, wenn es jemandem selbst überlassen ist, er sehr viel großzügiger sein kann.
Nachdem bei uns das Feuer alles zerstört hatte, saß niemand herum, bis ihm jemand sagte, dass er etwas tun solle.  Jeder sprach: “Das ist unsere Sache, lasst uns etwas tun.“ Und sie haben es besser als je zuvor wieder aufgebaut.
Auf diese Weise ist Ananda gewachsen. Nicht durch abstrakte Regeln, auch nicht durch abstrakte Dinge wie Solar-Energie, sondern durch Menschen, eine Gemeinschaft von Menschen. Wenn man eine Gemeinschaft gründet, dann darf man keinerlei Definition von etwas haben. Die Menschen müssen ihren eigenen Weg finden. Sie müssen die Freiheit haben, ihren eigenen Weg zu gehen. Und ich ermutige sie dabei. Alles, was wir versuchen, ist, unsere Prinzipien so klein wie möglich zu halten. Wir ermutigen alle, eine Gemeinschaft nach ihren eigenen Vorstellungen zu gründen. Unsere Erfahrung zeigt, dass wir ihnen dadurch helfen können. Wir wollen sie nicht überzeugen, es genau so wie wir zu machen; wir versuchen nicht, jemanden zu konvertieren.
Ich sage oft zu den Leuten: “Ich möchte euch zu nichts als eurem höheren Selbst konvertieren.“ Und das ist die Lehre des Yoga: Selbst-Verwirklichung. Wir müssen uns von dem Gedanken befreien, das alles im Leben organisiert werden muss.
Das ist auch der große Unterschied zwischen der westlichen und der östliche Religion. Der Westen denkt: Wenn es gut ist, dann müssen wir es organisieren. Der Osten denkt: Es ist gut, wieso sollten wir es organisieren? Auf der einen Seite sieht das chaotisch aus, auf der anderen Seite ist es wie mit den Bäumen: Wenn einer stirbt, dann wächst halt einfach ein neuer. Du kannst jedoch nicht einfach zu einer Eiche hingehen und sagen: Ich will aber, dass nur dieser bestimmte Samen keimt! Man kann Wachstum nicht erzwingen. Man wird nie im Voraus wissen, welcher Same wächst und welcher nicht. Der Baum lässt seine Samen einfach fallen und weiß: Wer wachsen will, wird wachsen. Also, warum Wachstum kontrollieren?
Das ist der größte Fehler, den die katholische Kirche in meinen Augen begeht: Sie wollen die Wahrheit kontrollieren. Und wer kontrolliert das? Menschen, die nichts von Spiritualität verstehen. Es sind Bürokraten, die gut darin sind, ihre Güter zu verwalten. Natürlich gibt es dort auch Ausnahmen, aber sehr, sehr selten.
Es ist sehr viel wichtiger, dass das, was man sagt, auf Erfahrung basiert; und nicht nur auf nachgeplapperten Kirchendogmen. Was wäre, wenn man sagen würde: Ich gehe in die Kirche, weil es mir gut tut, anstelle von: Wenn ich nicht gehe, komme ich in die Hölle?
Alles, was aus unserer Erfahrung stammt, liefert die Basis zur Selbst-Verwirklichung. In Indien z.B. hat jeder die Chance, einfach er selber zu sein. Dort gibt es überall Heilige. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In Indien lebte ein Mädchen (ich habe sie im Alter von 19 kennen gelernt), die, als sie 9 Jahre alt war, ihren Eltern eine Notiz schrieb, dass sie in ihr Zimmer gehen und nicht mehr herauskommen würde. Und genau das hat sie getan. Sie kam niemals mehr heraus. Sie haben ihr das Essen vor die Tür gestellt und sie aß davon. Und sie haben Notizen an ihre Tür geheftet, auf denen Menschen um Heilung baten. Sie betete dann für diese Person und diese Personen wurden tatsächlich geheilt. Im Alter von 19 Jahren besaß sie immer noch den Körper eines kleinen Kindes. Sie hatte weder Brüste, noch sonst Anzeichen von der Disziplin eines Erwachsenen. Ich habe sie etwa einen Monat vor ihrem Tod getroffen. Nachdem sie vor einer Krishna-Statue geweint hatte, verließ sie einfach ihren Körper. So ein Leben würde von der katholischen oder einer anderen christlichen Kirche mit Sicherheit nicht gefördert werden. 
Natürlich werden durch diese Lebensweise auch viele falsche Dinge verbreitet. Aber wenn man beiden Seiten eine Chance gibt zu wachsen… Wenn man nur ein wenig Glauben an Gott besitzt, dann wird auf alle Fälle etwas Gutes dabei herauskommen. Und es gibt wirklich große Heilige in Indien. Tritt jedoch im Westen ein Heiliger auf, dann wird alles unternommen, ihn ins Gefängnis zu bringen. Predigt er, dann strömen die Leute zu ihm und die anderen Kirchen bleiben leer, was für diese natürlich sehr unangenehm ist.
Wegen des Dogmas, dass alle Priester gleich sind, wird man natürlich in einer solchen Situation verdammt! Also macht man entweder aus allen Priestern Heilige oder man versteckt diese Person, so dass sie niemand mehr findet. So läuft es normalerweise ab. Es entsteht eine Situation, wo richtige Heilige nicht mehr die Möglichkeit finden, zu den Menschen zu kommen. Beispielsweise hat die Kirche mehrmals versucht, Pater Pio, sie kennen ihn sicherlich, auszuschalten. Es kam sogar ein Monsignore aus Rom und hat ihm verboten, die Messe zu leiten. In Indien hingegen würden solche Menschen verehrt und bewundert werden.
Als ich einmal einen Heiligen in Süd-Indien besuchte und nach einer Meditation aus dem Haus trat, warteten dort bereits ca. 1000 Menschen auf mein Erscheinen. Für sie war ich ein amerikanischer Heiliger. So wie wir zu berühmten Fußballstars pilgern, strömen die Inder zu Heiligen. Nun bin ich kein Heiliger, aber alleine die Möglichkeit, dass ich einer sein könnte, war eine große Sache für sie.
Zurück zu den spirituellen Gemeinschaften. Ursprünglich gab es ja auch solche in der katholischen Kirche und andern Orten. Aber irgendetwas hat dort nicht funktioniert?
Kriyananda: Ich verstehe es so, dass Gemeinschaften sehr unbequem für die Kirche sind. Gemeinschaften entwickeln eigene Ideen und können nicht kontrolliert werden. Die frühen Gemeinschaften wie z.B. die Gnostiker wurden von der Kirche einfach ausgelöscht. Die Eremiten in der Wüste wurden nur deshalb geduldet, weil die Kirche noch nicht ausreichend Macht hatte, gegen sie etwas zu unternehmen. Im Lauf der Zeit wurden jedoch auch diese vernichtet. Der Heilige Benedikt hatte schließlich Regeln erlassen und danach wurde alles von Rom kontrolliert und gegebenenfalls genehmigt. Dies sind jene Gemeinschaften, von denen Sie sprachen. Jedoch gibt es nicht sehr viele wirklich “lebendige“ Gemeinschaften!
Würden Sie Ananda als “lebendige“ Gemeinschaft bezeichnen?
Kriyananda: Ja, das würde ich. Ich würde gerne noch etwas über die Heiligen in Indien sagen: Sie haben einfach die Chance, wundervoll zu sein und niemand sagt ihnen, wie sie sein müssen. Jeder kann seine eigene Art der Anbetung finden. Gott erleuchtet einen von innen.
Was ist der Sinn von unterschiedlichen Stufen der spirituellen Entwicklung?
Kriyananda: Alle Stufen werden gebraucht. Wenn man versucht, Algebra oder höhere Rechenarten einem Erstklässler beizubringen, dann ist das nutzlos, denn sie sind nicht dafür bereit. Wenn man tiefere Weisheiten an Menschen weitergibt, die noch nicht dafür bereit sind, dann werden sie einen vielleicht kreuzigen, wie sie es mit Jesus getan haben. Heutzutage werden zwar keine Kreuze mehr verwendet, dafür gibt es aber andere Wege, dies zu tun. Man muss akzeptieren, dass unterschiedliche Menschen auf unterschiedlichen Stufen des Bewusstseins stehen. Deshalb sind Gemeinschaften auch so wichtig. Der Marxismus ist ein perfektes Beispiel für die westliche Kultur. Man sagt: Hier ist die Antwort und jeder muss diese akzeptieren. Und im Marxismus haben sie viele Millionen Menschen getötet; ihre eigenen Menschen, nur um ihr Dogma durchzusetzen.
Können Sie mir sagen, warum sie ausgerechnet hier in Assisi sind?
Kriyananda: Weil der heilige Franziskus Gott liebte. Und das ist wunderschön. Er hat die Kirche und seine Arbeit geliebt. Aber seine Liebe zu Gott war so wunderschön! Und das ist es, was Religion wirklich ausmacht. Sei es im Hinduismus, Katholizismus oder Protestantismus. Meiner Meinung nach gibt es nur eine Handvoll wirklicher Christen und nur eine Handvoll wirklicher Hindus. Es hängt allein davon ab, wie man in seinem Herzen ist. Und das ist genau das, was Jesus gelehrt hat: Wie ein Mensch in seinem Herzen denkt, so ist er.
Wie viele Menschen kommen nach Ananda Assisi?
Kriyananda: Im Sommer kommen ungefähr 80 Menschen in der Woche. Vor 30 Jahren kamen sie aus der ganzen Welt, da hatten wir nicht nur lokale Besucher. Wir müssen aber verstehen, dass nur ein paar Menschen hiervon angezogen werden. Man kann nicht ein lokales Lebensmittelgeschäft nehmen und zu allen Menschen sagen: Wenn ihr etwas einkaufen wollt, kommt doch einfach hierher! Das würden nur wenige nachvollziehen können. Ein paar jedoch würden es verstehen, weil sie eben dafür bereit sind. Diese wenigen kann man z.B. durch Bücher erreichen. In den Wintermonaten, wenn nur wenige Menschen kommen, gehen wir in die Städte und unterrichten Meditation, Yoga usw.

So bekommen die Leute einen Eindruck davon.
Kriyananda: Ja, aber sie müssen deshalb nicht hier leben. Sie kommen vielleicht für einen Tag, für ein Wochenende oder einen Monat. Wir zwingen niemanden, etwas zu tun.
Was ist der wahre Kern von Religion? Glauben Sie, dass Menschen, die in einer Gemeinschaft leben, sich dessen mehr bewusst sind?
Kriyananda: Ich glaube schon. Ich glaube wir können helfen, dass mehr Menschen verstehen, Religion als Selbst-Verwirklichung zu begreifen und nicht als einen Gott, der wütend auf die Menschheit ist. Wenn wir nur ein paar Menschen durch unseren Weg ermutigen können, dann ist das genug. Wir werden nicht die ganze Welt verändern. Jeder muss auf seine Art und Weise lernen und wir haben die Ewigkeit zur Verfügung, um dies zu tun. Allerdings kann ich die Auffassung, dass Gott ein wütender Gott sei und dafür Menschen umgebracht werden, in keiner Weise billigen. Dadurch wird Religion zu einer Phrase degradiert. Und wäre Religion nur das, dann würde ich sofort Abstand davon nehmen.
Religion kann den Menschen dazu inspirieren, Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit in sich zu entwickeln. Betrachtet man z.B. die moralischen Grundsätze wie Nichtstehlen und Nichttöten, dann würde in der Regel niemand sagen, dass wir solche Tugenden auch wirklich in uns tragen; die Religion jedoch sagt: “Wir haben sie!“ Wenn man Gott im Inneren nahe ist, dann besitzt man automatisch diese Tugenden; es gibt keine Techniken, um freundlich zu sein. Man fühlt es einfach. Eine Wandlung ist immer nur aus dem Inneren heraus möglich. Und wenn ich ein aufrichtiges Leben führe, dann werden mehr und mehr Menschen davon angezogen.
 Welche Disziplin braucht man dafür?
Kriyananda: Es ist nicht genug, dass man an Gott glaubt; es ist nicht genug, dass man ihn definiert; man muss ihn wirklich lieben! Das ist es, um was es wirklich geht. Und wenn man ihn wirklich liebt, dann nicht nur auf eine abstrakte Art und Weise. Das ist das Schöne an der indischen Religion. Da heißt es: Gott ist zwar abstrakt, unendlich und imaginär, aber Gott hat auch dich und mich erschaffen und er kann alles sein, was er will und das können wir auch! Diese Anschauung definiert ihn nicht, jedoch ist es ein Weg, der zu ihm führt.
Als Beispiel fällt mir die Frau meines Vaters ein. Sie war eine einfache, gutmütige Frau. Sie war sehr freundlich. Ich dachte damals: Hm, ich weiß nicht, wer Gott ist. Ich habe eine Vorstellung von der göttlichen Mutter. Ich kenne Bilder von Kali und Saraswati. Doch dann erinnerte ich mich an die Freundlichkeit und Süße ihres Lächelns. Und genau dies hatte ich als Ausgangspunkt gewählt. Ich wusste natürlich, dass sie nicht die göttliche Mutter ist. Aber ich dachte mir, dass dies ein guter Punkt zum Anfangen sei. Somit habe ich damit begonnen, Gott in dieser Frau zu sehen. Plötzlich sah ich ihr Lächeln überall. Es hatte keine spezielle Form. Wie der große bengalische Heilige Ram Premsha sagte: “Meine Mutter, meine göttliche Mutter hat keine Form.“ Zu diesem Schluss muss man irgendwann gelangen. Aber dorthin gelangt man nur allmählich.  Deshalb gibt es in der indischen Religion zuerst die Liebe zu Krishna, die Anbetung von Rama und die Hingabe an die göttliche Mutter. Dies sind Qualitäten, auf die man sich beziehen kann. Und dann versuche, Gott hinter allem zu sehen, auch hinter allem Menschlichen. Anstelle etwas auszuschließen, kann man es vielmehr als Zugang zu etwas sehen.
Also wie kann man Gott lieben? Du kannst das lieben, was du lieben kannst und es Gott nennen. Wenn du also einen Liebsten oder eine Liebste hast, dann sehe nichts als Gott in dieser Form. Das reicht. Es ist Gott, den ich in dieser Person liebe. Plötzlich beginnt man dann, diese Liebe überall wahrzunehmen. Liebe ist der einzige Weg zu Gott. Alle Heiligen und Weisen haben dies gesagt. Das ist nicht eine religiöse Aussage. Kardinäle sagen so etwas nicht. Sie erstellen eine Definition von Liebe! Doch Liebe kann man nicht definieren. Unser Herz hat seine eigenen Definitionen. Liebe im Herzen ist das erste, was man braucht. Ich denke, dass gerade in der westlichen Welt die Liebe zu Gott in Form der göttlichen Mutter ein guter Ausgleich ist. Wenn wir an einen Vater denken, dann denken wir an Gerechtigkeit. Denken wir hingegen an die Mutter, dann denken wir an Mitgefühl. Und wir brauchen mehr Mitgefühl!
Swami Kriyananda, ich danke Ihnen für das Gespräch.
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