Vertikaler Gemüseanbau

Salat, Gemüse, Beeren und Kräuter, die in Hochhäusern wachsen, … so könnte Landwirtschaft in Zukunft aussehen. Und so könnte eine Möglichkeit aussehen, künftig durch Ersparnis von Ackerflächen und Wasser eine wachsende Bevölkerungszahl zu ernähren. Das Stichwort lautet „vertikaler Gemüseanbau“. Er ist besonders interessant für Bewohner von Großstädten, wo einerseits Platzmangel herrscht, andererseits eine große Nachfrage nach frischen, lokal angebauten Lebensmitteln besteht. Es ist zum „die Wände hochgehen“, aber im konkreten, nicht im übertragenen Sinne.

Hochhäuser müssen es übrigens nicht unbedingt sein: In einem Supermarkt in Bremervörde befindet sich schon seit mehr als einem Jahr in der Gemüseabteilung eine Art kleines Gewächshaus, das aussieht wie ein Kühlschrank mit Glastüren und LED-Beleuchtung. Darin wachsen auf mehreren Etagen Kräuter wie Koriander, Minze und Basilikum in Glasgefäßen. Die Wurzeln hängen frei flottierend in einer Nährlösung. Gemütliches Garten-Flair – Fehlanzeige. Das Ganze strahlt eher den Charme eines Laboratoriums aus.

Zweimal wöchentlich kommt ein Gärtner der Berliner Firma, die diese kleine vertikale Installation eingerichtet hat. Er erntet das Grünzeug, dann wird es an der Gemüsetheke verkauft. Laut dem Unternehmen können in einem zwei Kubikmeter umfassenden Gewächshaus bis zu 7500 Nutzpflanzen jährlich gedeihen. Europaweit gibt es in rund 1000 Supermärkten und Restaurants Indoor-Farmen dieser Art. Zuerst waren Kunden und Gäste zögerlich, mittlerweile aber akzeptieren sie das Angebot, viele sind sogar begeistert.

Das Thema vertikale Landwirtschaft ist für viele Verbraucher neu. Kein Wunder, denn erst seit gut zehn Jahren wird sie überhaupt in größerem Umfang betrieben. Vorher standen gar nicht die dafür notwendigen technischen Möglichkeiten zur Verfügung. Es handelt sich möglicherweise um eine Lösung für viele Probleme, die sich abzeichnen.

Das Time Magazine vom 3. Februar 2020 bringt darüber einen umfangreichen Beitrag unter dem Titel „Feeding a Changing World“ (etwa: Eine Welt ernähren, die sich verändert). Darin heißt es, ein Bericht der Vereinten Nationen vom August 2019 warne davor, dass die extreme Ausbeutung von Farmland und Wasser-Ressourcen eine Bedrohung für die Welt-Ernährungssituation darstelle. Im Jahr 2050 werde die Weltbevölkerung 9,7 Milliarden erreichen, mehr als 7 Milliarden Menschen würden dann in Ballungszentren leben und müssten mit Lebensmitteln versorgt werden. Gleichzeitig würden, was wir ja schon längst mit Sorge beobachten, in manchen Regionen der Erde hohe Außentemperaturen und Überschwemmungen den Anbau von Getreide, Gemüse und Obst erschweren. Eine Veränderung in der Nahrungsproduktion sei dringend notwendig.

Neue Technologien im Bereich Anbau und Produktion von Nahrungsmitteln („Food Tech“) würden als vielversprechende finanzielle Investition angesehen. Das Motto laute: Geld machen und gleichzeitig Nahrung produzieren, die den Planeten zu einem besseren Ort werden lässt. Wobei sich Leute, die von der lukrativen IT-Branche in die neue Agrarwirtschaft überwechseln wollen, meist von der eher moderaten Geschwindigkeit frustriert fühlen, mit der es in dieser Branche vorwärtsgeht.

Geforscht und experimentiert wird viel, auch bei uns in Deutschland. So berichtet die Bremer Tageszeitung Weser Kurier in ihrer Ausgabe vom 12.1.2020, dass sich ein Team des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR) in Bremen schon seit 2011 damit beschäftigt. Das Ziel in weiter Ferne heißt Gemüseanbau in Weltraumstationen, zum Beispiel auf dem Mond oder auf dem Mars. In der Neumeyer-Station in der Antarktis testen seit Januar 2018 Forscher des DLR diese Form der Landwirtschaft, weil die Bedingungen dort ganz ähnlich sind wie auf unseren Nachbar-Planeten. Bis heute wurden schon mehr als 300 kg Gurken, Paprika, Tomaten und Salat geerntet – frische, bunte Überraschungen auf den Tellern der Leute, die in der Kälte und Dunkelheit des ewigen Eises ihre Arbeit tun.

Aber es geht bei den Projekten des DLR auch um Bereiche, die mit gegenwärtigen „irdischen“ Problemen zu tun haben. Zum Beispiel wird gerade eine faltbare vertikale Farm entwickelt, die in großen Flüchtlingszentren aufgestellt werden soll. In der Wüste braucht es keine teure Beleuchtung mit LED, denn es steht Sonnenenergie ohne Ende zur Verfügung. Aber wenn hier Gemüsebeete von der Waagrechte in die Senkrechte gehen, ist die Ersparnis von Wasser enorm, außerdem gestaltet sich die Ernte einfach. Tausende Menschen können so auf preiswerte Art in den Genuss von hervorragenden, frischen Lebensmitteln kommen. Die Initiative wird vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen unterstützt.

Daniel Schubert, Wirtschaftsingenieur beim DLR, sieht es so, dass in 50 Jahren die Ackerflächen nicht mehr gebraucht werden, die wir heute in der Landwirtschaft nutzen: „Wir könnten daraus wieder Naturwiesen machen, das wäre gut für den Erhalt der Biodiversität.“ Eine schöne Vorstellung! Und auch das, was kürzlich ein Landschaftsarchitekt in der Fernsehsendung „Kulturzeit“ in 3sat äußerte; dass nämlich im Zuge der Veränderungen durch die Corona-Krise in Zukunft viel mehr Menschen nicht im Büro, sondern zu Hause arbeiten würden. Und dass deswegen in den Städten Büro-Hochhäuser leer stehen würden. Diese seien ideale Kandidaten für vertikale Gemüsefarmen.

Was bedeutet „Vertikale Landwirtschaft“?

Das Ruthner’sche Turmgewächshaus (c) www.zeitgeschichte-wn.at

Die Ureinwohner Amazoniens, also der Gebiete um den Amazonas in der nördlichen Hälfte Südamerikas, betrieben schon vor vielen Hundert Jahren in ihren tropischen Regenwäldern „Etagenanbau“. Ein Pionier der modernen vertikalen Landwirtschaft war der österreichische Erfinder und Maschinenbauer Othmar Ruthner. Für die Wiener Internationale Gartenschau erfand und konstruierte er 1964 ein 40 Meter hohes Turm-Gewächshaus. (Anmerkung für die Redaktion: Hiervon gibt es ein Bild im Netz, das man vielleicht als Vorlage für eine Illustration nehmen könnte.) 1999 begann man an der New Yorker Columbia Universität neue Ideen zu dem Bereich zu entwickeln, seit 2009 gibt es praxiserprobte Ansätze, vor allem in den USA, in China und Japan, aber auch in Europa und bei uns in Deutschland.

Laut Wikipedia ist vertikale Landwirtschaft (Vertical Farming) ein Begriff der Zukunftstechnologie, die eine tragfähige Landwirtschaft und Massenproduktion pflanzlicher und tierischer Erzeugnisse im Ballungsgebiet der Städte in mehrstöckigen Gebäuden, sogenannten Farmscrapers, ermöglichen soll. Sie ist damit eine Sonderform der urbanen Landwirtschaft. Basierend auf Kreislaufwirtschaft und Hydrokulturen unter Gewächshausbedingungen sollen in Gebäudekomplexen auf mehreren übereinander gelagerten Ebenen ganzjährig Früchte, Gemüse, Speisepilze und Algen erzeugt werden. Befürworter betonen, dass sich Transportkosten vom Erzeuger zum Verbraucher wesentlich reduzieren und dass durch die Kreislaufwirtschaft der Treibhauseffekt in der Erdatmosphäre minimiert wird. Für die Lebensmittel braucht es nur wenig oder gar keine Verpackung. Ein weiterer Vorteil ist, dass das Artensterben zurückgeht, welches in der konventionellen Landwirtschaft durch Düngung und auch durch den Einsatz von schweren Ernte-Fahrzeugen dramatisch verstärkt wurde. Vertikaler Anbau erfolgt praktisch ohne den Einsatz von Dünger und Insektenvernichtungsmitteln, zudem ist die Ernte einfach. Wetterbedingte Ernteausfälle und Verluste durch Verderben gibt es nicht.

Kritiker merken an, dass die künstliche Beleuchtung, die benötigt wird, aus fossilen Brennstoffen stammt, also moralisch verwerflich und zudem sehr teuer ist, was sich auf die Endpreise der Erzeugnisse auswirkt. Hieran wird aber intensiv gearbeitet. So gewinnt man zum Beispiel schon in Island und Japan einen Teil der benötigten Energie aus Erdwärme, in anderen Regionen aus Wind-, Wasser- und Sonnenkraft.

Grüne Wunderkammer: Vertical Gardening zu Hause

Das Ganze ist nicht größer als ein kleiner Kühlschrank, aber mit allem ausgestattet, was Pflanzen brauchen. „Plantcube“ (Pflanzen-Kubus) nennt es sich, es ist ein geschlossenes, das heißt störungsfreies Ökosystem mit Saatmatten, kontrolliertem Licht und Klima sowie einer automatischen Bewässerung. Hierin können Menschen, die weder einen Garten noch einen Balkon haben, Kräuter, Salat oder kleinwüchsige Gemüsesorten ziehen. Sie können den Pflanzen durch die Glastür beim Gedeihen zuschauen und sie schließlich ernten. Eine spezielle App steht zur Begleitung zur Verfügung. So geht vertikaler Gemüseanbau in den eigenen vier Wänden, wenn sich jemand nicht auskennt. Wer sich aber auskennt und wem eine „grüne Wunderkammer“ dieser Art zu teuer und zu künstlich ist, kann improvisieren: Kresse und Sprossen lassen sich auf feuchtem Küchenpapier ziehen. Kräuter, verschiedene Salatsorten, Gemüse wie Mini-Paprikaschoten wachsen in Töpfen, und zwar bei entsprechender kenntnisreicher Pflege rund ums Jahr. Ein offenes Regal nah am Fenster, bestückt mit attraktiven bepflanzten Gefäßen, kann zu einem wunderhübschen essbaren vertikalen Mini-Garten werden, der jeden Tag Frisches auf die Teller und ein Lächeln in die Gesichter zaubert.

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Irene Dalichow
Irene Dalichowhttp://www.randomhouse.de/dalichow
Irene Dalichow ist ausgebildete Zeitungsredakteurin und hat ein Diplom in Erziehungswissenschaften. Sie arbeitet als Journalistin und Buchautorin in München.
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