In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Der yogische Schlaf sorgt für Tiefenentspannung und eignet sich hervorragend als Element von Restorative-Stunden

Für einen Großteil der Bevölkerung ist Stress ein Teil des täglichen Lebens; angesichts unseres hektischen Alltags und straffer Zeitpläne stellt Entspannung tatsächlich eine Herausforderung dar. Wir leben in einer Zeit, in der es extrem wichtig erscheint, unserer emotionalen und mentalen Gesundheit besondere Beachtung zu schenken. Zahlreiche Forschungsergebnisse betonen den Zusammenhang zwischen Stressfaktoren, emotionalem und mentalem Ungleichgewicht und Auswirkungen auf unseren ganzen Körper. Sobald sich Stress manifestiert, ist es nur eine Frage der Zeit, bis er unseren Körper erreicht und chronisch wird oder sich in Form einer Erkrankung wie Asthma, Herzproblemen, Verdauungsstörungen oder gar Krebs äußert.

Von der emotionalen Seite aus gesehen ist Stress unmittelbar mit negativen Gefühlen wie Wut, Hass, Eifersucht oder Ängsten verbunden. Der Zustand von Gestresstheit kann unsere Lebensqualität stark beeinflussen bzw. das Leben selbst gefährden. Die Selbstheilungskräfte des Körpers werden heruntergesetzt, so dass sich der Körper schlechter von Krankheiten erholt und neue Verletzungen oder Erkrankungen schneller auftreten können.

Yoga ist eine der wirksamsten Methoden, um Stress abzubauen und uns physisch, emotional und geistig Harmonie und Wohlbefinden zu bescheren. Wer Restorative Yoga mit Yoga-Nidra kombiniert, ist auf dem optimalen Weg, um Körper und Geist zu entstressen.

Yoga-Nidra: ein kurzer Abriss

Wenn wir einen kurzen Blick auf die Geschichte von Yoga-Nidra werfen wollen, müssen wir uns die Upanishaden anschauen. In der Mandukya-Upanishad wird der „yogische Schlaf” bzw. Yoga-Nidra zum ersten Mal erwähnt. Der Text beschreibt die vier Bewusstseinszustände (Wachleben, Träumen, tiefer Schlaf und reines Bewusstsein). Der Begründer der modernen Yoga-Nidra, Param Yogeshwar Sri Devpuriji, unterrichtete Yoga-Nidra in seinem Ashram seit den 1880ern und unterwies auch seine Schüler darin, unter ihnen Swami Sivananda. Letzterer wiederum schrieb 1974 einen der ersten zeitgenössischen Texte über Yoga-Nidra sowie eine konkrete Anleitung. Dieser Text bildet die Basis für heutige Anwender und Lehrer.

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Bewusster tiefer Schlaf

Übersetzt bedeutet Yoga-Nidra, ein feminines Wort mit langem End-a, „Yoga-Schlaf“ und bezeichnet einen Zustand des bewussten tiefen Schlafs. Diese tiefste aller Meditationen kann uns unglaubliche Ruhe, Gelassenheit und Klarheit bescheren. Jeder kann sie praktizieren. In dem besonderen Zustand existieren weder Bilder noch Worte im Geist. Yoga-Nidra ist also kein Träumen. Man verlässt das Wachleben und erreicht jenseits des Traumzustands einen Zustand des tiefen Schlafs, ist zugleich jedoch wach und bei Bewusstsein. Mithilfe dieser besonderen Praxis erzielen wir rasch Resultate, wenn wir unsere Persönlichkeit oder unser Leben transformieren möchten.

Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass Yoga-Nidra einen Bewusstseinszustand bezeichnet und nicht etwa die Techniken, die zu diesem Zustand führen. Dieser Punkt ist relativ schwierig zu verstehen, ist aber leichter zu fassen, je häufiger man praktiziert. Die Methoden trainieren den Geist, sich schrittweise nach innen zu richten, bis im Bewusstsein gedankliche Stille einkehrt. Nehmen wir das Beispiel des Fallschirmspringens, um es anschaulicher zu machen: Man besteigt ein Flugzeug, das Flugzeug hebt ab. Dann drosselt der Pilot die Motoren. Aber der Fallschirmsprung beginnt erst in dem Moment, da man springt. Alles, was vor dem Moment des Absprungs stattfindet, sind notwendige Schritte der Vorbereitung, aber nicht das Fallschirmspringen an sich. Dasselbe gilt für Yoga-Nidra; verschiedene Methoden stehen zur Verfügung, um den Geist zum Punkt des Absprungs zum Yoga-Nidra zu bringen.

Im Alltag sind wir unzähligen Stimuli ausgesetzt, die unseren Geist übermäßig beanspruchen. Die Praxis von Yoga-Nidra führt uns behutsam nach innen und beruhigt die physischen, emotionalen und mentalen Spannungen unseres Körpers und Geistes. Selbst bei Schlafstörungen kann Yoga-Nidra uns helfen, die Stressfaktoren zu reduzieren, die den Schlaf stören. Viele Praktizierende und Lehrer gehen sogar so weit, 45 Minuten von Yoga-Nidra mit vier Stunden Schlaf gleich zu setzen – was aber nicht heißen sollte, dass Yoga-Nidra Praktizierende weniger Schlaf benötigen. Es veranschaulicht lediglich die Wirksamkeit der Praxis und ihren Erholungswert. Auch kann die Praxis uns höchst effektiv helfen, negative Gewohnheiten zu erkennen und Verhaltensmuster abzulegen, die uns nicht mehr dienlich sind. Bei regelmäßiger Anwendung lernen wir, im Zustand des bewussten tiefen Schlafs auf die Bewusstseinsebene Einfluss zu nehmen, die unsere Emotionen, Gedanken und Vorstellungen beherbergt, und können dort negative Verhaltensmuster ausradieren, die unser Leben belasten.

Samkalpa: das Saatkorn zur Wandlung

Jedesmal, wenn wir Yoga-Nidra praktizieren, meißeln wir etwas von unseren negativen Gewohnheiten ab und entdecken ein Stückchen mehr von unserem wahren Selbst. Den Samen zur Wandlung säen wir mit unserem „Samkalpa“, den wir zu Anfang und Ende jeder Praxis wiederholen. Der Samkalpa, unser Vorsatz, ist ein wirksames Werkzeug, um unsere Persönlichkeit und letztlich unser Leben zu verändern. Diese Vorsätze finden ihren Nachhall in unserem wahren Wesen und sorgen wieder für eine gesunde Ausrichtung.

Der Samkalpa ist eine kurze positive Aussage im Präsens, die geistig mit so viel Emotion und Überzeugung wiederholt wird wie möglich. Es sollte eine Aussage sein, die auf spirituelle, emotionale oder mentale Veränderungen abzielt, nicht auf materiellen Zugewinn. So stellt diese Methode sicher, dass das Saatkorn zur Wandlung wirklich tief im Unterbewusstsein verankert wird, wo es wachsen und gedeihen kann.

Zuweilen werde ich gefragt: „Was soll ich machen, wenn ich meinen Samkalpa nicht kenne?“ Mein Rat lautet dann immer abzuwarten, bis der Neuling ein besseres Verständnis für den Sinn der Praxis gewonnen hat. Denn der entscheidende Punkt eines Samkalpa ist nicht, seine Wünsche zu erreichen, sondern Fokus, Struktur und Klarheit des Geistes zu erlangen. Gelegentlich biete ich den Schülern Beispielsätze an, damit sie durch diese Anregung leichter ihre eigenen Sätze finden.

In meinen Gesprächen mit ihnen entwickele ich gern das folgende Szenario:
Wir sind dabei, den Fluss unseres Lebens zu durchqueren. Dieser Fluss ist zu breit und hat eine zu starke Strömung, als dass man ihn einfach durchschwimmen könnte. Wir müssen Steine darin entdecken, um einen Schritt nach dem anderen machen zu können. Es ist unser Lebensziel, den Fluss zu überqueren, doch nur sehr wenige Personen wissen davon. Es mag Jahre dauern, das Ziel zu erkennen. Fast jeder, der zum Yoga gefunden hat, weiß in seinem Innersten, dass er etwas erreichen will, auch wenn noch unklar sein mag, worum es genau geht. In einem ersten Schritt müssen wir darum versuchen zu erkennen, wo wir gerade stehen, wo genau wir uns im Flussbett befinden, um dann für uns zu klären, welche Veränderung uns auf den richtigen Kurs zum ersten Stein bringen könnte. Dies beinhaltet fast immer, dass wir ein uns bekanntes Gewohnheitsmuster, das uns zurückhält und ein Hindernis für weitergehende tiefgreifende Veränderungen darstellt, benennen, reduzieren und aus dem Weg räumen. Das mag für viele Personen der Ausgangspunkt sein. Sobald mit dieser einen negativen Eigenschaft erfolgreich umgegangen und eine Lösung gefunden wurde, sind wir in der Lage, die positiven Veränderungen zu erkennen, die dieser Prozess für unser Leben bedeutet, und erreichen den nächsten Schritt unseres Samkalpa, so dass wir Einfluss nehmen können auf unsere Verhaltensweisen gegenüber unserer Familie, Freunden und der Gesellschaft.

Ist dieser Sprung von einem Stein zum nächsten gelungen, können wir einen neuen Vorsatz fassen. So können wir fortfahren, bis sich die wirkliche Natur unseres Samkalpa zeigt und sich das Gesamtbild erschließt.

Wenn man berücksichtigt, dass wir alle negative Glaubenssätze, wie z.B. „Ich war nie gut genug“ o.Ä., aus unserer Vergangenheit mit uns herumtragen und durch diesen Glaubenssatz weiterhin befeuernde negative Autoritätspersonen in unserem Leben kontinuierlich daran erinnert werden, kann es eine große Herausforderung darstellen, einen Samkalpa wie „Ich bin durch und durch glücklich und zufrieden“ zu erreichen. Wählen Sie also Ihren Samkalpa speziell für Sie selbst und halten Sie ihn nicht zu allgemein, denn die konkreten Vorsätze lassen sich im Geist häufig schneller umsetzen als die generellen. Und zwingen Sie sich nicht, der richtige Samkalpa wird Ihnen bei einer regelmäßigen Praxis von Yoga-Nidra schon einfallen.

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