In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Immer mehr Menschen stehen permanent unter Anspannung. Viele reagieren darauf mit Verspannungen im Kieferbereich und nächtlichem Zähneknirschen. Die Yogalehrerin und Autorin Inka Jochum weiß, wie kleine Übungen Abhilfe schaffen können

Beißschiene – nicht nur die Bezeichnung ist hässlich, sondern auch ihr Erscheinungsbild: Ein krummer, flacher Abdruck der Zahnreihe. Gegossen in farblosen, durchsichtigen Kunststoff, nachts zu tragen, wenn man ohne es zu merken bzw. ohne es kontrollieren zu können mit den Zähnen knirscht.

Häufig aber klappt es mit dem Schlafen nicht, manchmal verursacht die Schiene einen Würgereiz, häufig passt sie nicht so recht. Das sind dann keine willkommenen Nachrichten für den verantwortlichen Zahnarzt. Im Übrigen finanzieren die Krankenkassen Beißschienen ziemlich ungern. Also, das ganze Thema ist unerfreulich.

Aber gibt es denn andere Möglichkeiten der Therapie, wenn jemand nachts mit den Zähnen knirscht und deshalb an Zahn-, Kopf- Nacken- und Schulterschmerzen leidet? An Ohrgeräuschen und Schwindelgefühlen? Wenn vielleicht sogar eine Arthritis in den Kiefergelenken aufgetreten ist? Wenn sich Verspannungen im Kiefer schließlich negativ auf die gesamte Körperhaltung auswirken?

Zähneknirschen ganzheitlich betrachtet

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Die bekannte Münchner Yogalehrerin und Autorin Inka Jochum beschäftigt sich in ihrem neuen Buch genau mit diesem Thema. Sie selbst hat kein Problem mit knirschenden Zähnen. Aber eine Freundin und Yogaschülerin, die Zahnärztin ist, berichtete immer wieder darüber, wie viele Menschen in diesem Bereich an Verspannungen leiden und wie häufig sie Beißschienen anfertigen muss. So schaute sich Inka Jochum das Ganze aus ihrer Perspektive als Yoga- und Qi Gong-Fachfrau an und entwickelte ein Programm mit dem Ziel, Verspannungen dieser Art auf Dauer zu vermeiden bzw. zu beheben und Beißschienen möglichst überflüssig zu machen.

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Bildschirmfoto 2017-08-21 um 15.28.02„In den Muckibuden wird ja jeder Körperteil separat trainiert“, sagt sie. „Rechter Arm, linker Arm, rechter Unterschenkel, linker Unterschenkel.“ Dabei sei doch im Körper alles miteinander verbunden, alles hänge miteinander zusammen. Eine ganzheitliche Sichtweise tue Not, so, wie sie beispielsweise in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) praktiziert wird. Hier sieht man es so, dass das Qi – die Lebensenergie – via Meridiane durch den gesamten Körper fließt. Krankheiten entstehen durch Blockaden dieses Flusses. Über die Meridiane ist das Kiefergelenk mit allen Teilen des Körpers verbunden (siehe Abbildung). Daher haben Blockierungen und Verspannungen in diesem Bereich Auswirkungen auf den gesamten Körper.

Minimale Fehlhaltungen der Kiefergelenke wirken sich auf die Kopfhaltung und damit auf den Atlas und die Halswirbelsäule aus.

Grimassen sorgen für Auflockerung

Stress und Druck im Arbeitsleben bringen viele Menschen dazu, sich innerlich zu sagen: „Zähne zusammenbeißen und durch!“. Sie beißen dann auch buchstäblich die Zähne zusammen, und das ist ihnen nicht einmal bewusst. Als ersten Schritt zum Gegensteuern empfiehlt Inka Jochum daher folgendes: „Beobachte dich und die Entspannung des Kiefers den ganzen Tag über, so oft wie möglich. Mit Schmunzeln und Lächeln geht alles leichter.“ Die Sinne schärfen sich auch darüber, dass man die eigenen Kiefermuskeln mit den Händen erspürt. Wie das geht, zeigen die abgebildeten Fotos.

Übungen

Ein einfacher Weg zur Entspannung, der noch dazu so viel Spaß macht, dass man ihn sogar für Kinder als Spiel uminterpretieren kann, ist dieser: Extreme, witzige Grimassen schneiden, dabei die Zunge bewegen und herausstrecken, den Kopf schütteln, während die Lippen laut „Brrr“ machen. Dabei locker und unverkrampft sein, das Komische sehen und sich daran freuen. In abgemilderter Form lässt sich dies hervorragend in den Erwachsenen-Alltag einbauen – z.B., um Wartezeiten am Telefon, am Computer, in Auto zu überbrücken.
Um den gesamten Körper zu bewegen, zu trainieren und zu entspannen, eignen sich Treppensteigen und Radeln hervorragend, außerdem das Schwingen auf einem Mini-Trampolin. Darauf lassen sich während des Schwingens auch Grimassen produzieren, das heißt, Trampolinspringen und Grimassieren können sehr gut kombiniert werden. Nach wie vor ist übrigens, so hat es sich Inka Jochum gerade kürzlich von einem Mediziner bestätigen lassen, das Springen auf einem Mini-Trampolin das schonendste und effektivste Kardiotraining.

Das Heilmantra

Allein durch das Rezitieren eines Mantras versetzt du dich mit dem Klang deiner eigenen Stimme in eine andere Schwingung. Wenn du dich beim Autofahren, im Beruf oder auch zu Hause gestresst fühlst, kannst du dich jederzeit durch das Rezitieren dieser wenigen Silben in eine andere geistige Haltung bringen und deine Stimmung damit verändern.
In der tibetischen Tradition hat man tausende Jahre lang die Wirkung dieser Klänge auf Körper und Geist erforscht. Somit ist es für uns relativ leicht, mit Mantras meist eine schnelle Wirkung zu erzielen. Mantras können so zu ständigen Begleitern werden.
Man kann sie morgens, abends, im Traum oder sogar im Schlaf rezitieren. Ausschlaggebend sind Konzentration und Motivation. Wenn Geist und Herz sich vereinen, ist die Wirksamkeit am stärksten.
Für den Kiefer schlage ich dir das Mantra der Schutz-Dakini Singhamukha vor:

OM SINGHAMUKHA HUNG PHET

Das Singhamukha-Mantra ist ein Energie-Mantra und schenkt dir transparenten Schutz. Versuche, Vertrauen in die Kraft des Tones in dir zu wecken. Sprich das Mantra so oft wie möglich. Öffne dich für die Heilung.
(Nach: Inka Jochum: Das Kiefer-Heilbuch.)

Was Yoga beitragen kann

Im Yoga gibt es für den Kiefer z.B. den Löwen. Bei dieser beliebten und viel praktizierten Übung geht es darum, die Zunge möglichst weit in Richtung Kinn nach unten herauszustrecken. Der Löwe lässt sich wunderbar in alles hier Vorgeschlagene integrieren. Aber nicht nur diese spezifische Haltung ist hilfreich. „Yoga in seiner ganzheitlichen Wirkung trägt neben vielen anderen Anregungen zur Entspannung von Körper, Geist und Seele bei und senkt damit auch den Muskeltonus im gesamten Unterkieferbereich. Durch tägliches Üben entsteht ein verbessertes Körpergefühl, und in der Folge ein verbessertes Körperbewusstsein, das dann zur konkreten Wahrnehmung führen kann. Dies ist die beste Ausgangslage für ein heiteres und gelassenes Bewegen in der Synchronizität von Atmung und Bewegung“, so Inka Jochum.

Mit dem Bewusstmachen der eigenen Kiefermuskulatur, dem Grimassieren und dem entspannenden Training des ganzen Körpers ist im Hinblick auf die Kiefergelenke schon viel gewonnen. Aber nicht nur das Körperliche spielt eine Rolle, sondern auch das Seelische und das Geistige. Der Kiefer reagiert auf körperliche, geistige und seelische Belastungen gleichermaßen. Die Augen werden als Spiegel der Seele bezeichnet, der Kiefer als „Mülleimer“ der Seele. Inka Jochum schreibt: „Alle bitteren Worte oder aggressiven Handlungen, die wir nicht ausgeführt haben und nicht in einen positiven geistigen Zustand lenken konnten, manifestieren sich als Stress und Stau in unseren Energiebahnen und im Unterkiefer.“ Ein starrer, unbewegter Gesichtsausdruck bedeutet also, dass jemand etwas festhält, und das verklemmt die Kiefergelenke. Möglichst häufig grimassieren, lachen oder mindestens lächeln – genau so lautet die Zauberformel.

Expertin: Inka Jochum unterrichtet seit über 40 Jahren Yoga, Atemtherapie, Qi Gong und Meditation an unterschiedlichen Einrichtungen ebenso wie in Einzelstunden. Zudem veranstaltet sie Seminare und Wochenendkurse und bietet spirituelle Reisen zu Kraftplätzen an. Im Jahr 1984 gründete sie DANA, die Gesellschaft zur Erhaltung tibetischer Kultur und Medizin. Sie lebt in München.
www.inka-jochum.de
www.dana-ev.de

Zum Weiterlesen:
Inka Jochum: Das Kiefer-Heilbuch. Schluss mit Zähneknirschen, Kieferverspannungen, Beißschiene und Co., Nymphenburger Verlag, München 2015

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