„Weil wir nicht aufhören, mit uns selbst zu sprechen,
spricht nichts mehr zu uns.“
Pema Chödrön

Hast du auch diesen kleinen, aber sehr ausdauernden Hamster im Kopf, der dein Gedankenrädchen ständig am Laufen hält? Ununterbrochen beschäftigt er sich mit den Fehlern der Vergangenheit und Befürchtungen rund um die Zukunft. Ein grüberischer Gedanke folgt dem nächsten und dazwischen fällt der kleine Nager über alles und jeden (vor allem uns selbst) Urteile: Mag ich, mag ich nicht. Mehr hiervon, weniger davon. Zudem liebt er nichts mehr als Verallgemeinerungen: Keiner nimmt mich hier ernst. Alle in dieser Familie ignorieren meine Bedürfnisse. Warum passieren diese Dinge immer mir?

Häufig geben wir uns der Illusion hin, dass wir uns nicht mehr so viel sorgen und grübeln müssten, wenn wir unsere Probleme endlich gelöst und unsere Ziele erreicht hätten. „Wenn doch endlich…. dann könnte ich aufhören, mich deswegen zu stressen und wäre zufrieden.“ Doch das Rad in unserem Kopf kommt nicht zum Stillstand, wenn wir bekommen was wir wollen. Das Hintertückische ist: Je mehr wir haben, umso mehr wollen wir auch. Wir werden nicht ruhiger und gelassener, wenn wir zufrieden und glücklich sind. Sondern wir werden zufrieden und glücklich, wenn wir einen ruhigen Geist erlangen und das Jetzt mit Hingabe (er)leben.

Das klingt schwierig? Unerreichbar? Nun ich habe eine sehr gute Nachricht: Du musst gar nicht so viel dafür tun. Du musst nicht 5 Jahre ununterbrochen beten und meditieren. Auch nicht den Handstand oder den Spagat meistern. Du musst dir nur deiner Gedanken bewusst werden. Auch das braucht natürlich Übung und gelingt nicht von heute auf morgen. Aber wenn du lernst, dem Gedankenhamster nicht mehr das Ruder in deinem Leben zu überlassen, dann wirst du sehr schnell eine Verbesserung erleben. Es braucht oft nicht mehr als wenige Sekunden der Bewusstheit.

Wahrnehmen, was ist

Bewusstheit ist das Stichwort. Darum geht es auch, wenn wir von „Erwachen“ sprechen. Es kommen keine Sternschnuppen vom Himmel und hüllen dich in einen Heiligenschein. Du wirst nicht jeden Tag rund um die Uhr vor Glück übersprudeln und 10 Zentimeter über der Erde wandeln. Du wirst einfach immer wacher und wacher, wenn es darum geht, das Blabla deines Egos von dem tiefen Wissen deines bewussten, wahren Selbst zu unterscheiden.

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Hier kommen ein paar Tipps, die dich auf diesem Weg unterstützen und Grübelkarussell-Fahrten unterbrechen können:

Der erste Schritt
Das erste und wichtigste, was du üben solltest, ist, dich selbst zu beobachten. Es reicht für den Anfang, wenn du wahrnimmst: „Oh, was für ein Lärm in meinem Kopf!“ Nichts daran muss verändert werden. Schon indem du beobachtest, verlieren die Gedanken einen Teil ihrer Macht. Wenn du dich dann noch ein paar Atemzüge bewusst auf deine Atmung konzentrierst, werden die Grübelwogen noch weiter abebben. Gerade in angespannten Situationen kann es hilfreich sein, ruhig und tief in den Bauch zu atmen, weil so der Nervus vagus stimuliert wird und der Körper die Ausschüttung von Stresshormonen stoppt.

Alles ist gut, wie es ist
Achtsamkeit bedeutet nicht, sich selbst zu verleugnen. Wenn du wütende Gedanken hast, macht es wenig Sinn, diese mit kitschig-rosa Farbe übertünchen zu wollen: „Ich bin so spirituell. Ich bin nicht wütend.“ Das ist nicht deine Wahrheit. Hier spricht wieder dein Ego zu dir, das etwas Bestimmtes erreichen oder haben will (z.B. Anerkennung, „heilig“ werden). Es ist völlig ausreichend, wenn du bewusst wahrnimmst: „Ah, da ist Wut.“ Vielleicht kannst du erforschen, wie und wo sich diese Wut in deinem Körper ausdrückt. Kannst du Kontakt zu deinem bewussten inneren Beobachter aufnehmen? Drückt sich in der Wut eine Botschaft aus (z.B. dass deine Grenzen verletzt werden)? Kannst du sie weiterziehen lassen, wenn du entweder ihre Botschaft wahrgenommen oder sie als sinnlos identifiziert hast?

Wahrheit oder Hamster-Blabla?
Wenn du dich wieder einmal endlos im Kreis drehst kann es hilfreich sein, dich hinzusetzen und alles aufzuschreiben, was dir durch den Kopf spukt. Schreib wirklich alles ganz ehrlich und unzensiert auf. Jeden noch so absurden, krassen oder beiläufigen Gedanken. Dann macht etwas, das dir gut tut mit voller Aufmerksamkeit: Geh spazieren, koche dein Lieblingsgericht oder gönn dir eine wohltuende Yogapraxis. Dann lies – mit etwas innerem Abstand – noch einmal, was du geschrieben hast. Wenn du mit deiner inneren Wahrheit in Kontakt bist, dann wirst du vielleicht erkennen, dass das, was dein Grübelhamster so von sich gibt, zu einem großen Teil nicht besonders hilfreich ist. Viele Gedanken über die Vergangenheit sind sinnlos. Viele Ängste die Zukunft betreffend sind Horrorszenarien, die niemals eintreten. Viel was wir uns so zusammenreimen, wissen wir nicht wirklich, sondern interpretieren und urteilen – ohne die Wahrheit zu kennen.

Öffne dich für deine Sinne
Wenn wir grübeln verlieren wir den Kontakt zu unseren Sinnen. Wir sehen, riechen, hören nicht mehr, was uns umgibt. Wir essen, aber wir schmecken nicht. Einer der effektivsten und schnellsten Wege, den Grübelhamster ins Körbchen zu schicken ist, uns bewusst mit unseren Sinnen und den Erfahrungen, die wir jetzt hier machen, zu verbinden. Kannst du deine Augen auf etwas ruhen lassen? Hast du dein Gegenüber während eines Gesprächs schon einmal wirklich wahrgenommen – seine Gesichtszüge, ihre kleinen Gesten und die Veränderungen in der Körperhaltung? Kannst du gleichzeitig alle Aromen deines Frühstücks aufnehmen und über den restlichen Tag grübeln? Wie riecht es auf dem Weg zu deiner Arbeit?

Akzeptieren, was ist
„Ein großer Teil des menschlichen Leidens entsteht durch verschiedene Formen von Widerstand, durch das Nicht-Akzeptieren dessen, was ist.“ (E. Tolle) Wenn du dich wieder einmal maßlos über das Verhalten deines Chefs, deiner Frau oder eines schlechten Autofahrers aufregst oder tagelang darüber grübelst, warum das Leben so ungerecht zu dir ist, dann gönne dir einen ruhigen Moment, nimm einige bewusste Atemzüge und damit Kontakt zu deiner inneren Wahrheit auf. Und dann frage dich noch einmal ganz ehrlich: Bestimmt dein Gehalt deinen Wert? Wem willst du mit der ersehnten Beförderung wirklich etwas beweisen? Ist es wichtig, was die Nachbarn denken? Sollte dein Mann jederzeit dazu in der Lage sein, dir seine volle Aufmerksamkeit zu schenken? Ist der Sonnenuntergang nur dann richtig schön, wenn eine Partnerin dabei deine Hand hält? Wärst du mit 58 kg wirklich liebenswerter als mit 61 kg?

Möge es uns allen gelingen, unseren inneren Grübelhamster immer öfter sanft, aber bestimmt in seine Schranken zu weisen, uns mit dem Hier und Jetzt zu verbinden und nicht alles zu glauben, was wir so denken.

Literaturtipp:

Serge Marquis:
„Ich muss nicht alles glauben, was ich denke –
Das Grübeln beenden, gelassener leben“,
Kösel Verlag 2016

 

 

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