Die spirituelle Lehrerin und Ärztin Pyar Troll-Rauch gilt als erwacht. Dennoch erlebte auch sie eine Burn-out-Phase. YOGA AKTUELL fragte sie, wie Erleuchtung und Burn-out zusammenpassen

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Die Vorstellungen, die wir von erleuchteten Menschen haben, sind vielschichtig: Heilig, strahlend, jugendlich und immer gesund sind sie, so meinen wir. Aber auch diese Vorstellungen sind nur ein Konzept des Verstandes. Schließlich ist selbst mit einer noch so tiefen Erleuchtungserfahrung der spirituelle Prozess eines Menschen nicht vollkommen abgeschlossen. Die spirituelle Lehrerin und Ärztin Pyar Troll-Rauch weiß, was damit gemeint ist, und lässt YOGA AKTUELL an ihrer Erfahrung teilhaben.

YOGA AKTUELL: Wie definieren Sie persönlich „Burn-out“? Wo fängt er an und wo hört er auf?

Pyar Troll-Rauch: Es ist normal, Phasen und Zeiten großer Anstrengung zu erleben und sich anschließend wieder zu erholen. Wenn jedoch die Möglichkeiten und Zeiten der Erholung von Körper und Geist zu wenig werden, tritt Erschöpfung ein. Hier beginnt der Burn-out.

Sie hatten vor einigen Jahren selbst einen Burn-out. Woran haben Sie gemerkt, dass es einer ist?

In diesem Jahr hatte ich sehr viele Projekte, sehr viel Arbeit. Die freien Wochenenden wurden zur Mangelware. Wenn ich dann doch mal zwei Tage frei hatte, fühlte ich mich zwar danach erholt, aber die Erholung hielt nur sehr kurz an. Wenige Stunden, höchstens mal einige Tage. Daran merkte ich, dass meine Batterie erschöpft war.

Was haben Sie gemacht, um Ihre Batterien wieder zu füllen?

Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich es merkte. Es ist, als ob der Motor leer durchdreht – man kann gar nicht so einfach aufhören oder kürzertreten, wenn dieser Automatismus des Immer-Weiter-Machens in Aktion ist. Ich hatte Glück, da ich mich am Tiefpunkt meiner Erschöpfung in meinen jetzigen Mann verliebte. Und natürlich wollte ich dann mehr Zeit für ihn haben … Und auf einmal war es auch möglich.

Als Sie mir erzählt haben, dass Sie selbst betroffen sind, war ich erst einmal erstaunt – wahrscheinlich werden dies auch einige YOGA-AKTUELL-Leser sein und sich fragen: Pyar gilt doch als erwacht! Wie geht das zusammen?! Erwacht und Burn-out?

Das hat sicher mehrere Gründe. Zum einen war es für mich das erste Mal, dass ich wirklich die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit erfuhr. Zum anderen war ich in dieser Zeit sowieso in einer Phase der Entwicklung und Integration, da ich – nach dem Erfahren des Erwachens – an vielen Punkten des Alltags neu lernen musste. Gewohnte unbewusste Schutzmechanismen funktionierten z.B. erst mal nicht mehr und mussten in diesem Integrations-Prozess erst durch neue, bewusste und hoffentlich intelligentere ersetzt werden. Und auch wenn ich müde oder erschöpft war, war ich glücklich, so dass die Warnlampen leicht zu übersehen waren.

Wie sind Sie mit dem Burn-out umgegangen, und wie lange hat es gedauert, bis Sie ihn überwunden hatten?

Gott sei Dank war es eigentlich ein Fast-Burn-out, so dass ich nicht ganz aufhören musste, aktiv zu sein. Aber ich habe mein Programm massiv gekürzt. Seither habe ich einen zusätzlichen freien Tag jede Woche und habe auch meine Wochenend-Veranstaltungen reduziert. Aber noch wichtiger ist, dass ich seither die freien Tage wirklich ganz frei nehme, d.h. der Computer wird gar nicht erst hochgefahren, Post nicht geöffnet … In der freien Zeit achte ich darauf, mich mit gutem Essen und Kultur, Natur und Bewegung zu nähren. Das hat wirklich geholfen. Allerdings dauerte es ca. zwei Jahre, bis ich das Gefühl hatte, meine Batterien sind wieder gesund. Jetzt merke ich, dass die Energie nach einem freien Wochenende wieder mindestens eine Woche hält. Und das ist wunderbar.

Das ist wirklich wunderbar! Was mich aber wundert, ist, dass Sie einen so mechanischen Begriff wie „Batterien“ für Ihren Körper und Ihren Geist verwenden. Das klingt sehr gegensätzlich zu der Quelle, aus der Sie sonst gespeist werden, oder? Erleben Sie einen Teil von sich als eine Maschine, die funktionieren muss?

Ich liebe eine bildreiche Sprache, bei der man sich etwas vorstellen kann. Sie kennen es vielleicht von Ihrem Handy. Manchmal hat es keinen Strom mehr, aber man hat nur kurz Zeit, es aufzuladen. Man freut sich, dass bereits nach kurzer Zeit zwei Balken in der Anzeige erscheinen, und geht mit dem Handy aus dem Haus, aber nach einer Stunde ist es schon wieder leer … und genau so fühlte es sich an. Der Körper ist keine Maschine wie ein Roboter oder ein Handy, aber er unterliegt – da er nun mal Materie und Form ist – bestimmten Gesetzen. Er braucht Energie / Nahrung, Ruhe, Bewegung, Aufladen … und er ist natürlich zerbrechlich, vergänglich, sterblich. Und auch Geist, wenn er sich in einem Wesen verkörpert, unterliegt diesen Gesetzmäßigkeiten – er braucht Anregung, Meditation, Freude und vieles mehr. Die Quelle selbst, aus der das alles kommt, ist nicht-materiell, nicht-formhaft, ist wie der unendliche Raum, der alle Formen birgt. Und die Buddhanatur, die klare Natur des Geistes, ist genauso wie der Raum – klar, weit, unendlich und auf ganz feine Art freudig. Gerade weil ich Zugang zu dieser Dimension des Seins habe, habe ich wahrscheinlich die Warnzeichen des Körpers und der Form eine Zeit lang übersehen.

Es hat doch viele Ihrer Schüler bestimmt irritiert, dass eine Erwachte nicht immer strahlend, aufgeladen und freudvoll da ist, oder? Wie sind Sie – bzw. Sie und Ihre Schüler – mit der Situation umgegangen? Denn ich erlebe es immer wieder, dass gerade Menschen in der spirituellen Szene sich schwertun, sich selbst und anderen einzugestehen, dass sie ausgebrannt oder erschöpft sind.

Da habe ich eine ganz andere Erfahrung. In all den Jahren haben meine Schüler mich immer so sehen dürfen, wie ich bin. Sie sahen mich traurig in der Zeit meiner Trennung von meinem ersten Mann, sie sahen mich müde, sie sahen mich kraftvoll, sie sahen mich verliebt, als ich meinen zweiten Mann kennenlernte. Und immer erfuhr ich sehr viel Unterstützung von ihnen. Immer aber war da gleichzeitig die Ausstrahlung der feinen Freude, die keine Ursachen oder Bedingungen hat. Und gerade das ist das Wunder, gerade das ist ein wesentlicher Punkt der Übermittlung: Ein Mensch kann freudige oder traurige, kraftvolle oder müde, gesunde oder kranke Zeiten erleben – die Weite des Raumes, die strahlende Natur des Geistes und die feine unbedingte Freude sowie natürlich die Liebe sind davon unberührt.

Ich bin davon ausgegangen, dass, gerade wenn man den Zugang zu dieser Dimension hat, man bzw. frau doch gerade noch eher und viel früher die Warnsignale wahrnehmen sollte, weil man doch viel achtsamer ist und vieles viel eher mitbekommt. Das ist zumindest meine Vorstellung. Oder ist es so, dass die verschiedenen Dimensionen des Seins einfach nebeneinander her existieren?

Nein, die verschiedenen Dimensionen des Seins existieren nicht nebeneinander, sondern durchdringen sich vollständig. Sie sind letztlich nicht voneinander zu trennen. Im Herzsutra heißt es: „Form ist Leerheit, und Leerheit ist Form.“ So ist die Wirklichkeit. Was ich bei den vorigen Fragen geschildert habe, ist mein menschliches Erfahren dessen in einer speziellen Situation. Im menschlichen Erfahren trifft die Unendlichkeit auf Begrenztheit, trifft die Göttlichkeit auf Menschlichkeit, und umgekehrt. Daher ist es so wichtig, dass wir unser spirituelles Erfahren mehr und mehr und wieder und wieder in die Bereiche unseres Lebens integrieren – Beziehungen, Arbeit, Körperlichkeit usw. Und das ist ein Lernprozess, der nie aufhört. Es erfordert tatsächlich unsere ständige Aufmerksamkeit, aber nicht in dem Sinne von „Ich bin ja so achtsam, da kann mir nichts mehr geschehen“, sondern im Sinne von „Ich bereit, zu lernen und dabei auch Fehler zu machen“.

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.