Wie ein Schreckgespenst jagt das Burn-out-Syndrom umher, niemand scheint davor sicher zu sein. Ein Versuch, hinter seinen Schleier zu schauen und von ihm zu lernen, statt es lediglich zu verscheuchen

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Am 22. September 2011 überraschte ein unerwarteter Rücktritt die deutsche Fußballwelt: Ralf Rangnick, Trainer des FC Schalke 04, gab sein vorläufiges Aus bekannt – der Grund: Diagnose Burn-out-Syndrom.

Nach Rangnicks Rücktritt rückte das Thema Burn-out wieder schlagartig ins Tagesbewusstsein der Öffentlichkeit. Es wurde viel darüber geredet und geschrieben – und nicht nur in der Fußball- und sonstigen Profisport-Szene diskutierte man darüber, welche Faktoren zum Burn-out beitragen und wie man diese ausschalten oder reduzieren kann.

Auch in der Yogaszene und im Kreise spiritueller Menschen wirft die Thematik spannende Fragen auf – erst recht, wenn Letztere ebenfalls davon betroffen sind. Jemand, der sich nicht vom Lärm an der Oberfläche ablenken lässt, sondern immer wieder nach innen schaut, jemand, der sein Bewusstsein entwickelt, die eigene Psyche erforscht, zudem durch Yoga regelmäßig für Entspannung sorgt – ein Opfer von Burn-out? Dies scheint fast ein Tabuthema zu sein, und manch ein Yogatreibender scheut sich sicherlich zuzugeben, dass er an Burn-out leidet oder kurz davor steht. Zu groß ist gerade in diesem Bereich der Druck – und wohl auch der Selbst-Anspruch –, vor einer solchen Erkrankung gefeit zu sein. Und schon ist einer neuer Druck da, der sich zu jenem Druck, der zum Burn-out führte, addiert. Dabei können sich offenbar selbst als erleuchtet geltende Menschen nicht jenseits der Schlingarme des Burn-out-Syndroms in Sicherheit wiegen, wie der Fall Pyar Troll-Rauch beweist. Die Ärztin und spirituelle Lehrerin stellte sich offen und mutig unseren Fragen, zu denen natürlich gehört, wie einem an die ewige, unerschöpfliche Quelle angeschlossenen Menschen denn eigentlich „der Saft ausgehen“ kann. Oder ist die Erleuchtung vielleicht nichts anderes als das Nirvana, vollständige Leere oder noch weniger als das, so dass man sich dadurch in logischer Folge leer fühlt? Was Pyar Troll-Rauch dazu sagt, lesen Sie im Interview von Doris Iding.

Altes unter neuem Namen oder eine Erscheinung unserer Zeit? – Dem Phänomen Burn-out auf der Spur
„Burn-out“ ist ein Begriff unserer Zeit. Geprägt wurde er erst Mitte der 1970er Jahre. Doch ist das Burn-out-Syndrom tatsächlich ein Phänomen (nur) unserer Zeit, oder existierte es nicht bereits früher? Erlitten nicht auch schon vor Jahrzehnten und Jahrhunderten Menschen Nervenzusammenbrüche, wobei ganz ähnliche Symptome im Spiel waren, wie man sie heute unter dem Namen „Burn-out-Syndrom“ zusammenfasst? Aus dem Stegreif beantworten lässt sich diese Frage nicht. Es müssten im großen Stil alte Krankenakten studiert werden, Literatur aus früheren Zeiten müsste auf Hinweise geprüft werden.

Eine andere Frage ist, ob sich das Phänomen auf bestimmte Kulturen und Gesellschaften konzentriert – oft heißt es ja, beispielsweise in Indien sorge die andersartige Mentalität dafür, dass ein ganz anderer Umgang mit Stressfaktoren vorherrscht. Wo die Uhren anders ticken, wird man möglicherweise nicht so schnell in den Burn-out getrieben. Wir müssen übrigens nicht mal auf anderen Kontinenten suchen, um eine einigermaßen burn-out-freie Landkarte zu finden: Auch südeuropäische Länder haben deutlich günstigere Statistiken als Deutschland – interessante Hinweise für  die Ursachenforschung. Leistungsdruck und fehlende Anerkennung oder Unterstützung sind sicherlich Faktoren, die in diesem Zusammenhang zu recht genannt werden, hinzu kommen Existenzsorgen und / oder hohe Verantwortung. Diese Aspekte allein können aber augenscheinlich Burn-out noch nicht hinreichend erklären, auch nicht im Konglomerat. In den Ländern, in denen offenbar weniger Menschen von Burn-out betroffen sind, treten diese Faktoren schließlich ebenfalls auf. Es scheint also noch andere Strukturen zu geben, die einem Burn-out zugrunde liegen. Die (zu einem hohen Grad in der Arbeitswelt auch tatsächlich notwendige, da oft gnadenlos eingeforderte) Bereitschaft, sich mit preußischer Disziplin in eine gleichförmige Routine zu zwängen, Werten nachzueifern, die nichts mit den ureigenen Wünschen und Prioritäten zu tun haben, pflichtbewusst zu sein bis zum Umfallen und bei all dem auch noch die Anstrengung auf sich zu nehmen, sich selbst permanent die Lüge zu erzählen, dass man mit diesen Daumenschrauben glücklich ist – da scheint schon eher der Hase im Pfeffer zu liegen. Keine Perspektive zu haben, dass es je anders wird, ist wohl auch ein wichtiger Punkt. Natürlich ist hier nicht nur der Einzelne selbst schuld, sofern man von Schuld überhaupt sprechen kann, sondern staatlich fixierte Voraussetzungen tragen einiges zu der Misere bei – in der Umgebung des vielbeschworenen „Systems“, das auf immer mehr Leistung in immer kürzerer Zeit ausgerichtet ist, bleibt wenig Luft zum Atmen, zum spielerischen Einfach-nur-Dasein und zum Reifen.

Ein komplexes Syndrom mit weit verzweigten Wurzeln
An die tiefer liegenden Hintergründe von Burn-out wirklich heranzukommen, ist gar nicht so einfach, denn das Syndrom ist vielschichtig und somit nicht leicht zu durchschauen – zumindest nicht, wenn man bis an die Wurzel gelangen will. Burn-out ist nicht notwendigerweise mit bestimmten Konstellationen im beruflichen Arbeitsalltag verbunden, sondern kann sich z.B. auch als Folge einer Langzeitpflege von Angehörigen oder anderen extremen privaten Belastungen ergeben. Darüber hinaus gibt es natürlich auch Menschen, die dazu neigen, sich selbst in ihrer Freizeit zu zahllosen Aktivitäten anzutreiben, sich beim Sport immer wieder zu Höchstleistungen zu pushen oder auf andere Art selbst unter Druck zu setzen. Allerdings sind es offensichtlich dennoch die Bedingungen der modernen Arbeitswelt, die einen sehr großen Teil zu der in den Statistiken dokumentierten Burn-out-Welle der letzten Jahre beigetragen haben. In mangelnder Belastbarkeit der Betroffenen sind die Ursachen jedenfalls nicht zu suchen. „Vielmehr gibt es heute zahlreiche Arbeitsplätze, die einfach zu niemandem mehr passen. Wenn mir Patienten schildern, was sie im Job erleben, denke ich oft, da würde jeder krank“, sagte Michael Linden, Mitglied der Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation an der Berliner Charité, kürzlich dem FOCUS. Wie sich in dieser Aussage schon andeutet, sind nicht unbedingt nur lange Arbeitszeiten und andere Aspekte, die man zunächst mit dem Begriff „Stress“ assoziiert, für das Ausbrennen verantwortlich, sondern auch zunehmende Kontrolle seitens der Arbeitgeber, Angst vor Arbeitsplatzverlust sowie standardisierte Aufgabengebiete und Abläufe, die dem Einzelnen wenig gerecht werden.

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Nina Haisken
Nina Haisken ist seit Ende 2004 Redakteurin bei YOGA AKTUELL. Sie studierte in Münster Kommunikationswissenschaft, Indologie und Soziologie und sammelte u.a. Erfahrungen bei einem Verlag in Delhi. Ihr Herzensanliegen ist der Tierschutz. Zusammen mit ihrem Kater wünscht sie sich vor allem eine friedlichere Menschheit (und den nächsten Titelgewinn des FC Schalke 04).