Was sind die Ursachen für einen Burn-out? Welche Konsequenzen verlangt eine solche Erfahrung von uns? Und was kann uns im Alltag helfen, mehr Balance im Leben zu finden?

 

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Oft sind es die schwierigen Zeiten, die uns auffordern, über unser Leben nachzudenken und ihm gegebenenfalls eine neue Richtung zu geben. Viele Menschen erleben einen Burn-out als eine solche Zeit. Auch vor Yogalehrern macht der Burn-out nicht Halt – laut aktuellen Forschungsergebnissen kann ein Burn-out jeden treffen. Auch mehrfach. Deshalb sollte man das Wesentlichste über Gründe und Verlauf eines Burn-outs wissen – auch als Yogalehrer.

Burn-out ist keine „Gentleman-Diagnose“, sondern eine handfeste Erkrankung. Betroffene wissen, wie schrecklich es ist, wenn man sich überfordert, getrieben und blockiert zugleich fühlt, Ängste hat, wenn keine Energie mehr fließt und man keine Freude mehr an dem hat, was einen früher erfüllt hat. Sie wissen, wie es ist, wenn man den eigenen Körper nicht mehr spürt und den Kontakt zu sich verloren hat – und am Ende völlig ausgebrannt ist, was sich in Form einer Depression zeigen kann. Eine allgemein akzeptierte Definition für Burn-out gibt es laut Forschung immer noch nicht. Demnach ist ein Burn-out quasi alles oder nichts –  zumindest wenn Laien darüber sprechen. Die Burn-out-Spezialistin Dr. med. Mirriam Prieß definiert Burn-out sehr klug als einen gesunden Selbstregulationsversuch von Menschen, die den Dialog zu sich selbst und zu ihrer Umwelt verloren haben und ein Leben leben, das ihrem Wesen widerspricht. Folgerichtig ist für sie ein Burn-out die Aufforderung  zu leben, anstatt zu funktionieren.

Was uns ausbrennen lässt

Gründe für einen Burn-out gibt es viele. Zu den häufigsten Auslösern zählen laut dem Benediktinermönch Anselm Grün folgende Ursachen:

Lähmender Perfektionismus: Besonders gefährdet für einen Burn-out sind jene Menschen, deren Leben auf den Säulen „Ich muss“ und „Ich darf nicht“ basiert. Sie sind getrieben, alles hundertprozentig zu machen, und tun sich schwer, auch mal „fünf gerade sein“ zu lassen. Eine solche Haltung ist fatal – wir verlieren den Kontakt zu uns selbst und führen keinen inneren Dialog mehr mit uns. Stattdessen hören wir nur noch den inneren Antreiber, der nach Perfektion verlangt.

Energieraubende Fassaden: Anfällig für einen Burn-out sind solche Menschen, die besonders gute Menschen, liebenswerte Kollegen, rücksichtsvolle Kinder oder Eltern sowie empathische Freundinnen sein wollen – und die eigenen Bedürfnisse dabei übersehen. Wenn wir Angst haben, auch einmal nein zu sagen, oder unsere negativen Gefühle, Ecken und Kanten nicht zeigen und uns stattdessen hinter einer makellosen Fassade verstecken, raubt uns dies sehr viel Energie – und macht uns krank

Krankmachende Ignoranz: Gefühle wie Müdigkeit oder Hunger sind ganz natürliche Impulse unseres Körpers, uns wieder daran zu erinnern, dass es Zeit ist, sich zu erholen, neue Kräfte zu tanken und zur Ruhe zu kommen. Überhören wir das Bedürfnis, eine Pause zu machen, in Ruhe zu essen, zu schlafen oder uns zu erholen, müssen wir mit Krankheiten dafür zahlen. Selbst der vitalste Körper braucht eine Ruhepause. Die Erholungsphase, die sich der Körper über einen Burn-out holt, dauert viel länger, als wenn wir organisch mit dem gehen, was notwendig ist. So gesehen sollten wir unserem Körper dankbar dafür sein, dass er uns unentwegt Signale sendet und uns sagt, was wir Hier und Jetzt gerade brauchen.

 

Wie ein Burn-out verläuft

Frau Dr. med. Mirriam Prieß gliedert den Verlauf eines Burn-outs in vier Phasen.

1. Phase: Alarmphase
Wer sich auf dem Weg in den Burn-out befindet, nimmt sein Gegenüber mehr und mehr als existenziell bedrohlich wahr. Der Kollege, der uns früher sympathisch war, wird plötzlich zum Gegner, zum Feind. Körperlich geht uns eine Situation ans Herz: Der Herzschlag wird unregelmäßig, das Herz beginnt zu rasen, der Puls wird flach und schnell. Zittern, Harn- und Stuhldrang und feuchte Hände nehmen zu und fordern uns zum Innehalten auf. Gedanklich suchen wir fieberhaft nach Lösungen, um die Situation zu verändern. Situationen, die wir früher im positiven Sinne als Herausforderung erlebt haben, fangen an, uns Angst zu machen und sich gefühlsmäßig durch innere Unruhe, Anspannung, Nervosität und Unwohlsein bemerkbar zu machen. In dieser Phase wird laut Prieß häufig der Grundstein für eine spätere Panikstörung gelegt.

2. Phase: Widerstandphase
Hier entscheidet sich, ob wir einen Burn-out bekommen. Eine Situation ist für uns nicht mehr auszuhalten, wir finden aber keinen Weg aus dem Dilemma. Wenn wir uns gegen einen überkritischen Partner, einen mobbenden Arbeitskollegen oder übersteigerte Anforderungen am Arbeitsplatz wehren müssen, sind wir in dieser Phase primär mit Gegenhalten beschäftigt. Das kostet extrem viel Kraft und später alle Reserven. Körperlich machen sich hier Magenschmerzen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Ohrenschmerzen, Enge in der Brust, Verspannung, allergische Reaktionen etc. bemerkbar. Gedanklich sind wir primär mit Verteidigung beschäftigt: „Mit mir nicht!“ oder „Das lass ich mir nicht bieten.“ Zuerst kreisen wir um die Situation, dann richten sich unsere Gedanken zunehmend auf die körperlichen Symptome – um uns vom eigentlichen Problem abzulenken. Wir haben das Gefühl, dass es keine Möglichkeit zur Auflösung gibt. Diese Phase ist eine Zerreißprobe, weil wir weder in der Lage sind, die stressmachende Situation zu bewältigen, noch sie zu verlassen.

3. Phase: Erschöpfungsphase – Beginn des Burn-outs
In dieser Phase empfinden wir die Belastung als sehr hoch, als unausweichlich oder als dauerhaft. Wir können den Druck auch nicht mehr durch Pausen, Erholungsphasen oder durch Bewältigung mildern. So sehr wir uns auch bemühen: Es gelingt uns weder, eine Korrektur in der Außenwelt herzustellen, noch einen Ausgleich in der Innenwelt zu erreichen. Körperlich haben wir mit Migräne, konstanten Kopfschmerzen, hohem Blutdruck, Magenschmerzen und chronischen Verspannungen zu kämpfen. Wir leiden unter Kraftlosigkeit, ständiger Erschöpfung, erhöhter Infektionsanfälligkeit, unter Ein- und Durchschlafschwierigkeiten sowie unter Schlaflosigkeit, obwohl wir müde sind. Das, was uns früher leicht von der Hand ging, schaffen wir jetzt nur noch mit viel Mühe. Gedanklich sind wir primär mit den körperlichen und psychischen Symptomen beschäftigt und grübeln darüber, ohne den größeren Zusammenhang zu sehen. Haben wir die aussichtslose Situation in der Widerstandsphase ignoriert, betreiben wir die Ignoranz in dieser Phase weiter und blenden Auslöser weiter aus. Gefühlsmäßig reagieren wir in dieser Phase ganz unterschiedlich: Die Einen werden von ihren Gefühlen überflutet. Andere nehmen gar keine Gefühle mehr wahr. Dadurch fühlen wir uns verzweifelt, hilflos oder traurig. Ängste, die wir in der Widerstandsphase unterdrückt haben, kehren jetzt zurück und manifestieren sich in einer pessimistischen und gereizten Grundstimmung. Die Selbstzweifel steigen, Panikattacken ziehen uns den Boden unter den Füßen weg. Diese Gefühle können irrational und typisch in Todesangst gipfeln. An diesem Punkt ziehen wir uns immer mehr zurück, sagen Termine ab und empfinden zwischenmenschliche Kontakte primär als belastend. Wir greifen immer häufiger zu Suchtmitteln: Aus einem Glas Wein am Abend wird hier schnell eine ganze Flasche. Zu den Schlafmitteln nehmen wir auch noch Aufputschmittel. Diese Phase ist zeitlich begrenzt und hängt ganz individuell von unseren Kraftreserven ab.

4. Phase: Der Rückzug
Ein Rückzug scheint uns jetzt die einzige Möglichkeit zu sein, mit dem Leben klarzukommen. Körperlich nehmen Kraftlosigkeit, Erschöpfung und Antriebslosigkeit weiter zu, und die körperlichen Symptome sind mittlerweile chronisch geworden. Gedanklich kreisen wir nur noch um uns selbst und um die eigene Erschöpfung. Wir kämpfen gegen Gefühle starker Selbstablehnung und Selbsthass, weil wir alle Gefühle in uns hineingefressen haben. Jeglicher Widerstand wird nun vollkommen unterdrückt – und die daraus entstehenden Autoaggressionen endet meinst in Selbstvernichtung. Die nach außen vorgegaukelte heile Fassade wird nun durch unbewusste destruktive Aktionen eingerissen. Wir verstecken die eigene Sucht nicht mehr oder machen große Fehler, die zur Entlassung oder zum persönlichen Ruin oder Schaden des Unternehmens führen. Weitere Merkmale sind Gefühlslosigkeit bzw. ein Gefühl der Starre und ein Gefühl der wachsenden Isolation der Umwelt gegenüber. Dieses Gefühl geht Hand in Hand mit Empfindungen von Hoffnungs- und Sinnlosigkeit dem Leben gegenüber. Symptomatisch ist eine massive Antriebslosigkeit, in der bereits die Bewältigung des Alltags laut Dr. Prieß fast unmöglich erscheint.

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