Subjektives Wohlbefinden durch Achtsamkeit: durch bewusstes Erleben und Yoga Dysbalancen entgegenwirken

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Glück als Konstrukt hat viele Gesichter. Das menschliche Streben nach Glück scheint manchmal eine Sehnsucht zu sein: nach dem Erleben eines Momentes voller Positivem, nach dem Guten und Angenehmen. In diesem Glücksempfinden, so scheint es, möchte man am Liebs­ten auf immer schwelgen. Erstrebenswert, heilend, einem Gefühl des Ankommens ähnelnd, so gleicht „Glück“ aber auch in gewisser Weise dem Wunsch nach einem Moment der Zufriedenheit, mit den äußeren Dingen sowie im Innern unseres Seins.

Diese beiden Aspekte von Glück als inhaltlich unterscheidbare Ansätze beinhalten auch unterschiedliche Wege zum Erleben des Zustands „Glück“. So steht zum einen dem Sehnen und Streben nach einem subjektiv empfundenen, „angenehmeren“, polaren Teil dieser Realität ein Glücksbegriff gegenüber, der vermutlich jenseits, oder inmitten der Dualität zu finden ist: Zufriedenheit als eine Art Zustand der inneren Balance, zwischen allen polaren Strukturen. Der Zufriedene scheint nicht mehr nach etwas zu streben, sondern in einem Moment der Ruhe und des Innehaltens zu verweilen und auch aus dieser Ruhe heraus zu handeln.

Burn-out als ein Zustand der Leere, bei dem alle körperlichen und geistigen Ressourcen ausgeschöpft wurden, scheint dem Konstrukt des „subjektiven Wohlbefindens“, einem Gefühl von Fülle und der Wahrnehmung für die eigenen Bedürfnisse, entgegenzustehen. Um auszubrennen, muss man erst einmal „Feuer gefangen haben“, sich von etwas komplett vereinnahmen haben lassen. Vielleicht schon so sehr, dass sich die Wahrnehmung nur noch auf bestimmte Bereiche des Lebens konzentriert und dabei aber eben auch insgesamt reduziert hat.

Bewusste Wahrnehmung zeigt sich darin, ob man sich ihr mit ganzer oder mit geteilter Aufmerksamkeit widmet. Handeln und Streben bei Menschen, die von einem Burn-out betroffen sind, waren zuvor auf der Zeitachse oft jenseits von „adya“ (Sanskrit für „jetzt“, „im
Augenblick seiend“). Die selektive Aufmerksamkeit des Einzelnen war so zumeist nicht auf das Innen, sondern auf das Außen gelenkt, vielleicht auf Ziele oder auch auf das Wohlergehen anderer Menschen.

Psychophilosophische Aspekte des Burn-out
In der Logik des Ayurveda und der Praxis von Yoga und Meditation bildet bewusste Wahrnehmung, also die Aufnahme von Informationen durch die Sinne, eine Grundlage für den Erhalt psychischer und physischer Gesundheit. Die Aufnahme durch die Sinne sollte laut diesen Lehren in verdaulichen Mengen geschehen und ähnlich der physischen Nahrung bewusst gewählt werden. Das Individuum als Wahrnehmender, sowie die gesamte Dualität alles Wahrnehmbaren und ihr Verhältnis zueinander, werden nicht nur in der alt- indischen Samkhya-Philosophie und im Ayurveda, sondern auch in der Philosophie des Daoismus und der traditionellen chinesischen Medizin durch Yin und Yang einprägsam beschrieben.

„Die Leere erzeugt das Eine das Eine erzeugt Zwei
und diese Drei bringen die
zehntausend Dinge hervor.
Die zehntausend Dinge der
Erscheinung
beinhalten Yin und umfassen Yang
und durch die Mischung ihrer Kräfte wird die Harmonie erhalten.“
(Lao-Tse)

Alles, was existiert, ist in diesem Sinne aus „dem Einen“ entsprungen und von dem einen universellen Bewusstsein durchdrungen. Jedem Lebewesen, jeder Form oder Substanz, ob anorganisch oder organisch, wird Lebenskraft aus der einen Quelle zuteil; diese manifestiert sich dann in den Myriaden von Formen und Eigenschaften der Natur. Wir haben es mit einer Dualität zu tun, die aus ihren Gegensätzen heraus lebendig wird und Neues hervorbringt: Yin als Aspekt der Passivität, des Empfangens, des Zusammenziehens, des Speicherns und auf psychischer Ebene auch des „In-sich-Gehens“; und Yang als aktiver Gegenpol, des Nach-außen-Strebens, energetisch beschreibbar mit Prozessen der Hitze, der Umwandlung und des kreativen Schaffens. Beide Aspekte stehen sich gegenüber und befinden sich dennoch zugleich in einer dialektischen Beziehung zueinander. Sie können nur durch die Beziehung zueinander definiert werden. In jedem Aspekt des einen ist wiederum auch ein Teil des anderen enthalten. Yin und Yang kontrollieren ein­ander nicht nur, sondern transformieren einander, ob in körperlichen Prozessen oder in der sozialen Interaktion mit unserer Umgebung.

Eine Balance von Yin und Yang in den großen wie auch in den kleinen Aspekten unseres Alltags zu erhalten, hilft uns, im Dialog mit uns selbst und unserer Umwelt zu bleiben. Dabei hat jedoch jeder Mensch eine eigene differenzierte Form der Balance. Doch wie kann dieses subtile Gefüge, dieses duale organische Ganze des Einzelnen, aus dieser philosophischen Sicht heraus so weit aus den Fugen geraten, dass es zu einem „Burn-out“ kommen kann?

Extreme Dysbalancen zwischen Yin und Yang
Extreme Situationen oder dauerhafte Dysbalancen von Yin und Yang verursachen auch im Individuum verschiedene regulatorische Prozesse. Da beide untrennbar miteinander verwoben sind, als zwei Facetten eines Ganzen, bleiben beide Aspekte idealerweise, als erster regulatorischer Prozess, im Dialog. Ist Yang zum Beispiel in Form von körperlicher und geistiger Aktivität dominant, entsteht eine natürliche Balance, wenn der Phase des überhöhten Yang eine Phase des Yin folgt, also eine Zeit des In-sich-Gehens und der Beschränkung des aktiven Potenzials auf das Nötigste. Diese Situation stellt so eine Möglichkeit dar, Ressourcen der Lebensenergie wieder aufzufüllen und die beiden dualen Aspekte wieder in einen Ausgleich zu bringen.

Sollte das Yang z.B. aber soweit aus den Fugen geraten sein, dass der Betroffene Raubbau mit den Lebensenergie-Ressourcen betreibt, sodass es geradezu aus seinem Dialog mit dem Yin ausbrechen würde, wird das Yin, um die absolute Trennung der Dualität, das Zusammenbrechen der Existenz zu verhindern, Raum einnehmen, um die natürliche Balance wiederherzustellen. Dies stellt einen zweiten möglichen organischen Regulationsprozess dar. Auf eine Phase der Expansion, in der durch das Streben in den äußeren Erfahrungswelten versucht wurde, das immer leerer werdende Innere zu füllen, folgt daher nun die Kontraktion – ein Vorgang des Sich-in-sich-Zusammenziehens. Die innere Leere wird nun wahrgenommen, und es gilt, sie wieder mit Bewusstsein zu füllen. Solch ein Vorgang gleicht einem abrupten Wechsel von einem Extrem in das andere. Der Einzelne, der den ersten Schritt des Versuchs zur Regulation nicht in sich wahrgenommen und den Dialog von Yin und Yang nicht gehört hat, erlebt diesen Wechsel wie einen Schock. Er wird nun unweigerlich mit den extremen Aspekten des Yin konfrontiert. Das Erleben der inneren Leere der Energie-Depots der eigenen Ressourcen steht dabei ganz nah am „großen Nichts“ eines depressiven Erlebens, und beides ist oft schwer voneinander zu unterscheiden.

Auch auf biopsychologischer Ebene sind bei einem Burn-out verschiedene Regulationsmechanismen aus der Balance geraten. Der Zustand des Burn-out stellt jedoch in gewisser Weise auch eine Form der Regulation dar. Er führt zu einem Prozess, in dem sich der Betroffene Aspekte der eigenen Motivation sowie Denken und Fühlen wieder bewusst machen kann, um in Zukunft achtsamer mit sich umzugehen und öfter innezuhalten. Durch die Praxis von Yoga in all seinen Facetten kann ein solcher Raum, ein bewusster Schritt zwischen den Wahrnehmungs- sowie den Aktions- und Reaktionsprozessen entstehen, der uns Zeit gibt, nach innen zu schauen, um exzessives Haushalten mit unserer Lebensenergie zu vermeiden.

Yoga der Achtsamkeit
Die Logik des Ayurveda mit der Lehre von Marma und die Praxiswege des Yoga stehen auf vielen Ebenen im Einklang mit verschiedenen Theorien und Erkenntnissen der modernen Psychologie. Einen dauerhaften Weg aus dem Burn-out, einem Zustand der Leere, des absoluten Entkräftetseins, stellt dabei der Übungspfad der Achtsamkeit dar. Achtsamkeit erfüllt uns mit der Wahrnehmung des Hier und Jetzt und ist ein Nährboden, auf dem subjektives Wohlbefinden entstehen kann, Zufriedenheit als Glücksempfindung, jenseits von dem extremen Streben und Suchen nach den einseitigen Aspekten der dualistischen Ebene.

In der Adya-Yogatherapie beschäftigt man sich damit, durch Wahrnehmen und Erkennen, Emotion, Atmung sowie Bewegung zu agieren. In der klinischen Anwendung ist dieser Ansatz zum Beispiel für die Psychosomatik geeignet, um sich als Individuum mit dem eigenen Körperbewusstsein und psychischen Vorgängen, die sich körperlich ausdrücken, in einer Innenschau auseinanderzusetzen. In Einzelsitzungen wird erlernt, sich dieser interaktiven Prozesse erst einmal im Yoga bewusst zu werden und das Entdeckte auch auf alltägliche Situationen zu übertragen. „Adya“ bedeutet in diesem Zusammenhang „im Augenblick seiend“ und beschreibt einen Vorgang der Wahrnehmung, die auf den Moment und nach innen gelenkt ist. Ein Moment, der uns zum aktiv Handelnden macht und uns in die Tiefe unseres Seins einweiht.

Beim Einnehmen einer Körperhaltung oder eines Asana kann man so zum Beispiel als ersten Schritt versuchen, diese(s) von innen heraus zu erfassen. Was empfinde ich in den verschiedenen Facetten meines Körpers, wie verändert sich meine Atmung, was nehme ich noch wahr? In der Psychologie wird so ein Vorgang auch als „Bottom-up-Prozess“ bezeichnet, eine abstrakte Art, sich erst einmal mit dem Sammeln von Sinneseindrücken auseinanderzusetzen. Sind wir so in unsere Sinnesempfindungen eingetaucht, setzen wir uns danach noch einmal mit der entgegengesetzten Art der Wahrnehmung, sozusagen „top-to-down“, auseinander. Hierbei können wir das Asana durch unsere Fähigkeit, auf Erfahrungen und Erinnerungen zurückzugreifen, auch sozusagen auf einer gefühlten Assoziations- und Deutungsebene betrachten. Dieser Weg der Wahrnehmung kann unseren Blickwinkel des Erlebens erweitern. Yoga hat seine eigene konzeptuelle Sprache, um durch die äußere Haltung die innere Haltung des Übenden auszudrücken oder Veränderungen in ihr herbeizuführen. Jedoch hat auch jeder Mensch ein individuelles Körpererleben und Empfinden in der jeweiligen Situation sowie Assoziationen, die in ihm, bedingt durch seine individuellen Erfahrungen, entstehen. Um tiefere innere Prozesse anzuregen, bedarf es einer Reise in die Tiefe unseres Empfindens, um dann durch die Konfrontation mit bisher bestehenden Reaktionsmustern in eine Art inneren Dialog zu treten.

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