Burn-out ist ein moderner Begriff, Ayurveda eine alte Heilkunde. Dennoch können ayurvedische Ansätze sehr viel zur Vorbeugung und Therapie von Burn-out beitragen. YOGA AKTUELL hat einige Experten dazu befragt

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YOGA AKTUELL: Burn-out wird zumeist als moderne Krankheit betrachtet. Wie wird diese Erscheinung aus Sicht des Ayurveda eingeordnet? Gab es früher schon Hinweise darauf?

Kerstin Rosenberg:
Der Begriff Burn-out wird in der ayurvedischen Literatur natürlich nicht erwähnt. Doch Erschöpfungszustände, die aufgrund übermäßiger geistiger Aktivität zu körperlichen und psycho-mentalen Stresssymptomen führen und eine anhaltende Immunschwächung herbeiführen, sind im Ayurveda wohlbekannt.

Ursula Maria Dorfer: Aus Sicht des Ayurveda gibt es keine Erkrankungen, die nicht direkt oder indirekt mit einem Ungleichgewicht der Doshas (Bioenergien) einhergehen. Burn-out wird im Ayurveda als ein Zustand völliger Erschöpfung auf körperlicher und geistiger Ebene betrachtet. Störungen mit dieser Symptomatik werden in den alten ayurvedischen Texten durchaus erwähnt.

Hans H. Rhyner: Im Grunde ist Burn-out eine Stoffwechselerkrankung und deshalb keine moderne Erscheinung. Die Burn-out-Patienten sind ja nicht unbedingt ausgezehrte Menschen, sondern zum Teil auch übergewichtig. Das bedeutet, die eingelagerten „Reserven“ stehen aufgrund einer Stoffwechselstörung dem Organismus nicht zur Verfügung. Ursache sind falsche und vor allem unregelmäßige Ernährung und ein unangepasster Lebensstil. Das gab es überall, wo urbanes Leben möglich war.

Wie würden Sie Burn-out gemäß Ayurveda definieren, und was sind für Sie persönlich die fünf wichtigsten Indikatoren?

Kerstin Rosenberg: Burn-out ist eine typische Vata-Pitta-Erkrankung, die durch zu viel Rajas im Geiste verursacht wird. Was heißt das übersetzt? Durch Rajas ist unsere Psyche gestresst und überreizt. Immerzu werden neue Gedanken, Wünsche und Ängste produziert. Das hohe Rajas heizt unser körperliches Feuer (Pitta) an, und das verbrennt uns dann und führt zu Vata-Störungen. Energieverlust, Immunschwäche und Depressionen sind die automatische Folge davon.

Die wichtigsten Indikationen, die zu Burn-out führen, sind

  • Überreizung der Sinnesorgane (Lärm, Computerarbeit usw.)
  • Falsche Ernährung (Fastfood, unregelmäßige Ernährungsgewohnheiten)
  • Mangel an ausgleichender Bewegung des Körpers
  • Mangel an Schlaf sowie Entspannung und Zentrierung (Meditation) für den Geist
  • Unterdrückte Emotionen (Wut, Frust, Ängste)

Dies entspricht auch den Körper-Geist-Interaktion, wie sie in den Ayurveda-Klassikern definiert werden: Unreine Nahrung, fehlerhafte Transformation der Dhatus, Ansammlung von Abfallstoffen, Abnahme der Qualität bzw. Quantität von Ojas.

Ursula Maria Dorfer: Burn-out aus Sicht des Ayurveda ist das Zeichen eines Ungleichgewichtes eines oder mehrerer Doshas. Burn-out ist eine gestörte Beziehung von Außenwelt und Innenleben, d.h.: In welcher Beziehung stehe ich mit meiner Umwelt, und wie reagiere ich auf Reize von außen? Die wichtigsten Indikatoren sind für mich: Leistungsdruck und Überforderung in beruflicher, gesellschaftlicher und familiärer Hinsicht, Reizüberflutung der Sinnesorgane, physischer, psychischer und emotionaler Stress – bis hin zu völliger Erschöpfung, multiple Angstvorstellungen, zum Teil einhergehend mit Ethik- und Glaubensverlust.

Hans H. Rhyner: Einerseits sind Betroffene nicht in der Lage, ihr konstitutionelles Potenzial auszuschöpfen, weil ihr Lebensstil und ihre Ernährung nicht an die Konstitution, an Umfeld und Arbeit angepasst sind. Dadurch wird alles noch mühevoller und kräfteraubender, als es ohnehin schon ist. Die Leistungsreserven – psychische und physische – sind somit schnell aufgebraucht, und dies führt zum Kollaps. Natürlich sind die Gründe für diesen Mangel an Wissen über den Umgang mit sich selbst bei einer Therapie anzugehen. Aus physiologischer Sicht wird durch eine Störung von Jataragni (primärer Stoffwechsel) zu wenig Rasadhatu (Nährstoffe in Blut, Lymphe und interzellulärer Flüssigkeit) gebildet. Zugleich finden sich in diesem Rasadhatu zu viele nicht korrekt verstoffwechselte Schlackenstoffe (ama). Das verhindert, dass die Zellen genug Nahrung bekommen. Die Rasavahasrota (das System Herz und Gefäße) leidet am stärksten darunter. Symptome wie Herzflattern, Tachykardie oder ein Gefühl der Leere in der Herzgegend entstehen. Es kommt vor, dass ein Patient typische Symptome wie bei einem Herzinfarkt verspürt, in die Klinik fährt und, ohne Befund und mit Beruhigungsmitteln oder Antidepressiva versorgt, wieder entlassen wird. Nach ayurvedischer Sicht ist das Herz auch der Sitz von Manas (der Psyche). So entsteht eine Erschöpfungsdepression als weiteres Symptom von Burn-out.

Hat die Anzahl der Burn-out-Patienten in den letzten Jahren wirklich so extrem zugenommen, oder hat das Kind jetzt nur einen anderen Namen bekommen?

Kerstin Rosenberg: Ich glaube, die Stressbelastungen sind in unserer modernen Welt enorm angestiegen. Die Menschen arbeiten immer mehr, sind permanent auf Reisen und werden von starker Unsicherheit (wirtschaftlich, beruflich, persönlich) belastet. All dies ist der Boden, auf dem Burn-out wächst.

Ursula Maria Dorfer: Die Anzahl der Burn-out-Patienten hat in den letzten Jahren tatsächlich deutlich zugenommen. Beinahe jeder dritte Patient, der meine Praxis aufsucht, leidet an diesen Symptomen. Man kannte Burn-out früher aber schon – wenn auch vergleichsweise seltener als heute – unter Bezeichnungen wie „Nervenzusammenbruch“, „Kreislaufzusammenbruch“ oder als „physisches und psychisches Erschöpfungssyndrom“.

Hans H. Rhyner: Meine Praxis ist gefüllt mit so genannten Burn-out-Patienten. Früher wäre eine Erschöpfungsdepression oder funktionelle Störung diagnostiziert worden.

Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe, warum in letzter Zeit so viele Menschen betroffen sind?

Kerstin Rosenberg: In meiner Ayurveda-Praxis beobachte ich bereits seit Jahren, dass die Anzahl an Vata-belasteten Patienten stetig steigt. Bereits Kinder sind von Leistungsstress, Schlafstörungen und Versagensängsten betroffen. Da ist es kein Wunder, dass das Immunsystem – auf der körperlichen und emotionalen Ebene – schlappmacht.

Usula Maria Dorfer: Leistungsdruck, der zum Teil schon im Schulalter beginnt. Verlust der Bodenständigkeit mit den dazugehörigen Ritualen und Brauchtum. Zu viele Aktivitäten ohne ausgleichende Ruhephasen. Umwelteinflüsse durch Elektrosmog und Strahlenbelastung (vor allem durch hochfrequente Strahlen). Nicht selten kommen noch Ängste vor finanzieller Not, Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Altersarmut dazu.

Hans H. Rhyner: Die extrem schlechte Ernährungsweise trägt ihre Früchte. IBM hat in seinen Niederlassungen in den USA wieder lange Mittagspausen eingeführt, nicht aus Mitgefühl für die Mitarbeiter, sondern weil sich dadurch die Leistung massiv gesteigert hat. Mit der gleitenden Arbeitszeit wurde die Mittagspause auf 15 bis 30 Minuten reduziert. Am Abend sind dann die Menschen verständlicherweise müde und nicht mehr in der Lage, etwas Frisches und Warmes zu kochen.

Burn-out galt früher als reine Managerkrankheit. Hat sich das Klientel verändert? Haben Sie auch viele Betroffene aus helfenden Berufen?

Kerstin Rosenberg: Wie schnell oder wie stark wir von Burn-out betroffen sind, hängt eher von unserer Konstitution als von unserem Beruf ab. Besonders gefährdet sind Pitta- und Vata-Persönlichkeiten. Und diese finden wir oft in Managerpositionen. In den Pflegeberufen – die ebenfalls stark belastet sind – sind häufig Kapha-Konstitutionen tätig. Die sind einfach belastungsfähiger und halten den Stress und den Schichtdienst ein paar Jahre länger durch …

Ursula Maria Dorfer: Das Klientel zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten und durch alle Altersgruppen. In meiner Praxis gibt es auch viele Betroffene aus helfenden Berufen wie z.B. pflegenden und therapeutischen Berufen.

Hans H. Rhyner: Das geht durch alle Gesellschaftsschichten.

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

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