In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Mark Whitwell hat mit seinem Buch „THE PROMISE of Love, Sex, and Intimacy“ eine Inspirationsquelle veröffentlicht, aus der sich viele Impulse schöpfen lassen. YOGA AKTUELL sprach mit dem bekannten Yogalehrer über fundamentale Fragen zu Yoga und Sex

 

YOGA AKTUELL: Was ist in Ihren Augen die Basis für eine erfüllte Sexualität?
Es ist die Liebe. Wenn Sex ein Ausdruck wirklicher Liebe, echter Fürsorge, echter Intimität und eines aufrichtigen Gefühls zwischen Vertrauten ist, dann ist er mehr als befriedigend. Er ist die Erfüllung des Lebens. Wenn Sex allerdings ohne Liebe vollzogen wird, ist er nur schmerzhaft und fühlt sich leer an.

Kann Yoga uns dabei helfen, dorthin zu gelangen?
Ja, absolut! Er ist ein notwendiges praktisches Mittel, um zu einem erfüllten Intimleben zu gelangen.

Was können Paare tun, um ihre Sexualität auch innerhalb einer langen Beziehung füreinander lebendig zu erhalten?
Ihrer Yogapraxis nachzugehen. Und zwar einem Yoga, der ihren individuellen Besonderheiten entspricht, ihrem Körpertyp, ihrer Gesundheit, ihrem Alter und ihrem kulturellen Hintergrund.

Was können wir tun, um mit unserem eigenen Herzen in Kontakt zu kommen, damit wir uns selbst lieben und damit Sexualität nicht ein rein körperlicher Akt ist, sondern zu einer Verschmelzung wird, bei der wir die Dualität überwinden?
Den Yoga des männlichen und weiblichen Miteinanders zu praktizieren: die Einatmung, die mit der Ausatmung verschmilzt, eine Stärke, die zugleich empfänglich ist. Das ist Hatha-Yoga. Asanas sind Hatha-Yoga, das non-duale Tantra direkter Intimität mit der Wirklichkeit, die eine nährende, regenerierende Kraft ist.

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Welche Yogapraxis können Sie empfehlen, damit wir unsere Sexualorgane stärken können?
Der Yoga, den ich unterrichte, stammt von Krishnamacharya. Der ganze Körper wird dabei in die Atmung einbezogen und hat teil an deren Polaritäten. Der subtile Einsatz von Bandha in den Asanas und bei der Atmung stärkt alle Bereiche des Körpers und entspannt sich dann in die Funktion und in die Integration des ganzen Körpers hinein, der in Beziehung zu allem steht, was ist.

Können Sie bestimmte Atemtechniken nennen, die Körper und Geist entspannen, während wir Sex haben?
Nein! Machen Sie Ihre tägliche Yogapraxis, wahrhaftig und natürlich und nicht zwanghaft. Dies wird in der sexuellen Vereinigung ein wundervolles, sich ganz natürlich einstellendes Ergebnis zur Folge haben. Dem sexuellen Yoga sollten keine Bewusstseinstechniken aufgestülpt werden. Die Körper wissen genau, was sie zu tun haben, wenn sie füreinander und für sich selbst empfindsam sind. Diese Empfindsamkeit entwickelt sich nur durch tatsächliche Yogapraxis. Es gibt keinen Ersatz für die Praxis. Es gibt keine Verbesserung des Sexes, solange es keine wirkliche Yogapraxis gibt. Sorry, ich muss das sagen. Wenn Sie eine Empfindsamkeit für den eigenen Körper entwickeln, können Sie auch sensitiver gegenüber anderen Menschen werden.

Sie haben einmal gesagt, dass wir täglich 7–10 Minuten Yoga praktizieren sollen, um glücklich zu werden. Empfehlen Sie Paaren eine regelmäßige sexuelle Praxis am Tag oder pro Woche?
Die Paare sollten miteinander abstimmen, welche Häufigkeit für sie richtig ist. Und dann sollen sie dabei bleiben, wie bei einer Disziplin, so wie sie auch ihre täglichen Asanas praktizieren. Es ist ein Vergnügen, aber nichtsdestotrotz auch eine Disziplin.

Was halten Sie davon, sexuelle Partner häufig zu wechseln? Produziert dies schlechte Energie oder sogar schlechtes Karma? Was sagen die yogischen Schriften dazu?
Obwohl ich keine ethische oder moralische Position für Monogamie oder Polygamie beziehe, habe ich noch nie erlebt, dass es funktioniert, mehrere Beziehungen gleichzeitig zu haben. Es verursacht nur Verwirrung und emotionale Schmerzen. Ich denke, es ist besser, eine Person zu wählen, die gut zu einem passt, und sich tiefer auf diese Verbindung einzulassen. Darin liegt ein tantrisches Yogageheimnis. Wähle eine Richtung und gehe hier mit Kontinuität tiefer darauf ein (vgl. Yoga-Sutra 1.2).

Würden Sie empfehlen, eine Zeit lang auf dem spirituellen Weg Sex zu vermeiden, um mit dem eigenen Herzen in Kontakt zu kommen?
Ja, es ist gut, eine gewisse Zeit einen Schritt zurück zu tun und sich selbst zu reflektieren. Aber nur für eine kurze Zeit. Brahmacharya meint nicht das Zölibat. Es bedeutet, Gott durch die richtige Beziehung zu studieren und zu erfahren. Ein Zeitraum von Bramacharya bezieht sich auf das Studium von Beziehungen zwischen Ihnen und dem Rest von Mutter Natur.

Gibt es etwas, was Sie den Lesern abschließend empfehlen können?
Ja, bitte lest meine Bücher und besucht einige meiner Klassen, wenn ihr die Möglichkeit dazu habt, oder besorgt Euch meine App. Praktiziert damit.

 

 

WhitwellMark Whitwell lebt in den USA und in Neuseeland. Mark hat sein Leben damit verbracht, die verschiedenen Yoga-Traditionen zu studieren, um sie lebendig und fruchtbar zu machen. Sein Hauptaugenmerk gilt dem Aufzeigen der Möglichkeit, wie jeder Einzelne sich einen authentischen Yoga erschließen kann, der für ihn klärend und kraftvoll ist und sich gleichzeitig auf natürliche Weise in sein Leben einfügen lässt. Mark gilt als „Lehrer der Lehrer“, denn viele bekannte Yoga-Größen zählen sich zu seinen Schülern.
www.heartofyoga.com

Zum Weiterlesen:
Mark Whitwell: „Herz-Yoga. Die heilende Kraft inniger Verbindung“, Via Nova Verlag 2010
Mark Whitwell: „Das 7-Minuten-Versprechen. Eine einfache Yoga-Meditation für mehr Liebe, Sex und Intimität“, Knaur MensSana 2015

 

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.