Das von Prof. Dr. Walter van Laack herausgegebene Buch versammelt acht überarbeitete und erweiterte Beiträge zu Grenzfragen des Lebens und Sterbens, die im November 2019 in Aachen gehalten wurden. Da es (natur-) wissenschaftlich gesicherte Antworten auf viele dieser Fragen nicht gibt, entscheiden letztlich Plausibilität und Authentizität der Argumente über die Qualität der unterschiedlichen, z. T. durchaus einander widersprechenden und polarisierenden Arbeiten. Betroffene und Interessierte finden in diesen Beiträgen bedeutsame Informationen und Anregungen, die ihren Lebens- und Verstehensprozess nachhaltig bereichern können.

Für den Theologen und Psychologen Dr. Joachim Nicolay ist das derzeitig vorherrschende naturwissenschaftlich geprägte Menschenbild eine Folge der materialistischen und nihilistischen Weltsicht, die die Phänomene der Lebenswelt auf Messbarkeit, Berechenbarkeit und Zweckhaftigkeit reduziert. Als Beispiel führt er die reduktionistischen Neurowissenschaften an, für die Bewusstsein Epiphänomen neuronaler Prozesse ist. Erlöschen die neuronalen Prozesse, erlischt auch das Bewusstsein. Dem damit verbundenen egozentrischen Menschenbild, Ursache zugleich der Zerstörung der Natur, entgegen stellt er ein Bewusstsein der Verbundenheit, Einheit, Ganzheit, des Mitgefühls, das über sich hinausreicht und mit einem Sinn für das Sein und das Geheimnis der Schöpfung einhergeht. Das Potenzial zu dieser Tiefendimension des Lebens, die er in mystischen Traditionen, aber auch im Denken Heideggers findet, und die sich immer wieder auch in Grenzerfahrungen offenbart, ist in jedem Menschen angelegt. Der spätestens seit Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ politisch endgültig diskreditierte, mit der Frage nach Sein und Zeit und dem Wesen der Metaphysik philosophisch trotz alledem weiter bedeutsame Philosoph, der sich neben den Vorsokratikern, Platon und Aristoteles zeit seines Lebens vor allem mit den Dichtern und Denkern der Romantik – Hölderlin, Kant, Schelling und Hegel – auseinandergesetzt hat, grenzt mit seinem Spätwerk an das östliche Denken. Taoismus, Buddhismus und Vedanta stellen längst auch für die Nahtodforschung bedeutsame Schnittstellen dar, wobei vor allem dem Kundalini Yoga wegweisende Bedeutung zukommen kann, wenn es um die lebenspraktische Aktualisierung, Verwirklichung dieses unermesslichen Potenzials geht.1

Auch wenn Prof. Dr. Enno Edzard Popkes die breite Interdisziplinarität seines Kieler Forschungsprojektes „Thanatologie“ betont, interessiert er sich ebenfalls in besonderer Weise für Philosophie und Theologie. Neben Platon und Aristoteles, dem vielleicht widerspruchsvollsten und gegensätzlichsten Lehrer-Schüler-Paar der Philosophiegeschichte und damit ein lebendiges Beispiel der Dialektik, gilt sein Interesse vor allem der platonisch inspirierten Theologie, wobei dem Thomas- Evangelium besondere Bedeutung zukommt. Lichterfahrungen, Seins-Erfahrungen, die Berührung mit einem geheimnisvollen Ur-Grund und damit verbundene Erfahrungen der Heilung finden sich in Nahtoderlebnissen ebenfalls wieder. Die Frage nach der Unsterblichkeit der Seele, die von Leben zu Leben einerseits identisch bleibt, andererseits sich doch aber weiterentwickelt, um schließlich die Einheit zu erreichen und ins Absolute zurückzukehren, weist ebenfalls Entsprechungen zum östlichen Denken auf. Nichts anderes übrigens stellt Hegels „Phänomenologie des Geistes“ dar, als diesen Weg des Bewusstseins, das durch den Zweifel oder die Verzweiflung, die absolute Zerrissenheit hindurch zu sich selbst oder eben zu „Gott“ findet. Was einst vorläufig gedacht wurde, will endlich gelebt werden.2

Platons Welt der Ideen wird in van Laacks Konzept der „Daseins- und Existenzentwicklung“ zur Welt der Information. Was Kräfte und Stoffe wirklich sind, entzieht sich unserer Kenntnis. Die Verfallszeit vermeintlich sicherer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse ist kurz. Dass wir vieles berechnen können, und dabei immer wieder auf rätselhafte Konstanten treffen, wie beim „Goldenen Schnitt“ oder dem Wert der Hintergrundstrahlung, deutet allerdings darauf hin, dass das Sichtbare aus dem Unsichtbaren gesetzmäßig hervorgeht. Zahlen verdeutlichen zudem, dass das Unendliche im Endlichen weilt. Elementarteilchenphysik und Astrophysik unterliegen denselben Gesetzmäßigkeiten, die mathematischer oder geometrischer Natur sind. Entwicklungen verlaufen linear aufsteigend und zyklisch als Werden zu sich. Ausgehend von diesen Gedanken spannt Walter van Laack einen Bogen von den Naturwissenschaften zum östlichen Denken und der christlichen Theologie, diskutiert Varianten der Begriffe „Wiedergeburt“ und „Auferstehung“, zitiert Paulus „Geheimnis“ von der Überwindung des Todes in der „Verwandlung“ des Menschen und endet beim „Nicht-Wissen“, das wir für etwa 95 Prozent aller lebensweltlichen Phänomene annehmen müssen.

Constant Michielsens skizziert die Entwicklung des Lebens von der Entstehung der ersten Zelle bis zur Ausdifferenzierung der Arten und des selbstbewussten Menschen, der sich zu seiner biologischen Bestimmtheit verhalten und damit zum moralischen Wesen entwickeln konnte. Während der von Karl Jaspers sogenannten Achsenzeit entdeckten hoch entwickelte Menschen unabhängig voneinander auf verschiedenen Kontinenten erleuchtete Lebensweisen, die den bloßen Kampf ums Überleben Richtung Mitgefühl, Kooperation und Liebe transzendieren. Die „goldene Regel“ gilt daher für Buddhisten und Christen, Juden und Muslime in gleicher Weise. Religionen institutionalisierten diese universellen Tiefenerfahrungen und verwahrten sie in Dogmen und Riten, doch konnten sie in den folgenden Jahrhunderten von der Mehrheit der Menschen nicht mehr gelebt und verwirklicht werden. Eine Nahtoderfahrung versetzte den Autor 1956 unvermittelt in diese Dimension der Liebe, unbedingten Wertschätzung, des Lichts und der Seligkeit, des tiefen existenziellen Verstehens, des verzeihenden humorvollen angenommen seins, wodurch ihm zur Gewissheit wurde, dass diese Dimension universell und im Grunde allen zugänglich ist, der Mensch Teil der Schöpfung und diese trotz aller menschlichen Bemühungen ein undurchdringliches Geheimnis ist und bleibt.

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Evelyn Elsaesser stellt eine in den Jahren 2018 bis 2020 mittels 1004 Online-Fragebögen in drei Sprachen durchgeführte wissenschaftliche Studie zum Phänomen Nachtodkommunikation (NTK) vor. Für die Authentizität des Phänomens sprechen vor allem seine universelle Verbreitung, das Auftreten bei 30 bis 40 Prozent der Hinterbliebenen, übereinstimmend berichtete Inhalte und Wirkungen sowie zahlreiche historische Zeugnisse. Auch, wenn die vorgelegten Ergebnisse keinen wissenschaftlichen Beweis für das Weiterleben eines personalen Wesenskerns nach dem Tod darstellen, dokumentieren sie dennoch eindrucksvoll ein gesellschaftlich und psychologisch bedeutsames Phänomen, das überwiegend tröstend, versöhnend und schützend wirkt und wahrgenommen wird. Wer Wissenschaft als vorurteilsfreie Erforschung der Wirklichkeit versteht – dessen, was ist. – wird weitere datenbasierte Forschungen in diesem Bereich befürworten und unterstützen.

Der Leiter der parapsychologischen Beratungsstelle Freiburg i.Br., Prof. Dr. Dr. Walter von Lucadou, stellt Berichte aus mehreren Jahrzehnten vor, die typische weitverbreitete, die alltägliche Normalität überschreitende Erfahrungen wie Ahnungen, Wahrträume, Nahtoderlebnisse, Erscheinungen und Botschaften dokumentieren, wobei oft sich aber gerade entscheidende Details der Nachprüfbarkeit entziehen. Es sei daher sinnvoll, solche Berichte mit den Ergebnissen der Psychologie, Physik und Parapsychologie zu verbinden. Wahrnehmungs-, Kognitions- und Gestaltpsychologie, Neurowissenschaften und Quantentheorie können dazu beitragen, das sich oft in Grenzsituationen entwickelnde Geschehen zu erklären und zu verstehen. Dabei kommt dem Phänomen der „Verschränkung“ besondere Bedeutung zu, aber auch C.G. Jungs „Archetypen“ und der von Jung in Zusammenarbeit mit dem Physiker Wolfgang Pauli beschriebenen „Synchronizität“, womit eine „Gleichsinnigkeit“ kausal nicht verbundener Ereignisse bezeichnet wird. Problematisch bei allen Modellen bleibt, dass sich das nicht-alltägliche Geschehen der zureichenden Beschreibung letztlich entzieht und Beobachtung und Messung das Geschehen bereits beeinflussen. Die Phänomene der Lebenswelt werden immer reichhaltiger bleiben als die messbaren, klar definierten Bereiche, die den Wissenschaften zugänglich sind.3

Um die Überwindung des materialistisch-reduktionistischen Welt- und Menschenbildes geht es auch im Beitrag des Neurologen Prof. Dr. Dr. Wilfried Kuhn, der unter Berufung auf Rupert Sheldrake, Charles Tart und andere, zehn Dogmen dieses Weltbildes anführt, denen er die Grundsätze einer post-materialistischen Wissenschaft und Kernelemente eines spirituellen Weltverständnisses entgegensetzt, wie sie von der Galileo-Kommission vertreten werden.

Abschließend berichtet die mediale Künstlerin Elke Schneider von zahlreichen Kontakten zu Verstorbenen oder im Koma liegenden Menschen, die sowohl nachprüfbare Informationen, als auch emotional bedeutsame Wirkungen auf Hinterbliebene beinhalten und belegen, wobei ein Kontakt live im Rahmen der Aachener Tagung stattgefunden hat. Ein von ihr aus dem „Jenseits“ inspiriertes Porträt wurde von einer Anwesenden als der verstorbene Ehemann ihrer Freundin erkannt. In einem zwei Tage später stattfindenden Telefonat mit dieser Frau konnten die meisten der medial empfangenen Botschaften verifiziert werden. Diese schlossen sogar Beschreibungen der aktuellen Realität der telefonierenden Ehefrau ein. Diese, die alltägliche Wahrnehmung überschreitenden Beispiele geben ihr die Gewissheit, dass der personale Wesenskern Verstorbener unbegrenzt in einer Dimension weiterlebt, die unsere raum-zeitliche Wirklichkeit überschreitet, aber einschließt und Kommunikation in beiden Richtungen zulässt.

(c) van Laack Buchverlag

Zum Weiterlesen:

Schnittstelle Tod: Aufbruch oder Ende – Kontakte oder Hirngespinste?, Herausgegeben von Walter van Laack (Hrsg.), van Laack Buchverlag, Aachen 2020, ISBN: 978-393 662 4519

Quellen:

1 Carl Friedrich Weizsäcker und Gopi Krishna: Yoga und die Evolution des Bewusstseins. Die wissenschaftliche

Grundlage der spirituellen Erfahrung. Weilheim 1973; Gopi Krishna: Kundalini. Erweckung der geistigen Kraft im Menschen. Frankfurt 1968; Kiu Eckstein: Kundalini Erfahrungen. Grafing 2008; ders. Kundalini und die Lehren eines Meisters, Hamburg 2020.

2 vgl. José Sánchez de Murillo: Der Geist der Deutschen Romantik oder der Übergang vom logischen zum dichterischen Denken und der Hervorgang der Tiefenphänomenologie. München 1986

3 vgl. Edmund Husserl: Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie, 1936

 

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