32 Kapitel auf 472 Seiten, 129 Seiten Anmerkungen, 142 Seiten Literaturangaben, 4 Seiten Register: Diesseits von Eden. Über den Ursprung der Religion ist ohne Zweifel eine weitere literarische Fleißarbeit des Enfant terrible der Ethnologie, Hans Peter Duerr.

Duerr, der zugleich habilitierter Philosoph ist, hat sich als Fortsetzung seines umfangreichen Buches über Nahtoderfahrungen ein sensibles Thema vorgenommen, das mit epochemachenden Werken wie Das Heilige von Rudolf Otto und Die Vielfalt religiöser Erfahrung von William James seit Jahrzehnten in seiner irreduziblen Eigenständigkeit gegen unangemessene Zugriffe und unzulängliche Betrachtungsweisen abgegrenzt gilt. Genau das hatte Duerr bereits in seinen wilden Heidelberger Jahren infrage gestellt, und mit dieser Erinnerung an ein provozierendes Gespräch mit einem Dozenten für Religionsgeschichte beginnt er sein Werk.

Phänomenologie religiöser und spiritueller Erfahrung

Was eine Sache ist, zeigt uns die Geschichte ihrer Herkunft und Entwicklung. Alles Menschliche – und Duerr zählt die Erfahrung des Numinosen dazu – hat biologische Wurzeln, ist physiologisch verankert und geschichtlich bedingt. Es gibt daher keine spezifisch religiösen Empfindungen. Das Heilige ist keine Kategorie sui generis. Es gibt lediglich allgemein verbreitete, universelle, Zeit- und Raum durchziehende menschliche Erfahrungen, die unterschiedlich gedeutet werden können. Gerüstet mit neurowissenschaftlichen Kenntnissen, der kritischen Sprachphilosophie Wittgensteins, gesundem Menschenverstand, eigenen Drogen- und Nahtoderfahrungen und Sinn für Humor macht sich Duerr an sein durchaus aufklärerisches Werk, dessen wesentlichster Teil die aus allen Zeiten und Weltgegenden zusammengetragene Phänomenologie religiöser und spiritueller Erfahrung ausmacht.

Duerr entlarvt Schauspielerei und Betrug, erklärt Erfahrungen mithilfe neurologischer und naturwissenschaftlicher Modelle, bemüht Hirnareale, Aktivierungsmuster, Gehirnwellen, Frequenzen und Magnetresonanz. Aber auch Hypnose, tierischer Magnetismus, Traumata und Freuds Unbewusstes werden zur Erhellung religiöser und spiritueller Phänomene herangezogen. Es geht um Besessenheit, das Eindringen von Geistern und Seelen in Menschen, Schamanismus, Tantra, Kundalini, um Heilung, multiple Persönlichkeiten, Zungenreden, Mana und Shakti. Immer wieder wird deutlich, wie nahezu ununterscheidbar die beschriebenen religiösen und spirituellen Erfahrungen von sexuellen Erfahrungen sind. Besessenheit, das Eindringen von Geistern in Körper und Seele, wird immer wieder als „Ficken“ bezeichnet. Besessene reißen sich die Kleider vom Leib, verhalten sich schamlos, Gotteserfahrungen werde als Orgasmen beschrieben. Es geht um Energien, Kräfte, Schauer, die den Menschen durchströmen, wobei immer wieder die Wirbelsäule eine besondere Rolle spielt. Und obwohl Duerr, wie er in seinen Tagebuchnotizen früh eingeräumt hat, die Feldforschung nach einer missglückten Initiation in indianische Spiritualität mit Bibliotheken und Archiven vertauscht hat, legt er sich immer wieder gern mit den Großen der Religionsgeschichte wie Mircea Eliade und zeitgenössischen Feldforschern und Drogenerfahrenen wie Christian Rätsch an.

An den besten Stellen des Buches wird allerdings klar, dass Duerr keine wirkliche Antwort auf die Frage nach Herkunft, Wesen und Wirkung gut dokumentierter Erfahrungen hat. Dazu gehören u. a. zahlreiche Beispiele aus dem brasilianischen Spiritismus. Schmerzunempfindlichkeit, automatisches Schreiben und operative Eingriffe durch Geistheiler ohne Betäubung und sterile Werkzeuge, wie Kiu Eckstein sie dokumentiert hat, lassen sich nicht naturalistisch reduzieren, auch wenn Duerr dies an einigen Beispielen versucht. Duerr, der einst auszog, die Unzulänglichkeit der rationalistischen klassischen (Natur-) Wissenschaft angesichts zahlreicher universell bezeugter lebensweltlicher Phänomene aufzuzeigen, und ihr das nicht reduzierbare Irrationale entgegenhielt, hat sich zum naturwissenschaftlich-sprachkritischen Aufklärer entwickelt, der das nur scheinbar Irrationale durch Sprachkritik, Neurowissenschaft, Physik und Psychologie auflösen zu können glaubt. Bedeutsamkeit, Vieldeutigkeit, Sinn, Tiefgründigkeit und Geheimnis lassen sich allerdings nicht neurowissenschaftlich erklären und reduzieren, auch wenn sie von physiologisch messbaren Reaktionen und elektrochemischen Korrelaten begleitet sind. Und so sehr die Erfahrungen einander auch ähneln: Spirituelle Ekstasen sind keine Orgasmen. Das Durchdrungenwerden von spiritueller Energie und Kraft ist kein Koitus.

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Ein Werk mit leichten Schwächen

Kundalini Shakti ist eine Kategorie sui generis, eine mögliche Erfahrung und Wirklichkeit, die ganz sicher biologische Grundlagen hat, wie Gopi Krishna bereits gezeigt hat, deswegen in ihrer Einzigartigkeit und spezifischen Wirklichkeit aber nicht reduziert werden kann. Hier zeigt sich die Schwäche dieses in der Fülle der geschilderten Phänomene durchaus bewundernswerten und wichtigen Buches. Weder mit dem reichlich vorhandenen, gut dokumentierten Wissen über Kundalini Shakti, Yoga und Buddhismus, noch mit den auch heute noch bedeutsamen Beschreibungen und Argumenten von William James oder den religionsphilosophischen Einsichten Keiji Nishitanis setzt sich Duerr wirklich auseinander. Außen vor bleiben auch die bedeutsamen religions-, metaphysik- und sprachkritischen Ansätze Descartes, Nietzsches1, Ludwig Feuerbachs und Martin Heideggers.

Wer nicht nur Aufsehen und Anstoß erregen, sondern wirklich aufklären will, kann aber grundlegende, als sicher geltende anthropologische und philosophische Einsichten nicht ignorieren. Hierzu gehört, dass der Mensch das sprachfähige und damit symbolfähige Wesen ist, das im Spiegel der Sprache und der Welt sich selbst erblickt und in der Erkenntnis seines Wesens einen Weg über sich hinaus entdeckt. Nietzsches Lebensweg, wie er in seinen Briefen dokumentiert ist, kann jedem die Augen öffnen, der Religionskritik ernsthaft betreiben will. Die Dialektik von Diesseits und Jenseits, von Sinnlichkeit und Übersinnlichkeit, die sich damit auftut samt dem ganzen „Zwischenbereich“ oder Bardo des Lebens, ist keineswegs so einseitig, eindeutig und trivial, wie es der Untertitel von Duerrs ambitionierten Werk vermuten lässt. „Diesseits von Eden“ ist ein bemerkenswerter Beitrag zur Phänomenologie der Religion. „Über den Ursprung der Religion“ sagt es wenig.

 

(c) Suhrkamp Verlag

Zum Weiterlesen:

Hans Peter Duerr: Diesseits von Eden. Über den Ursprung der Religion. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. EUR 38, ISBN 9783 458178 446

1 Benedikt Maria Trappen: Ach, dass ich erst Befreiter wäre. Friedrich Nietzsche. Eine Lebensgeschichte in Briefe. Verlag Dr. Friedrich Pfeil München 2020, ISBN 9783 899 372 601 

 

 
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