In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Ein Indianer im Kosmos – Peyote und San PEdro

So viel Herz war dem Establishment dann doch zu viel: LSD wurde ab Mitte der 1960er in fast allen Ländern verboten. In die Lücke sprang sozusagen ein mexikanischer Kaktus, von den Nachfahren der Azteken „Peyotl“ genannt. Später gesellte sich ein Verwandter dazu, der San-Pedro-Kaktus, der derzeit immer noch frei erhältlich ist.

Das Verdienst, den Kaktus und seinen Hauptwirkstoff Meskalin (wie LSD ein Alkaloid) im Westen bekannt gemacht zu haben, kommt Carlos Castaneda zu, dessen teils fiktive Erlebnisberichte über eine Begegnung mit dem Schamanen Don Juan Matus in den 1970er  Jahren auf die internationalen Bestsellerlisten gelangten.

In den indigenen mittelamerikanischen Stammeskulturen wird der Peyotl als göttliches Wesen verehrt, seit 1914 gibt es in den USA sogar eine staatlich anerkannte Kirche, die erfolgreich Christentum und Peyote-Konsum unter einen Hut bringt. Anders als LSD wirkt Peyote auch auf der Körperebene reinigend, was sich unter anderem oft durch Erbrechen ausdrückt.

Aus einem Erfahrungsbericht von „Kogyo San“:

Aber als ich mich vor den Laptop setzte, um es zu schreiben, wurde mein Blick blitzartig und zwangläufig nach rechts abgelenkt, wo an der Wand auf mich jemand ernst und ruhig, ja fast gutmütig schaute. Ohne zusätzliche Fantasie, ganz nüchtern, sah ich ein Gesicht. Ein Gesicht von einem Menschen, der ganz deutlich ein alter Indianer war! Ein großes Bild, lebendig, ca. 1×1 m groß und mächtig …

Dann begann sich der gesamte Raum zu verzerren, fast monströs, und Raum, Zeit, „oben“, „unten“ und alles, was dazugehört, war weg! Ich wusste immer noch, dass ich in meinem Zimmer stehe / liege, aber es war einfach weg! …

Ja, ich stand ab sofort in einem unendlichen Raum (wie im Kosmos), und alles, was sich vor mir bzw. neben mir ereignete, war ohne Logik, Reihenfolge oder Sinn … Ich wurde auf einen Ozeanboden in die Tiefe geworfen, wo ich mich selbst unter Seeanemonen fand. Ich war ein Teil der Unterwasserwelt, aber als ein Bewohner dort. Alles war mir bekannt und sehr angenehm.

Nur noch Geist – Ayahuasca

In den 1990ern geriet – unterstützt durch Internet und Düsenflieger – ein neuer Pfortenöffner in den Fokus der Erste-Welt-Psychonauten: Das aus der Amazonasregion stammende Ayahuasca – ein Trunk, der aus zwei Wirksubstanzen zusammengemixt wird und den die Schamanen, ähnlich wie das Peyote im Norden, als Heilmittel und zur Tranceerzeugung nutzen. Obwohl Ayahuasca ein gänzlich anderen Wirkstoff beinhaltet (das Alkaloid DMT, das auch im menschlichen Körper gebildet wird), ähnelt es den entheogenen Kakteen in vielfacher Hinsicht: Es schmeckt, wie es aussieht: gewöhnungsbedürftig, und wirkt ebenso reinigend, meinen Erfahrungen zufolge noch stärker auf geistig-energetischer Ebene als etwa Peyote, doch kann das auch nur ein subjektiver Eindruck sein. Kein subjektiver Eindruck ist, dass es gewöhnlich zu einer Herzöffnung kommt, was besonders Gruppenerfahrungen verstärkt.

Interessant in dem Zusammenhang ist, dass DMT im menschlichen Körper wahrscheinlich in der Zirbeldrüse gebildet wird, die aus esoterischem Blickwinkel bekanntermaßen die grobstoffliche Entsprechung des „dritten Auges” darstellt, das wiederum als Kontaktorgan zu anderen Wirklichkeitsebenen gilt. Beobachtungen zufolge wird während der Geburt und im Sterbeprozess vermehrt DMT ausgeschüttet, was unter anderem die in diesem Kontext oft beschriebenen mystischen Erfahrungen erklären könnte.

Wie die Kakteen wird Ayahuasca in den Ursprungskulturen gewöhnlich nur im zeremoniellen Rahmen getrunken oder als Medizin verwendet; in dem Fall sind teils wochenlange Trinkkuren üblich, oft kombiniert mit anderen Kräutern. Eine große Rolle spielt in den Zeremonien die Musik, wobei zu einem Mix aus christlich und traditionell geprägtem Liedgut ein Rhythmus von um die 200 Beats/Minute verwendet wird. Was für alle ethnisch fundierten Rauschmittel gilt, gilt für Ayahuasca ganz besonders: Das traditionelle Setting ist für die Wirkung essenziell.

Wie LSD und Peyote unterliegt der Wirkstoff DMT in Deutschland, wie auch in vielen anderen Ländern, gesetzlichen Restriktionen; kurz gesagt, er ist verboten. Ausgenommen ist der rituelle Gebrauch als Sakrament in den Ayahuasca-Kirchen in Brasilien; auch in den USA und Mexiko erhielten religiöse Gruppen Ausnahmegenehmigungen.

Aus einem Erfahrungsbericht von „Sucker“:

Ich fing an, innerhalb des Raumes alle möglichen Formen und Zustände anzunehmen. Was genau, kann ich leider nicht erklären. Teils kann ich mich kaum erinnern, und die, die ich noch weiß, kann ich nicht erklären. Leute, ihr glaubt nicht, was man alles sein kann! Dabei konnte ich meinen Körper von anderen Ebenen spüren oder konnte das Körpergefühl komplett aufgeben und nur noch Geist oder Bewusstsein sein.

Gipfelerfahrungen versus „bad trips“

Wie die Erfahrungsberichte zeigen, geht es bisweilen wirklich ans Eingemachte, doch sei dazu angemerkt, dass die ausgewählten Zitate nicht unbedingt typisch sind, sondern eben Gipfelerfahrungen beschreiben, die in der Regel nur mit relativ hohen Dosen erzielt werden.
Neueinsteiger in die Welt der entheogenen Stoffe sollten jedoch zunächst mit moderaten Dosierungen beginnen, um ein Gespür für den Geist der Substanz zu entwickeln. Außerdem ist die Begleitung durch einen „Tripsitter“ anzuraten, der bei einem „bad trip“ (hauptsächlich emotionale) Unterstützung leistet.

„Schlechte Trips“ kann man niemals ganz ausschließen, denn – wie es in einem Erfahrungsbericht heißt: „Meskalin und einige andere Halluzinogene drehen … dein Stammhirn nach außen. Alle tief liegenden und kranken Fantasien werden nach außen projiziert. Zu guter Letzt ist eine Psychose dann nur die endgültige Bestätigung, dass man vor keinem Wesen auf dieser Welt mehr Angst haben muss als vor sich selbst.“

Der Artikel ist natürlich ausdrücklich nicht als Empfehlung zum Konsum illegaler Substanzen zu verstehen. Ebensowenig behauptet er, die hier beschriebenen Stoffe und Pflanzen könnten uns die Aufgabe abnehmen, die „spirituellen Tugenden“ Bewusstheit und Aufmerksamkeit, Offenheit und Hingabe selbst zu entwickeln, da diese doch chemisch induzierbar seien. Tatsächlich gibt’s „Erleuchtung“ nach wie vor nicht in Pillenform! Doch können die beschriebenen und andere Substanzen in der richtigen Anwendung durchaus wertvolle Unterstützung auf dem „spirituellen Weg“ leisten und damit als Katalysatoren wirken – als Katalysatoren für die Seele.

Infos

portrait-joe-romanskiJoe Romanski beleuchtet als spiritueller Lehrer, Bewusstheitstrainer und Psychonaut in seinen Artikeln bevorzugt die vielen Aspekte der zeitgenössischen Spiritualität und Esoterik sowie ihre Bedeutung für das moderne Leben.
Internet: www.seinstraining.de

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