In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Eine Peyote-Zeremonie mit unerwarteten Wendungen

Eines Tages erhielt ich eine Einladung zu einer Peyote-Zeremonie. Der Leiter dieser sakralen Zeremonie war ein Medizinmann der Native American Church. John, Mitte 70, war weit über die Grenzen Nordamerikas bekannt und galt als sehr erfahren im Umgang mit psychoaktiven Substanzen als Türöffner für die Anderswelt. Als ich von ihm hörte, keimte sofort meine Hoffnung wieder auf, dass er mir helfen könnte, meine Türe zu der anderen Wirklichkeit wieder zu öffnen. Die von mir ersehnte Begegnung fand Ende August in den Bergen Österreichs statt. Manche Indianerstämme glauben, dass in diesem Monat die Erde besonders offen ist und Rituale besonders wirkungsvoll sind. Organisiert wurde das ganze Event von Frank (der Name wurde geändert), einem Amerikaner, der seit vielen Jahren in Österreich lebte. Was ich leider erst vor Ort erfuhr, war die Tatsache, dass Frank als habgierig und machtsüchtig galt. Einigen Teilnehmern war er bekannt als ein spiritueller Lehrer, der einige seiner Schüler, die sich in eine emotionale Abhängigkeit von ihm begeben hatten, schlug und tyrannisierte. Er war besessen von dem Wunsch, als spirituelle Persönlichkeit hier in Europa anerkannt zu werden. Trotz seines schlechten Rufs gelang es ihm immer wieder, spirituelle Zeremonien zu organisieren und wichtige spirituelle Lehrer und nach Erleuchtung suchende Teilnehmer für seine Projekte zu gewinnen. So auch dieses Mal. Immerhin waren weit über 50 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz angereist, um an der Peyote-Zeremonie teilzunehmen.

Schlechte Vorbedingungen

Am Abend vor der Peyote-Zeremonie hielt John für alle Teilnehmer eine spirituelle Belehrung, bei der deutlich wurde, wie wichtig ihm ein achtsamer und respektvoller Umgang mit der in seinen Augen sakralen Pflanze Peyote war, welche Bedeutung eine genaue Einhaltung des Rituals sowie eine Befolgung der hierarchischen Rangordnung bei der Zeremonie hatte und wie sehr es zudem auf eine exakte Platzierung der verschiedenen sakralen Ritualgegenstände ankam, um deren heilende Wirksamkeit zu aktivieren. Frank hingegen schien wenig beeindruckt davon, denn am Morgen der Zeremonie eröffnete er den Indianern, dass er die Peyote-Zeremonie leiten würde und den Ablauf nach seinen eigenen Vorstellungen verändern wolle. Als John sich dagegen wehrte, zwang Frank ihn dazu, ihn zu autorisieren, das ganze Ritual alleine durchführen zu können. Er erpresste den Indianer förmlich. John hatte keine Wahl. Er musste sich dem Mann beugen, weil er finanziell abhängig von ihm war.

Die egoistischen Forderungen von Frank hatten zu einer großen Spannung geführt, die im Laufe des Tages im ganzen Lager spürbar wurde. Man beriet von Seiten der Indianer, die Zeremonie abzusagen. Einige andere Teilnehmer und ich hatten uns mit ihnen in dem Tipi getroffen und diesen Vorschlag gemacht. „Eine solch heilige Zeremonie kann man nicht unter einem solchen Vorzeichen machen“, sagte ich immer wieder. „Ja, du hast Recht.“ antwortete Mary, eine der Indianerinnen. „Aber wir sind auf Frank angewiesen. Wir sind arm und leben in einem Reservat. Frank hat uns geholfen, das Reservat zu verlassen, nach Europa zu reisen, um hier Menschen die Zeremonie näherzubringen. Und John ist schwer zuckerkrank und hat nicht die Kraft, sich gegen ihn zu wehren.“ Ich und andere Teilnehmer versuchten, sie trotzdem zu ermutigen, ihren Werten treu zu bleiben und die Durchführung der Zeremonie zu verweigern, und diskutierten mehrere Stunden mit ihnen. Am Ende entschlossen sie sich dennoch, die Zeremonie durchzuführen. Als ich das Tipi verließ, tauchte Frank wie aus dem Nichts auf. Er war sehr wütend, weil er mitgehört hatte, was wir besprochen hatten. Mit kaltem Blick sah er mich an. „Misch dich nicht in Dinge ein, die dich nichts angehen!“, zischte er und beugte sich mit drohender Gebärde über mich. Die Art, wie er mich fixierte, ängstigte mich. Ich wusste, dass er die mentalen Fähigkeiten besaß, mit dunklen Mächten zu arbeiten, und sich nicht scheute, diese einzusetzen. Waren mir doch zu viele haarsträubende Geschichten diesbezüglich zu Ohren gekommen.

Die Zeremonie beginnt

Als der von mir langersehnte Abend anbrach und die untergehende Augustsonne die Abendwolken in ein tiefes Rot-Orange tauchte, begannen die Indianer mit den Vorbereitungen der Zeremonie. Dann gingen alle Teilnehmer, auch die, die sich für einen Protest ausgesprochen hatten, ins Tipi. Alle, bis auf einen: Hans, ein blass aussehender BWL-Student. Er hielt es für unverantwortlich, das Ritual unter einem solchen Vorzeichen durchzuführen. Obwohl er viel Geld für die Teilnahme gezahlt hatte und sich ähnlich wie ich sehr lange nach einer solchen Zeremonie gesehnt hatte, blieb er die ganze Nacht alleine draußen, vor dem großen Tipi. Denn auch er war auf der Suche nach einer Welt, die er aus Kindertagen kannte und die er als Gegensatz zu seiner Welt der Betriebswirtschaft wieder erfahren wollte. Insgeheim bewunderte ich ihn für seine Klarheit und seinen Mut. Ich hingegen war viel zu neugierig auf das Ritual und auf die Wirkung des heiligen Peyote-Kaktus. Viel zu versessen war ich darauf, unter der Anleitung eines solch erfahrenen Indianers die andere Wirklichkeit, in der ich mich als Kind so zu Hause gefühlt hatte, wieder zu erfahren!

Im Innern des Ritualzeltes befand sich an der Kopfseite ein großer Sandaltar mit vielen rituellen Gegenständen, wie zum Beispiel wunderschönen Federn und verschiedenfarbigen Rasseln. Davor brannte bereits ein großes Feuer. Die Asche wurde im Verlauf der Nacht von einem jungen Indianer zu einer Sichel zusammengekehrt. Der Platz neben dem Altar war den Indianern und Frank, der die Zeremonie leitete, vorbehalten. Die Teilnehmer setzten sich im Schneidersitz im Kreis auf ihre Plätze auf dem Boden, so dass jeder den Altar und die Ritualführer sehen konnte. Danach begann das Ritual. Zuerst wurden einige rituelle Gegenstände wie Tabak herumgereicht. Im Anschluss daran gingen Becher mit Peyote herum, und jeder nahm einen gehäuften Teelöffel des heiligen Kaktus zu sich. Der Kaktus schmeckte widerlich. Mein erster Impuls war, alles wieder auszuspucken. Da wir den ganzen Tag gefastet hatten, bekam ich die aggressive Wirkung der Pflanze in meinem Magen sofort zu spüren, und es stellte sich sofort ein Brechreiz ein, der einige Zeit anhielt. Nachdem alle den Kaktus gegessen hatten, begannen die Indianer mit ihren heiligen Gesängen, die sofort sehr kraftvoll wirkten. Je mehr die Indianer sich damit in Trance versetzten, desto mehr stieg ein unangenehmes Gefühl der immer stärker werdenden Übelkeit in mir auf, die der halluzinogene Kaktus in mir auslöste. Gleichzeitig hatte ich das bedrückende Gefühl, als würde eine dunkle Macht von jeder Zelle meines Körpers Besitz ergreifen und mich mit aller Gewalt auf den mit Stroh ausgelegten Boden des runden Tipis drücken.

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Eine bittere Erfahrung

Alle Versuche, mich wieder aufzurichten, waren vergebens. Dieser Zustand machte mir große Angst. Mein Körper begann zu zittern und zu beben, gehalten von dieser dunklen Macht. Jeder Versuch, mich über einen längeren Zeitraum aufzurichten, misslang mir. Kaum saß ich und blickte in Richtung des Altars und in die Richtung von Frank, traf mich sein Blick, schien mich zu durchbohren. Und wie von dieser dunklen Macht befohlen, wurde mein Körper erneut auf den Boden gedrückt. Es war, als würde Frank mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, mich zu nötigen – aus Wut, dass ich mich im Verlauf des Tages für die Indianer eingesetzt hatte. Hier, während eines eigentlich heiligen Rituals für die Indianer, bei dem es um die Verbindung mit dem Göttlichen geht, waren für mich nur noch die dunklen Mächte von Frank zu spüren.

Neben einem Gefühl der großen Angst war ich gleichzeitig erfüllt von einem tiefen Gefühl der Scham. Beschämt darüber, dass meine Gier nach Peyote und meine Sehnsucht nach der wahren Wirklichkeit so unverhältnismäßig groß waren. Die ganze Nacht über spürte ich, dass ich dabei war, eine große Lektion zu lernen, hatte ich doch die Gelegenheit verpasst, Klarheit und Mut zu schulen. Ich war auch beschämt über das Verhalten der anderen Teilnehmer. Schließlich hatten auch sie mitbekommen, dass Frank seine Macht missbraucht und die Indianer gezwungen hatte, diese Zeremonie durchzuführen. Auch sie hatten aus Gier nicht auf die heilige Zeremonie verzichten wollen. Wir alle waren zu dieser Zeremonie gereist, um Zugang zu der wahren Wirklichkeit zu bekommen. Aber statt eine Heilzeremonie zu erleben, wurden wir mit dunklen Mächten und negativen Emotionen konfrontiert. Eine Teilnehmerin erzählte mir später, dass sie nur Dämonen gesehen hatte und von negativen Emotionen erfüllt gewesen war. Vielleicht war es auch noch weiteren Teilnehmern so ergangen. Vielleicht hatte Frank durch seine egoistische Absicht nur die dunklen Mächte angezogen – selbst wenn er auch die heilenden guten Geister in seinen Dienst zwingen wollte. Somit blieb mir diese Zeremonie ähnlich bitter in Erinnerung wie der Geschmack des Kaktus. Keiner von uns Teilnehmern hatte verstanden, worum es wirklich ging. Keiner, bis auf Hans, der blasse BWL-Student, den ich nach dieser Zeremonie nie mehr wieder gesehen habe.

Was ich von dieser Zeremonie mit nach Hause nahm, war die Erkenntnis, dass es sinnlos ist, um jeden Preis die Türe zu dieser Welt öffnen zu wollen. Erst viel später fand ich wieder Zugang dazu. Mal in einem Meditationsretreat, mal an der Kasse eines Supermarktes. Und das alles ohne Indianer. Ohne psychoaktive Substanzen. Heute öffnet sich mir diese Tür immer mal wieder. In solchen Momenten erhalte ich dann mal tiefere, mal weniger tiefe Einblicke in die wahre Wirklichkeit. Aber heute weiß ich im Gegensatz zu früher, dass das, was ich dann erfahre, nicht meiner Fantasie entspringt, und ich deswegen auch nicht verrückt bin oder werde, sondern sich mir in solchen Momenten nur eine kleine Facette dieses unendlichen Universums offenbart.

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.