Ein voller Terminkalender, Bewegungsmangel und Konkurrenzkampf machen vielen von uns das Leben am Arbeitsplatz schwer. Zusätzlich drohen Arbeitslosigkeit und Konjunkturkrisen. Vielleicht spürst auch du den gesellschaftlichen Druck, der Arbeit zu einer Belastung anstatt zu einer Quelle der Kreativität und Freude macht.

Solch negative Umstände am Arbeitsplatz führen früher oder später dazu, dass ein Mensch auf der körperlichen, seelischen und geistigen Ebene in eine Disharmonie gerät und in Folge vielleicht krank wird. Im schlimmsten Fall kann er auch den Sinn seines Daseins nicht mehr erkennen. Yoga kann dich dabei unterstützen, diesen Herausforderungen gelassener zu begegnen und entspannt zu bleiben.

Die Natur des Geistes verstehen lernen

Mit einer neuen kleinen Serie möchten wir dir einen Weg aufzeigen, wie du zu mehr Zufriedenheit am Arbeitsplatz finden kannst, zu einer konstruktiven Zusammenarbeit mit deinen Kollegen kommst und deine Arbeit dem Wohle aller Wesen dient. Hierbei kann dir das Yoga-Sutra des Patanjali als wertvolle Unterstützung dienen. Darin geht es in erster Linie darum, wie wir lernen, den Geist zu lenken und zur Ruhe zu bringen. Denn dieser hat die Tendenz permanent rastlos von der Vergangenheit zur Zukunft zu springen und dabei seine wahre Herkunft – das unendlich schöpferische Bewusstseinsfeld – vollkommen zu vergessen. Das heißt, Yoga ist weitaus mehr als eine Technik, die uns darin unterstützt, unsere körperlichen Verspannungen zu lösen.

Wenn wir die Struktur unseres Geistes zu verstehen lernen, wird es uns gelingen zu erkennen, wie wir mit den eigenen Fähigkeiten und Grenzen umgehen können (z.B. uns im Berufsleben nicht zu überfordern, um äußeren Vorbildern nachzueifern). So werden wir frei(er) von äußeren Anhaftungen und inneren Zwängen, um schließlich mit unserem tiefsten Selbst, dem unendlichen und vollkommenen Bewusstseinsfeld, dem Göttlichen in Kontakt zu kommen.

Widerstände bemerken, Ursachen verstehen

Leider weiß jeder Mensch aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, sich dem Stress des Alltags zu entziehen und den Geist in eine positive Richtung zu lenken. Dieser wehrt sich mit allen Mitteln dagegen, seine Strukturen zu verändern und zur Ruhe zu kommen. Aber was genau ist es, was unseren Geist daran hindert, sich ganz und gar dem Geschehen des gegenwärtigen Augenblicks hinzugeben? Was ist es, was uns immer wieder dazu anhält, uns von uns selbst abzulenken? Nach Patanjali ist es das Bewusstseinsfeld in uns, das sogenannte Citta, auf dem sich Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gefühle, Empfindungen, Gedanken und Phantasien abspielen und welches es zu ergründen gilt. Es erfordert sehr viel Aufmerksamkeit, dieses Citta zu ergründen und zu verstehen, was genau den Geist daran hindert, zur Ruhe zu kommen. Erkennen wir die Widerstände und Barrieren nicht, können wir körperlich krank oder emotional instabil und niedergeschlagen werden. Die meisten Menschen beginnen erst an diesem Punkt, die Ursache für ihr Leid und ihre Unruhe zu erforschen. Wenn wir uns jedoch jeden Tag ein wenig Zeit gönnen, um uns durch die Yogapraxis uns selbst zuzuwenden, dann können wir mehr und mehr die Unruhe in unserem Geist bemerken und ihn mehr und mehr beruhigen.

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5 Gründe für unseren Stress

Dem Yoga-Sutra von Patanjali zufolge sorgen fünf Hindernisse dafür, dass unser Geist so ruhelos ist. Es handelt sich bei ihnen um kosmische Urkräfte, die jedem Menschen innewohnen und die durch uns hindurchwirken können. Diese Hindernisse drängen unsere Wahrnehmung und unser Verhalten immer wieder in eine Richtung, die zu Leid und Unzufriedenheit führt.

1. Subjektive Wahrnehmung  
Unsere Sicht von der Welt, von unseren Vorgesetzten und unseren Arbeitskollegen, ist geprägt durch unsere Kultur, unsere Erziehung und unsere Persönlichkeit. Das hat zur Folge, dass wir die Dinge häufig nur durch unsere eigene, individuell gefärbte Brille betrachten und sie nicht sehen, wie sie wirklich sind. Auf der einen Seite ist es natürlich am Arbeitsplatz notwendig, eine eigene Meinung und einen Standpunkt zu haben. Aber auf der anderen Seite ist es aber auch wichtig, zu bedenken, dass unsere Perspektive nur eine Sichtweise von Tausenden ist. Das bedeutet z.B., dass wir lernen, uns in einem beruflichen Gespräch von der eigenen Sichtweise etwas zu distanzieren und unserem Gegenüber Verständnis für seine Sichtweise zu signalisieren. Diese Offenheit kann zu einer Bereicherung für uns selbst werden und für die Durchführung eines Projektes bzw. für die Firma von Nutzen sein.

2. Ichbezogenheit
Eine starke Ichbezogenheit ist ebenfalls oft ein Grund dafür, dass wir nicht entspannen können. Dieses Hindernis hängt unmittelbar mit dem ersten zusammen. Denn auch hier spielt die Wahrnehmung, die Einschätzung und meist auch die Überbewertung der eigenen Person eine wichtige Rolle. Viele Menschen stellen z.B. ihr eigenes Bedürfnis, rasch auf der Karriereleiter aufzusteigen, in den Vordergrund, statt die Arbeit für alle erleichtern zu wollen oder sich als Teil eines Teams für eine gemeinsame Sache einzusetzen. Dadurch stehen wir im Arbeitsleben oft unter einem hohen Konkurrenzdruck. Das kann zur Folge haben, dass wir Situationen im Arbeitsleben nicht mehr sachlich beurteilen, sondern von eigenen Emotionen wie Neid oder Angst beeinflusst werden. So kann weder eine gute Führung gelingen noch ist eine konstruktive Zusammenarbeit möglich.

3. Gier
Gier kann sich im Berufsalltag so äußern, dass wir z.B. eine bestimmte Position unbedingt einnehmen möchten. Das kann zur Folge haben, dass wir ununterbrochen arbeiten, uns keine Zeit mehr zur Erholung gönnen und auch am Wochenende in die Firma gehen. Dies kann zwar kurzfristig dazu führen, dass wir unserem Ziel näher kommen – langfristig aber wird der Körper die Ruhe einfordern, die ihm nicht gegeben wird. Dann kann es etwa zu einem Herzinfarkt kommen oder man fühlt sich plötzlich ausgebrannt. Gier kann aber auch zur Folge haben, dass eine Beziehung oder eine Ehe zerbricht, weil der berufliche Erfolg wichtiger geworden ist als eine erfüllende Beziehung.

4. Abneigung
Im gleichen Maße wie die Anziehung (z.B. in Form von Gier) kann uns auch die Abneigung davon abhalten, im Sinne des Yoga zu leben und zu arbeiten. So kann es z.B. passieren, dass wir Arbeitsvorgänge aufschieben, weil wir eine starke Abneigung dagegen haben, sie sofort zu erledigen. Im Sinne des Yoga ist es aber unerheblich, was man tut, da alle Tätigkeiten gleichwertig sind. Wichtig ist, dass man mit dem Herzen handelt und in dem Bewusstsein, dass letztendlich alles göttlich ist. So ist es letztendlich auch unerheblich, mit wem wir zusammenarbeiten, weil es darum geht, dass eigene Herz für jeden Menschen und für jedes Wesen zu öffnen. Solange wir unser Gegenüber ablehnen, verschwenden wir viel Energie in diese negativen Gefühle, die wir, wenn wir einen anderen Menschen so annehmen wie er ist, viel konstruktiver einsetzen könnten.

5. Angst
Ein weiteres großes Hindernis im Leben der meisten Menschen stellt die Angst dar. Wir haben Angst vor Arbeitslosigkeit, Angst, nicht gut genug zu sein, Angst, nicht leistungsfähig genug zu sein, Angst, nicht genug zu haben, Angst vor Kollegen, Angst vor dem Chef. Auch eine diffuse, permanent bestehende Angst vor Veränderung und Vergänglichkeit führt dazu, dass der Mensch sich an äußerlichen Sicherheiten festhält. Doch selbst wenn wir versuchen, uns auf der materiellen Ebene abzusichern, so können wir nie wissen, was uns in der nächsten Stunde erwartet oder ob wir den morgigen Tag noch erleben.

Im Berufsleben können wir zum Beispiel Angst davor haben, dass ein Kollege mehr Achtung und Anerkennung erhält als wir selbst. Aus diesem Grund spielen wir ihm dann vielleicht nicht alle Informationen zu, die er benötigt. Das kann zur Folge haben, dass er bei der Erledigungen seiner Arbeiten in Verzug kommt. In diesem Fall fällt durch unsere Angst ein schlechtes Licht auf den Kollegen.
Angst kann auch dazu führen, dass Vorgesetzte meinen ihre Mitarbeiter kontrollieren zu müssen. Vielleicht hat der Vorgesetzte nicht das notwendige Vertrauen in seine Mitarbeiter. Kontrolle kann zwar Fehler verhindern, aber sie wird keine positive Energie freisetzen – die nötig ist, um eine konstruktive Zusammenarbeit zu fördern.

Mit Hilfe des Yoga können wir uns bewusst machen, dass Kräfte wie Angst, Ablehnung, Gier, Ichbezogenheit oder subjektive Wahrnehmung durch uns hindurch wirken können. Schenken wir ihnen die entsprechende Aufmerksamkeit, können wir lernen, besser mit ihnen umzugehen. Dann werden wir nicht mehr von ihnen beherrscht, sondern lernen umgekehrt, sie zu beherrschen.

 

 

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

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