Kritische Fragen – ehrliche Antworten
Um das Thema „Ernährung & Spiritualität“ einmal kritisch zu betrachten, wurden für Yoga aktuell verschiedene Experten aus unterschiedlichen Disziplinen nach ihrer Meinung zu diesem Thema befragt. Vielleicht wird dadurch eine Perspektive für eine differenzierte Sichtweise auf Ernährung & Spiritualität eröffnet, so dass es auch möglich ist, einen Weg jenseits der Extreme zu gehen – den sogenannten Mittleren Weg, so wie Buddha diesen Weg nannte. Denn er selbst erkannte nach 7jähriger eiserner Askese, dass eine so extreme Vorgehensweise ihn nicht zur Erleuchtung bringen würde.

Frage: Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass Menschen ihr rigides Essverhalten unter dem Deckmäntelchen z.B. der yogischen Ernährung ausleben oder damit erklären, dass „man“ dieses und jenes im Yoga oder Ayurveda nicht tut oder isst?

Dr. Michael Werner, Chemiker in der Krebsforschung (lebt sein mehreren Jahren nur von Lichtnahrung):
»Ich erlebe das immer wieder, dass mit dem Essen zwanghaft etwas erreicht werden soll, was man sich nur durch Selbsterziehung erringen kann. Dabei ist es ja ein alter Hut : „Man kann sich nicht in den Himmel essen!“, bis hin zu den sehr interessanten Ausführungen im Neuen Testament, wo Christus ausführt, dass die „Reinheit“ des Menschen nicht davon abhängt, was in den Mund hineingeht (Essen und Trinken), sondern, was aus dem Mund herauskommt (Gedanken, Gefühle und Vorsätze). Alles, was dogmatisiert wird, ist mir unangenehm und scheint mir für die persönliche spirituelle Entwicklung heutzutage auch eher kontraproduktiv. «

Dr. Rhyner, Natur- und Ayurvedaarzt:
»Ja, es finden viele solche Menschen zu Ayurveda. Wozu zu sagen ist, dass die Körper- und Sinne- weckenden Therapien geradezu prädestiniert für diese Klienten sind. Ein wohliges Wahrnehmen des Körpers ist die Grundlage zur Behandlung von Essstörungen. Dabei haben diese Klienten bei uns immer noch das Gefühl, ihren spirituellen Weg nicht verlassen zu haben. «

Heike Seegebarth, Ayurveda-Therapeutin:
»Auch in Indien gibt es manchmal die gleichen rigiden  Ernährungsvorschriften: Brahmanen essen kein Fleisch. Es kann aber sein, dass gerade eine bestimmte Fleischsorte die beste Medizin wäre. Dazu eine ayurvedische Anekdote: „Ein Brahmane war sehr krank und ging zu einem alten Ayurveda-Arzt, Vaidya. Dieser, selbst Brahmane (Brahmanen sind zu 99 % seit Generationen Vegetarier), riet ihm Schlangenfleisch zu essen. Der Kranke lehnte vehement ab und reiste stattdessen zum heiligen Fluss Ganges. Er machte verschiedene Rituale und trank von dem Gangeswasser. Wenig später wurde er gesund. Auf dem Weg zurück lief er noch flussaufwärts. Siehe da, die besagte Schlange lag da… «

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Frage: Viele strengpraktizierende Yogis verzichten auf Fleisch, um den Grundsätzen des Yoga gemäß alle anderen Wesen zu achten und sie deshalb nicht zu töten. Es kann aber auch passieren, dass ein Mensch, der sich aus ideologischen Gründen zum Vegetarismus bekennt, diese Form der Ernährung gar nicht verträgt. Somit stellt sich eine grundsätzliche Frage: „Ist die vegetarische Ernährung denn nicht für alle Menschen gut?“

Heike Seegebarth, Ayurvedatherapeutin:
»Ein einfacher Satz aus dem Ayurveda lautet: „Fleisch vermehrt Fleisch“. Wenn jemand abgemagert ist, dann braucht diese Person am besten Fleisch, um das Muskelgewebe wieder aufzubauen. Ein Bauarbeiter braucht eher noch Fleisch, damit er nicht bei der harten Arbeit „vom Fleisch fällt“. Auch in kalten Ländern wie die Mongolei oder Tibet wird viel Fleisch gegessen. Du bist was du isst: Die gesündeste Ernährung ist ohne Zweifel für alle Menschen die vegetarische. Für die spirituelle Entwicklung ist eine fleischlose Ernährung besser, da ein erhöhter Fleischkonsum eher aggressiv macht. Shri Vidya Tantriker sagen: Wenn man den spirituellen Weg geht und Fleisch gezielt verzehrt, dann hat die spirituelle Entwicklung viel mehr Kraft. Wichtiger ist es, dass wir das, was wir essen, genießen. Wir bestehen schließlich aus dem, was wir gegessen haben. Wenn wir ein bestimmtes Essen ablehnen, es aber trotzdem essen, dann wird es schwer im Magen liegen und schwer zu verdauen sein. «

Dr. Rhyner, Natur- und Ayurvedaarzt:
»Grundsätzlich ist die vegetarische Ernährung für alle Menschen gut! Ich denke, das ist inzwischen wissenschaftlich ausreichend geklärt. Das Problem bilden die Neu-Vegetarier, welche keine traditionelle vegetarische Küche kennen oder leben. Diese Leute lassen bei der üblichen mitteleuropäischen Kost einfach das Fleisch und meist auch die Milchprodukte weg und das geht natürlich nicht gut. Vor der Erfindung des Kühlschrankes hat sich der Fleischkonsum in unseren Breiten in der warmem Jahreszeit wenn überhaupt auf kleine Tiere (Geflügel, etc.) beschränkt. Anstatt Fleisch gab es Linsen, Bohnen und Milchprodukte und das täglich 2x. Das mutet sich heute kaum ein Vegetarier zu und deshalb die Defizite. In Asien hat man die Kunst, pflanzliche Proteine wie Delikatessen schmecken zu lassen, zur Perfektion getrieben. «

Dr. Funfack, Internist und Ernährungsberater:  
»In meiner langjährigen Praxis habe ich oft schon mit Leuten zu tun gehabt, die aufgrund ihrer spirituellen Entwicklung an Ernährungsformen festhalten, die für ihren Typ nicht geeignet sind. Klassisches Beispiel: die übergewichtige Veganerin mit einem Cholesterinwert von über 400 mg/dl (Normalwert Ayurveda Lehre gibt es 3 Menschentypen.  Der Vata-Typ ist schlank, groß, zart, geprägt vom Element Luft + Äther, eher kreativ, rasch wechselnd, hat Probleme mit der Verdauung von Proteinen – der ideale Vegetarier! (Hier finden sich die Leute, die sehr spirituell sind!) Der Pitta-Typ ist athletisch gebaut, kraftvoll, durchsetzungsfähig, Element Feuer, hat Probleme mit der Fettverdauung. Der Kapha-Typ, meist dick, untersetzt, gemütlich, beständig, sammelnd, ordnend, Element Erde, hat Probleme mit der Verdauung von Kohlenhydraten, braucht ebenfalls wie der Pitta-Typ Eiweiß. Pitta, vermehrt noch Kapha-Typen, die sich streng vegetarisch ernähren wollen, nehmen oft an Gewicht zu und verschlechtern ihren Stoffwechsel. Hier rate ich vom strengen Vegetarismus ab. «

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.