In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Wie finde ich den passenden Meister? Braucht überhaupt jeder Suchende einen spirituellen Lehrer, und wenn ja, warum? Die komplexe Thematik der Lehrer-Schüler-Beziehung

Ein spiritueller Lehrer ist für die Entwicklung eines Schülers unverzichtbar. Viel zu subtil sind die Wirkmechanismen unseres Geistes, so dass nur wenige Menschen in der Lage sind, alleine den spirituellen Weg zur Erleuchtung zu gehen. Wie aber findet man in der heutigen Zeit, in der ein Überangebot an selbsternannten Gurus und Yogis unterwegs ist, einen wirklich weisen Menschen? Wodurch unterscheidet sich ein charismatischer spiritueller Narzisst von einem Erwachten? Antworten darauf zu geben, ist schwierig, und es bleibt nur der Rat an den Suchenden, seinen gesunden Menschenverstand nicht am Eingang eines Meditationszentrums oder in Gegenwart eines Menschen, der sich als Guru oder spiritueller Lehrer bezeichnet, abzugeben.

Lange Zeit war Yoga ohne eine intensive Lehrer-Schüler-Beziehung undenkbar. Die tiefe Spiritualität des Yoga wurde unmittelbar vom Lehrer an den Schüler weitergegeben, wobei der Lehrer immer darauf bedacht war, dem Schüler das Wissen nur dann zu vermitteln, wenn dieser auch reif genug dafür war. Wie zentral die Bedeutung der Lehrer-Schüler-Beziehung war, zeigen schon die Upanishade, und die Bhagavad-Gita. In der Bhagavad-Gita sind die Hauptprotagonisten Krishna und sein Schüler Arjuna. Krishna wird hier als idealer Lehrer vorgestellt, der seine göttliche Natur nicht von Anfang an offenbart, sondern Arjuna Schritt für Schritt in die Lehre des Yoga einführt, ohne dabei überheblich oder betont weise zu erscheinen.

Gerade heute, da alte Strukturen ihre Wirkung verlieren und sich das Leben immer mehr in einem globalen Chaos verliert, kann ein erfahrener spiritueller Lehrer – nicht nur im Yoga, sondern auch in anderen spirituellen Traditionen – zu einer kostbaren Ressource für einen Menschen werden. Gleichzeitig aber hat die Evolution des Bewusstseins und der damit einhergehende spirituelle Hunger der Menschen besonders in den letzten Jahren einen Jahrmarkt für selbsternannte Gurus, unkritische Yogalehrer, unreflektierte Selfmade-Therapeuten und falsche Propheten erschaffen, die unausgegorene Techniken vermarkten, neue dubiose Yogawege entwickeln, selbstherrliche Botschaften unter die Leute bringen und ihren Anhängern, spirituell Suchenden oder Yoga-Interessierten, dann am Ende doch oft mehr Schaden zufügen.

Der kleine Unterschied

Woran aber erkennt man einen spirituellen Meister, wenn man noch keine Erfahrungen hat und nicht weiß, ob man einen spirituellen Narzissten oder eine wirkliche Autorität vor sich hat? Dies ist gar nicht so einfach, da jeder Mensch einzigartig ist und auch spirituelle Lehrer sich ihrem Charakter entsprechend unterscheiden. Selbst wenn das Ego transzendiert wird, so bleibt die Eigenart des Einzelnen ja schließlich bestehen. So fällt der eine seinem Naturell gemäß auch nach dem spirituellen Erwachen durch sein heiliges Erscheinungsbild auf, während ein anderer wild und provozierend wirkt und wieder ein anderer sich bewusst verhält wie ein Narr oder so gewöhnlich erscheint, dass er sich in der Menge nicht abheben würde. Aus diesem Grund ist es schwierig, das ideale Bild eines „wahren“ spirituellen Lehrers zu zeichnen. Es ist genauso schwierig, als wenn man einen Yogastil herauspicken wollte, um ihn als „den“ einzigen, ultimativ richtigen Yogastil hervorzuheben. Egal, ob man z.B. Pattabhi Jois, Sri Swami Sivananda oder einen der noch lebenden bekannten oder aber einen der vielen Tausenden unbekannten Lehrer nimmt, jeder hat bzw. hatte seine eigene Art zu unterrichten und seinen besonderen Stil, dem Schüler die Weisheit zu vermitteln. Und wahrscheinlich hat auch jeder Lehrer einen ganz bestimmten Typ Schüler, der sich von ihm angezogen fühlt. Ob der Lehrer eine gute Figur macht, oft in den Medien ist oder ob seine Kurse voll sind und er viele Bewunderer findet, ist eigentlich eher zweitrangig und zeigt letztendlich nur, wie sehr sich ein Mensch von solch äußeren Erscheinungen vom Wesentlichen abhalten lässt.

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Die Wahl bleibt ein Geheimnis

Warum man aber den einen Lehrer wählt und den anderen verschmäht, hängt von den ganz eigenen individuellen Bedürfnissen ab und wahrscheinlich auch von den Wünschen der Seele, die danach durstet, sich im Licht der wahren Begegnung mit einem Lehrer zu transformieren. Deshalb hat jeder einfach instinktiv das richtige Gefühl, zu wissen, was er braucht und warum er meint, gerade von diesem Lehrer etwas ganz Besonderes lernen zu können, was nur dieser hat. Für Außenstehende ist die Wahl eines Lehrers aber oft so wenig nachvollziehbar und geheimnisvoll wie die Anziehung, die ein Liebhaber oder eine Geliebte auf einen haben. Meistens hängt die Wahl des Lehrers auch mit der eigenen Familiengeschichte zusammen. Unbewusst wählt man einen Typ Lehrer, der einem Elternteil oder einen Menschen ähnelt, der im Verlauf des Lebens eine wichtige Rolle bei der eigenen Erziehung gespielt hat. Oder man landet in einer spirituellen Gruppe, die unbewusst viel Ähnlichkeit mit dem eigenen Familiensystem aufweist. Hier geht es dann oft viel eher darum, unerledigte familiensystemische Aspekte aufzuarbeiten, selbst wenn man gehofft hatte, hier die große Erleuchtung zu finden. Aber nicht umsonst heißt es: Erst wer seine familiären Projektionen, seine spirituellen Eltern, Vater und Mutter, hinter sich gelassen hat, beginnt den wahren spirituellen Weg zu gehen.

Lehrer ja oder nein?

Natürlich gibt es aber auch immer wieder Menschen, die gar keinen Lehrer brauchen, weil sie, vielleicht aufgrund karmischer Disposition, in der Lage sind, alleine die Erleuchtung zu erlangen. Und überhaupt stellen heutzutage immer mehr Menschen das Bedürfnis nach spirituellen Lehrern in Frage, appellieren an die Selbstverantwortung und argumentieren mit Buddhas Worten, dass jeder sein eigenes Licht sein sollte. Wenn das nur so einfach wäre! Denn leider ist es bei vielen Menschen eher unwahrscheinlich, dass sie in einem frühen Stadium der spirituellen Entwicklung in der Lage sind, ihre eigenen inneren Meister zu finden. Zu oft finden hier Verwechselungen zwischen tiefen spirituellen Erfahrungen und subjektiven Wünschen statt, persönliche Anhaftungen und karmische Vorlieben führen den Suchenden in die Irre und verstricken ihn nur noch mehr mit seinem Ego, als ihn davon zu befreien.

Wer aber wirklich bereit ist, die Einschränkung der Ichbezogenheit zu überwinden, wird sich früher oder später – vielleicht auch nur kurze Zeit oder aber für einige Jahre – zu einem Menschen hingezogen fühlen, der selbst in der Lage war, den spirituellen Weg zu gehen, und tiefe Transformation erzielt hat. Die erkennt man daran, dass er frei von dem Wunsch nach Bewunderung und einer großen Schülerschaft ist, die abhängig von ihm ist. Solch ein Lehrer zeichnet sich sogar eher dadurch aus, dass er bereit ist, den Schüler dahingehend zu ermutigen und zu korrigieren, dass er nicht den Lehrer bewundert, sondern an den Inhalten interessiert ist, die er dem Schüler vermittelt, und der nicht müde wird, dies zu erwähnen, sobald er merkt, dass sein Schüler die Ebenen verwechselt oder ihn unbewusst als Projektionsfläche benutzt. Ein guter Lehrer versucht auch zu sehen, was der einzelne Schüler bei jedem Schritt der eigenen Entwicklung am meisten braucht. Er wird nicht versuchen, den Schüler in einen vorprogrammierten Plan einzupassen, weil für einen guten Lehrer eine Technik wie zum Beispiel eine bestimmte Yogarichtung immer nur das Vehikel sein sollte, um dem Schüler dabei zu helfen, eine tiefere Beziehung zu sich selbst zu finden. Dies setzt aber auch voraus, dass man dem Lehrer zutraut, dass er weiß, welcher Schritt für den Schüler wichtig ist, um zu lernen, mehr und mehr Selbstverantwortung für das eigene Denken und Handeln zu übernehmen und sich nicht länger als passives Opfer äußerer Umstände zu betrachten. Dies ist natürlich ein Schritt, der vielen Schülern schwerfällt, denn nur allzu gerne wird die Verantwortung für das eigene Denken und Handeln abgegeben – zum Beispiel an einen Lehrer. Und wenn dieser die eigenen Erwartungen am Ende dann doch nicht erfüllt, dann kann man ihn der Unfähigkeit beschuldigen.

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.