Wir selbst sind es, die uns das Leben schwer machen und ein inneres Gefängnis schaffen mit negativen Gedanken, einengenden Verhaltensweisen und überzogenen Ansprüchen. Und nur wir selbst sind es, die uns aus diesem Gefängnis befreien können.

Seit einigen Wochen hüte ich tagsüber einen Hund aus der Nachbarschaft. Seine Besitzer, ein junges sehr ehrgeiziges Paar, halten den Hund normalerweise tagsüber in einem kleinen Zimmerkäfig, weil er sich mit dem stundenlangen Alleinsein sehr schwer tut. Die Begegnung mit diesem Hund macht mich sehr betroffen, da ich es persönlich nicht nachvollziehen kann, wieso man sich einen Hund anschafft, selbst wenn man offensichtlich keine Zeit für ihn hat. Ich selbst darf keinen Hund in meiner Wohnung halten und so freue ich mich, dass ich zumindest tagsüber einen Vierbeiner hier habe und immer wieder lange Spaziergänge mit ihm machen kann.

Das Bild des Käfigs beschäftigt mich seitdem sehr, und ich trage es seit einigen Tage mit mir herum. Heute in der Meditation kam mir plötzlich das Bild eines belebten Marktplatzes, auf dem viele Menschen herumliefen. Die meisten von ihnen trugen einen Käfig um ihren Kopf. Viele von ihnen hatten darüber hinaus auch noch einen Käfig um ihr Herz. Dieses innere Bild berührte mich sehr und erinnerte mich an das wohl berühmteste Gedicht von Rainer Maria Rilke:

Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

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Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

(Rainer Maria Rilke, 1902/1903)

Das innere Gefängnis

Wenn wir in der Meditation in die Stille eintauchen, dann können wir erkennen, dass es in uns die grenzenlose Freiheit gibt und es auf einer tiefen Ebene in uns kein Gefängnis gibt. In solchen Momenten können wir erkennen, dass es einzig und alleine unser eigener Geist ist, der mit seiner Gier und mit seiner Ablehnung die Gitter des Käfigs erschafft. Der Bau unseres eigenen Gedanken-Gefängnisses geht so lautlos und so subtil vonstatten, dass wir selbst gar nicht merken, dass wir es sind, die uns zum Insassen machen – und im schlimmsten Fall die Schlüssel wegschmeißen. Aus all den inneren Verboten, den überhöhten Ansprüchen an uns selbst, der Scham und den Schuldgefühlen, dem Sollen und Müssen und Nicht-Dürfen bestehen die Gitterstäbe, die uns davon abhalten, vollkommene Freiheit zu erfahren.

Wie steht es um dein eigenes, inneres Gefängnis? Machst du andere Menschen für deine Unzufriedenheit, deine Wut und deine Frustration verantwortlich? Oder anders gefragt: Verleihst du anderen Menschen Macht über dich? Hierzu fällt mir immer wieder eine Geschichte aus dem Zen ein, die diese Haltung so treffend beschreibt:

Zwei Kriegsveteranen, die gemeinsam in Vietnam gekämpft haben treffen sich 30 Jahre nach Kriegsende wieder. Sagt der eine zum andern: „Ich habe immer noch eine Scheißwut auf die Gefängniswärter, die mich damals so geschlagen haben.“ Darauf antwortet der andere: „Ach, bist du etwa immer noch in Vietnam im Gefängnis?“

Mich hat diese Geschichte zutiefst berührt, als ich sie das erste Mal gelesen habe. Leider fällt mir die Quelle dazu aber gerade nicht ein, aber es könnte möglicherweise aus dem Buch stammen „Frei sein, wo immer du bist“. Ein wunderschönes Buch, dass die Rede enthält, die Thich Nhat Hanh vor Gefängnisinsassen gehalten hat.*

Du hast die Wahl!

Was bleibt, wenn du einmal damit aufhörst, andere Menschen für dein Unglück, deine Unfreiheit und deine Probleme verantwortlich zu machen und du dir vor Augen führst, dass du selbst es bist, der dich aus dem Gefängnis der Schuldzuweisung, der Eifersucht, des Gefühls, ein Opfer zu sein, befreien kann. Und wie ist die Vorstellung, dass du dein eigenes Gefängnis der Gedanken verlässt und ab heute anfängst, Selbstverantwortung zu übernehmen für dein eigenes Glück? Wie fühlt sich der Gedanke an, dass du vollkommen frei sein könntest? Wo genau spürst du die Auseinandersetzung mit diesen Gedanken in deinem Körper? Macht dir dieses Gefühl vollkommene Freiheit zu erlangen eher Angst? Oder entsteht durch diese Möglichkeit so etwas wie Freude und Zuversicht, dass du frei werden kannst, egal wo du bist, mit wem du bist und unabhängig davon, wie die äußeren Umstände sich gestalten?

Beginne deshalb gleich heute – am besten schon in diesem Moment – damit, die Türe deines eigenen Gefängnisses zu suchen, sie zu öffnen und herauszutreten. Wage den Schritt hinaus in die Freiheit. Lass alles los und wage den freien Fall in die eigene Freiheit. Oder wie der Mythenforscher Joseph Camphell dazu ganz einfach sagt: „Spring!“

Also, worauf wartest du noch?!

Zum Weiterlesen

Thich Nhat Hanh: Frei sein, wo immer du bist. Theseus Verlag 2010
Jack Kornfield: Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens. Kösel Verlag 2017

*Wenn du die Quelle dieser Geschichte kennst, lasse uns diese gerne in einem Kommentar wissen …

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

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