Menschlicher Geist, Psyche und Intellekt
Sowohl im Yoga als auch im Ayurveda wird der Geist als sechster Sinn betrachtet, der die anderen Sinne in Schranken hält. Die Balance der drei Qualitäten des Geistes wird durch persönliche Bemühung zustande gebracht. Technisch betrachtet kontrolliert der Geist den Geist. Es ist die Sattva-Eigenschaft des Geistes, durch welche die Kontrolle des Geistes motiviert wird. Daher ist man wenn der Geist von Rajas und Tamas dominiert wird und es an Sattva mangelt anfällig dafür, mentale und physische Störungen zu entwickeln. Sattva ist geistige Ruhe oder der Geist in seiner reinen Form. Wenn der Geist zur Ruhe gebracht und nicht von den Sinnen vereinnahmt wird, ist er mit der Ursache des Seins oder der Seele eins. Dies ist der Zustand, in dem der Intellekt vollständig erwacht und in dem es eine von innen heraus kommende Macht zur Einsicht gibt.

Der Geist hat die ‘Fähigkeit zu denken’. Seiner Natur oder Vrtti entspricht es, Gedankenketten zu haben. Im Sanskrit wird für das denkende Prinzip des Geistes das Wort Chitta verwendet (Yogasutra, I, 2). Die Macht des Geistes, sich selbst zu kontrollieren, kann als Psyche bezeichnet werden. Das heißt, sowohl die geistige Fähigkeit zur Kontrolle der Sinne als auch die Fähigkeit des Geistes zur Kontrolle seiner eigenen Funktion werden im Sanskrit Psyche oder Mati genannt. Der Sattva-Zustand des Geistes ist Buddhi oder der Intellekt. Ich würde ihn als höheren Zustand definieren, in dem der Geist von den Sinnen gelöst ist und von der Energie der Seele beeinflusst wird.

Gemäß den Yoga Sutras besteht die Hauptbeeinträchtigung des Geistes in Avidya, d.h. im  Nicht-Unterscheiden der ewigen Seele vom vergänglichen Körper und dem Betrachten der endlichen Existenz als ewig. Aufgrund von Avidya kommt es zu Egoismus, Begehren, Abneigung und Verhaftetsein im Weltlichen. Diese werden zu Ursachen von Unglück und lassen ein Übermaß an Rajas und Tamas entstehen. Sattva wird erlangt, indem man den Geist beruhigt und die kurzlebige Existenz des Körpers und der vergänglichen Seele erkennt. Ein Yogaschüler lernt durch Sattva über die ewige Seele, während für einen mehr dem Weltlichen zugewandten Menschen Sattva zu einem tugendhaften Lebensstil verhilft. Charaka schrieb:

‘Solche Personen, bei denen Sattva dominiert, sind mit Gedächtnis und Hingabe ausgestattet, sie sind dankbar, gelehrt, rein, mutig, geschickt, entschlossen, schlagen sich im Kampf mit Tapferkeit, sind frei von Sorge, zeichnen sich durch wohlgelenkten und ernsthaften Intellekt aus und widmen sich tugendhaften Handlungen.’  

Mit einer sattvischen Geistesverfassung ist es dem Menschen möglich, sowohl seinen Körper als auch seinen Geist besser zu kennen. Sattva ist die innere Stille. Es befähigt Sie, Ihren Geist zur Ruhe zu bringen. Nur ein beruhigter Geist kann dem inneren Wesen lauschen. Die Welt ist lärmend und laut und auf der Wahrnehmungsebene haben wir uns zu sehr in sie vertieft. Durch Sattva lernt man, die Sinne willentlich davon zurückzuziehen und eine übersinnliche Wahrnehmung zu entwickeln. Diese jenseits der Sinneserfahrungen liegende Wahrnehmung hilft, uns selbst zu analysieren, die richtige medizinische Behandlung zu finden und spirituelle Heilung zu vollziehen. Charaka hat als einen der drei Typen von Therapie Sattvavajya beschrieben. Er wird definiert als Kontrolle über den Geist im Bezug auf ungesunde Dinge.

Um Sattva zu fördern benötigt man die Fähigkeit, den Geist zu kontrollieren. Die Fähigkeit des Geistes zur Selbstkontrolle kann durch Yoga erhöht werden. Asanas, Pranayama und Japa stellen einige Methoden dazu dar. Genauso wichtig ist es, mithilfe verschiedener Reinigungsmethoden und durch angemessenen Lebenswandel ein Gleichgewicht der Doshas zu erlangen. Vata regelt die Aktivitäten des Geistes. Im Falle von unausgeglichenem Vata ist es schwierig, den Geist zu kontrollieren. Eine Massage und ein warmes Bad, angemessene Ruhe und entsprechende Nahrung etc. können helfen, den Geist zur Ruhe zu bringen und seine Fähigkeit zur Selbstkontrolle zu stärken. Ähnlich reagiert umgekehrt der Körper mit den Symptomen einer Vata-Irritation, wenn man mentalem Stress ausgesetzt ist. Der Geist kontrolliert und koordiniert die Sinnesorgane, aber ebenso entscheidend ist die körperliche Balance für das Gleichgewicht des Geistes. Leidet man beispielsweise an Verstopfung, beruht dies auf einer Vata-Irritation. Durch die Tatsache, dass Abfallprodukte oder Mala im Organismus verbleiben, wird die Vata-Störung dann noch weiter verstärkt. Dies führt zu einem flatterhaften Geist, Unruhe, Schlafstörungen und Albträumen.
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