Über das All und das „Alles“ – oder: Folge deinem Weg in die Ewigkeit … Er ist schon da, schau genau hin
Eines Tages kam ein Mann aus dem Dorf, um dem Meister einen Brief zu bringen. Der Meister öffnete den Umschlag, zog das Blatt Papier heraus und las die säuberlich geschriebenen Worte:

„Lieber Meister, ich habe mal wieder bemerkt, dass das, was du uns zu sagen und beizubringen versuchst, sehr nachhaltig in mir wirkt. Jetzt beschäftigt mich seit Tagen eine Frage, die ich auch schon mit Fritz und Alice besprochen habe, aber die beiden können mir leider keine Antwort darauf geben. Du sagst immer: ‚Du bist nicht deine Gefühle.’ Aber wer oder was bin ich denn dann? Ich bestehe doch hauptsächlich aus Gefühlen, oder nicht? Auch wenn ich meine Launen im Griff hätte, handelte und entschied ich doch aus meinem Gefühl!? Ich finde es schon komisch, dass ich das einfach akzeptiere, wenn du etwas sagst, und dann verstehe ich Wochen später gar nichts mehr.

Heute Morgen habe ich einen Satz gelesen, der mir auch sehr stimmig erscheint: Nichts, was passiert, hat eine Bedeutung; es hat nur die Bedeutung, die du ihm gibst. Aber tue ich das nicht auch aus meinem Gefühl heraus – ist es nicht mein Gefühl, das Dingen eine Bedeutung zuweist? Falls du mir darauf eine Antwort geben kannst, fände ich das klasse. Viele liebe Grüße an deine Frau und dich.“

Der alte Mann begab sich an seinen Schreibtisch, öffnete eine Schublade, nahm einen Papierbogen und schrieb:
„Entdecke eine Welt durch dein Erahnen. Es gibt eine Welt, eine Welt der Wunder, diese Welt ist schon da. Schau hin, und du kannst sie sehen. Die Sterne berichten dir von dieser Welt, all die Gesichter der Menschen, dein eigener Körper. Ja, schon allein dein Atem weist dir den Weg, den es zu beschreiten gilt, den Weg in eine Welt der Wunder. In die Welt der Ewigkeit – ewiges Geistleben, lebenslang. Es birgt eine Gigantenkraft. Löse das Licht, folge dem goldenen Strahl der Sonne, dem silbernen Glanz des Mondes, dem Funkeln der schimmernden Sterne in der Nacht. Erwecke, löse deine Ahnung, sie zeigt dir den Weg, den Weg in die Wunderwelt. Den Weg in eine geheimnisvolle Welt, die sich aus sich selbst gebiert. Die sich aus sich selbst zeugt. Eine Welt, deren Gegenwart nur für den erkennbar ist, der bereit ist, durch das Tor der Weisheit zu schreiten. Eine Welt, die nur für einen Augenblick erscheint und für alle Ewigkeit in diesem Augenblick ihre Freiheit findet. Die nur in diesem Augenblick, in diesem mystischen Auf- und Abschlag deines Augenlides zu betreten ist. Dieser mystische Augenblick, dieser mystische Moment ist das Tor in die Freiheit. Nur dort kann man Atem holen, nur dort strahlt das Licht des heiligen Grals, und nur dort ist Heilung möglich. Ab und zu öffnet sich unbewusst das Tor in das Reich der Wirklichkeit, und du trittst ein. Dich dort wiederfindend, verstehst du alles auf einer sehr tiefen Ebene, alles wird dir offenbart, und die Fragen verschwinden.

Die Welt der Bedeutungslosigkeit und das Wunderreich der Liebe
Doch nur einen Wimpernschlag später, in der starren Welt der Bedeutungslosigkeit, in der Welt des Zweckes, der Welt von Ursache und Wirkung, in dieser Welt wird es unmöglich, all das zu beschreiben, das dir offenbart wurde. So beginnt der Zweifel an der erlebten Wirklichkeit, und die Welt der Krankheit, der Rache, die Welt der Zeit wird als wirklich erfahren. Alles andere, das freie Atmen, das eben noch Gelebte, die Welt der Heilung, der Ewigkeit, des Wunders ist nur noch ein Traum. Wirklichkeit ist nicht mehr die Welt der Liebe und Harmonie. Wirklichkeit ist nur noch die Welt der Rache und des Kampfes. Ja, in der Welt der Rache und des Kampfes ist nichts, was passiert, von Bedeutung. Es hat nur die Bedeutung, die du ihm gibst. Alles wird sinnhaft oder nicht sinnhaft für den Kampf.

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Für die Liebe ist der Kampf ohne jede Bedeutung. Die Liebe ist schon da, du kannst sie erfahren, du kannst sie erahnen. Alles, was du jetzt brauchst, ist Mut. Tritt ein in das Wunderreich der Liebe, verteidige nicht länger die Welt der Rache. Die Welt der Gedanken und Gefühle, die auf Angst vor dem Ewigen, auf Angst vor dem Leben, auf Angst vor dem Tod basieren. Lass los und gleite in das Reich der Ewigkeit, in das Reich der Freiheit. Erkenne dich selbst als die Ewige Gegenwart der Liebe. Nur dies ist von Bedeutung. Schau hin, alles deutet auf dieses Lichte Reich. Jedes Blatt und jede Blume, jeder Sonnenstrahl und jedes Lächeln weisen hin auf das Reich der Liebe. Dieses Reich ist kein Gefühl, dieses Reich ist eine Wirklichkeit. In der Wirklichkeit der Rache gibt es das Tor des Denkens. Öffne es durch Weisheit. Es gibt das Tor des Fühlens, öffne es durch Liebe und betrete den Himmel der Wirklichkeit. Durchschreite diese Tore und lass sie hinter dir, du bist nicht diese Tore. Passiere sie, lass sie passieren, halte nicht fest an ihnen, gleite hindurch. Hinein in die Freiheit. Freiheit ist der wahre Geschmack der Liebe.

Dieser mystische Moment ist das Himmelsreich, in dem sich dir alles offenbart. Nur diesen Augenblick, der sich dir durch deine Ahnung erschließt, lass deinen Lehrmeister sein. Mit all deinen Sinnen bereite dich vor, diesen mystischen Moment zu empfangen. Er ist der Lehrer von Anbeginn der Zeit, bis hin in alle Ewigkeit.“

Damit endete sein letzter Brief; was gesagt werden muss­te, wurde gesagt. Der Meister packte seine Sachen, spürte die Wärme der Sonne auf seiner Haut und ging los. Wohin auch immer der Wind ihn tragen würde.

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