In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Unserer wahren Natur ins Auge sehen oder die Kunst, im Einklang mit der eigenen Konstitution zu leben
In der Schöpfung ist jedes Wesen einzigartig. Und so wie jedes Tier, jede Pflanze und jedes Mineral über seine ganz besonderen Eigenschaften verfügt, so ist auch jeder Mensch ein einzigartiges Wesen, das kein Gleiches auf dieser Welt findet. Erkennen wir unsere wahre Natur (prakrti), so haben wir aus ayurvedischer Sicht bereits ein hohes Maß an Selbsterfüllung erlangt. Denn eines der elementaren Ziele des Lebens und Heilens ist es, im Einklang mit der eigenen Konstitution zu sein. Hierin liegt der Schlüssel für ein langes, gesundes und erfülltes Leben. Dies ist allerdings schwieriger, als es sich im ersten Moment anhört. Nicht nur, dass wir uns durch einen Dschungel von (teils etwas zweifelhaften) Fragebögen über die körperlichen und mentalen Eigenschaften unserer Vata-, Pitta- und Kapha-Anteile hindurcharbeiten müssen, die jede Menge Peinlichkeiten von uns aufdecken: Von der Verdauung über das Sexualverhalten bis zur Kindheitserinnerung, alles wird abgefragt und analysiert. Auch in der Unterscheidung zwischen unserer ursprünglichen
Grundkonstitution (prakrti) und dem derzeitigen, oft in Disharmonie geratenen Ausdruck unserer Dosha-Zusammensetzung (vikrti) liegen viele Fallstricke und Missverständnisse zwischen unserem wahren und unserem gemachten Selbst.

Wer sich mit der ayurvedischen Konstitutionslehre auseinandersetzt, trainiert erst einmal seine Wahrnehmungsfähigkeit und Beobachtungsgabe in der differenzierten Unterscheidung von signifikanten Dosha-Eigenschaften in ihrer dynamischen Manifestation. Wir lernen beispielsweise schmale, trockene, unruhige, rissige Hände mit hervorstehenden Gelenken und Adern (vata) von warmen, rosigen, feuchten Händen (pitta) oder dicken, großen, kühlen, festen, öligen Händen (kapha) zu unterscheiden. Je nachdem wie die Fingernägel, Handgelenke und Hautstrukturen sind, können sich die konstitutionstypischen Merkmale verstärken oder mischen… Darauf aufbauend werden vertiefende Diagnosetechniken eingesetzt, um den individuellen Gesundheits- und Krankheitszustand der Körpergewebe, -organe, -kanäle und -systeme zu bestimmen. Ohne professionelle Diagnose und Anleitung ist es den wenigsten Menschen vergönnt, ihre wahre Konstitution zu entschlüsseln. Findet man jedoch einen qualifizierten Ayurveda-Arzt oder -Therapeuten, so ist es eine faszinierende Erfahrung, was unser Pulsschlag, unser Zungenbelag und unsere körperliche Erscheinung über unsere wahre Persönlichkeit aussagen und welche Rückschlüsse sich daraus über Gesundheit und Krankheit, Vorlieben und Abneigungen schließen lassen. Ausgangspunkt für alle individuellen Betrachtungen der Befindlichkeiten und Störungen des Menschen ist das Erkennen der Grundkonstitution (prakrti), welche die körperliche Erscheinung sowie die der Persönlichkeit innewohnende Charakterausprägung und die persönlichen Potenziale von Geburt aus bestimmt.

Entsprechend den grundlegenden Anlagen wird die Gewichtung und Ausdrucksweise der drei Doshas vata, pitta und kapha auf genetischer und biologischer Ebene codiert und einer von sieben möglichen Konstitutionstypen festgelegt (Man unterscheidet drei singuläre Typen, bei denen je ein Dosha klar dominiert, drei duale Typen, also Mischtypen aus zwei Doshas, und den Tri-Dosha-Typ, bei dem die drei Doshas je etwa gleich stark sind; Anm. d. Red.). Dabei spielen die körperliche und psychische Verfassung der Eltern, die Jahreszeit sowie der Ort der Zeugung eine große Rolle. In der Gebärmutter der Frau wird die Konstitution weiter geformt und gefestigt. Das Verhalten der Mutter während der Schwangerschaft hat eine sehr große Bedeutung für das Leben und die Konstitution des ungeborenen Kindes. Manche Ayurveda-Ärzte sprechen davon, dass die Zeit im Mutterleib bis zu 80% unserer Konstitutionsbildung ausmacht. Zusätzlich beeinflussen noch andere Elemente, wie z.B. karmische Einflüsse, der Zeitpunkt der Geburt sowie die Nahrung und Umgebung der ersten Lebensmonate während und nach der Geburt die prakrti.

Der pränatale Einfluss auf die Konstitutionsbildung kann manchmal frappierend sein. So habe ich in meiner eigenen Ayurveda-Praxis viele Patienten erlebt, die z.B. eine konstitutionsbedingte Anlage zu Übergewicht hatten, da ihre Mütter während der Schwangerschaft unter massivem Bewegungsmangel und Übergewicht litten. Kinder, die während der Kriegsjahre gezeugt und ausgetragen wurden, leiden oft konstitutionsbedingt an einer Herzschwäche, die durch die existenziellen Nöte und Ängste dieser Zeit hervorgerufen wurden. Andererseits habe ich aber auch schon viele Menschen erlebt, die aufgrund ihrer außerordentlich stabilen Grundkonstitution sehr belastbar sind. Wenn ein gesundes Baby in einer gesunden Familie heranwächst, so kann es als Erwachsener oft für viele Jahre Raubbau mit seiner Gesundheit treiben, ohne dass sich daraus resultierende Beschwerden einstellen.

Aus ayurvedischer Sicht offenbart sich in der individuellen Konstitution das Schicksal des Menschen. Denn es ist uns auf Dauer nicht möglich, gegen die eigene  ursprüngliche Natur zu Leben – so wie man aus einem Goldfisch auch keinen Kanarienvogel machen kann. Und doch stehen die meisten von uns auf Kriegsfuß mit ihren körperlichen oder mentalen Anlagen: Egal ob wir schlank, kreativ und medial veranlagt (vata), sportlich, ehrgeizig und sommersprossig (pitta) oder ruhevoll, ausdauernd und sparsam (kapha) sind, wir identifizieren uns eher mit den Schattenseiten unserer Konstitution als mit dem in uns schlummernden Potenzial. Entsprechend unseren frühkindlichen Prägungen sind wir so lange zurecht gestutzt worden, bis alle prägnant hervortretenden Dosha-Eigenschaften ausgemerzt wurden: Den bewegungsfreudigen Vata-Kindern wurden mit Sätzen wie: „Zappel nicht so rum!“, „Rede nicht so viel!“ und „Sei nicht so wankelmütig!“ die Freude an der eigenen luftigen und freiheitsliebenden Natur genommen. Die willensstarken Pitta-Kinder wurden mit „Sei nicht so egoistisch!“, „Du musst lernen, dich anzupassen!“ oder „So lange du die Füße unter meinen Tisch streckst, hast du hier nichts zu sagen!“ in ihrer ausdrucksstarken Lebenslust ausgebremst. Kapha-Kinder, die von Natur aus etwas langsamer und selbstgenügsamer sind als andere Menschen, mussten sich ständig mit „Trödle nicht immer!“, „Streng dich mehr an!“ und „Lass dir nicht alles gefallen!“ auf die vermeintlichen Härten des Lebens vorbereiten lassen.

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 Die Kunst, im Einklang mit der eigenen Konstitution zu leben, ist gleichbedeutend mit der Loslösung aller (negativ) interpretierten Konstitutionsbilder und der Entdeckung der in uns verborgenen Fähigkeiten und Potenziale. Lassen wir die zwar wohlgemeinten, aber häufig demotivierenden Ratschläge unserer Umgebung hinter uns, so entdecken wir unsere ganz eigenen Möglichkeiten, die Herausforderungen des Lebens zu meistern. Nur indem wir unsere typgerechten Stärken nutzen und erproben, werden wir uns der ungeahnten Möglichkeiten unseres wahren Selbstes bewusst. Dabei kann Vata immer auf eine gute Idee – auch in größter Not – vertrauen, Pitta auf seine Intelligenz und Kapha auf seine Stabilität und Anpassungsfähigkeit. Welche dieser unentdeckten Schätze noch in uns verborgen sein könnten, erfahren wir häufig erst durch eine Krankheit und wenn wir uns im Heilungsprozess von den negativen Auswüchsen der desolaten Dosha-Ansammlung verabschieden dürfen. Sehr viel einfacher ist es jedoch, sich bereits im gesunden Zustand auf die Suche nach seiner wahren Natur zu begeben und das Leben im Lichte der eigenen Konstitution zu genießen.

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