In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Das Konzept Hitze

Aufgrund seiner feurigen Natur besitzt Pitta eine heiße Qualität, die es an alle Gewebe transferiert, um die homöostatische Körpertemperatur von ca. 37 °C konstant zu halten. Ein Überschuss an Pitta müsste auf Dauer eigentlich zu einem abnormalen Anstieg der Körpertemperatur führen. Dies aber wird von einem Regulierungssystem im Gehirn verhindert, welches Mechanismen aktiviert, die überschüssige Hitze reduzieren, wie zum Beispiel erhöhtes Schwitzen, Trinken, Urinieren oder verstärkte Wärmeemission über die Haut. Die homöostatische Körpertemperatur wird somit zwar aufrechterhalten, solange jedoch das überschüssige Pitta nicht eliminiert ist, geht der exzessive Hitzetransfer an die Gewebe weiter, was wiederum die gerade erwähnten Kühlungsmechanismen permanent in Gang hält. Dies verbraucht enorm viel Energie, die eigentlich für andere Körperfunktionen zur Verfügung stehen sollte. Dazu kommt, dass Organe und Gewebe nicht optimal arbeiten können, wenn sie zu heiß sind. Stellen Sie sich vor, Sie wären an einem heißen Sommertag im Gewächshaus: Nach nur kurzer Zeit brauchen Sie Kühlung, werden müde und fühlen sich kraftlos. Daher haben Menschen mit Pitta-Überschuss weniger Energie zur Verfügung und sind meistens schneller erschöpft. Um den Anforderungen des Lebens gewachsen zu sein, müssen sie sich oft mit Willenskraft antreiben, da ihre Energiereserven einfach zu niedrig sind.

Auf den Punkt gebracht, besagt das Konzept Hitze Folgendes: Exzessives Pitta überhitzt die Gewebe, ohne die systemische Körpertemperatur zu erhöhen. Logischerweise ist diese Hitze nicht mit einem normalen Thermometer messbar. Sie kann aber sehr einfach durch Pulsdiagnose festgestellt werden, und zwar als unnormale Wärmeabstrahlung der Haut im Pulsbereich. Man kann überschüssige Hitze auch deutlich an den Menschen erkennen, die im Winter dünne Sommerkleidung tragen, ohne dabei zu frieren.

Ursachen für Hitze

Es gibt verschiedene ätiologische Faktoren, die zu einer Hitzebildung in Geweben führen, zum Beispiel externe Ursachen wie globale Erwärmung, Umweltverschmutzung, toxische Belastung, beruflich bedingte Nähe zu starken Hitzequellen oder die Einnahme von erhitzenden Substanzen wie Medizin, Genussdrogen, Alkohol und Zigarettenrauch. Pitta-erhöhende Nahrungsmittel, die Agni reduzieren und das Säureniveau im Körper heben, gehören ebenso zu den Hitze-Induktoren. Die meisten sauren Nahrungsmittel fallen in diese Kategorie, mit Ausnahme von Zitronen und Limetten, die, in Maßen genossen, agni-stimulierend sind, keine Hitze produzieren und eine leicht alkalisierende Wirkung aufgrund ihres süßen Effektes nach der Verdauung haben.

Die bedeutendste interne Ursache für Hitzemanifestation ist die Unterdrückung von Gefühlen. Zwar mögen letztere eher subtil erscheinen, aber sie sind genauso in der Lage, starke Hitze in Körpergeweben zu produzieren. Wenn man zum Beispiel mit „heißen“ Gefühlen wie Wut, Frustration oder Rage nicht konstruktiv umgeht, also sie nicht adäquat zulässt und ausdrückt, bleiben diese im Inneren stecken und beginnen zu „fermentieren“. Da Körper, Geist und Emotionen laut Ayurveda eine eng miteinander verbundene Trinität darstellen, werden die heißen Qualitäten dieser blockierten Gefühle nach einer Weile auch auf physische und mentale Ebenen übertragen. Das führt dann dazu, dass Menschen entweder zu Hitzköpfen werden, die feurige Auseinandersetzungen provozieren, oder zu besonders liebevoll-nachgiebigen Zeitgenossen, die aus Angst vor einer möglicherweise destruktiven Entladung ihrer glühenden Wut letztere einfach schlucken bzw. ihre eigenen hitzigen Gefühle unbewusst ausblenden und somit nicht mehr wahrnehmen können. In beiden Fällen kann man im Puls eine spezifische Wärme spüren, die anzeigt, dass für die abnormale Gewebeaufheizung eine emotionale Manipulation verantwortlich ist.

Hitze & Allergien

Kapha-Dosha repräsentiert Stabilität und Erdung. Es verleiht Körperlichkeit, Stärke, Ausdauer und Immunität. Da Kapha von Natur aus kalt ist, nimmt es automatisch ab, wenn im Körper Hitze vorhanden bzw. Pitta konstant erhöht ist. Hitze reduziert also die Widerstandskraft (Lebensmittel halten sich im Kühlschrank länger als in der Sonne), was auch darauf verweist, dass die weltweite Zunahme an Immunschwäche-Problemen wie Allergien direkt auf unseren gesundheitsschädigenden Umgang mit toxischen Substanzen und erhitzenden Chemikalien in allen Lebensbereichen zurückzuführen ist.
Aus ayurvedischer Sicht gibt es zwei entscheidende Faktoren für die Entstehung von allergischen Reaktionen im Körper: Hitze und Blutverunreinigung. Wenn Agni durch einen Überschuss an Pitta gestört wird, entsteht ein spezielles Ama, das mit Pitta und Blut assoziiert ist. Dieses so genannte Samapitta macht das Blut heiß, unrein und dickflüssiger. Giftige Chemikalien und deren Metaboliten haben eine ähnliche Wirkung auf das Blut. Im Zusammenspiel mit immunschwächender Gewebehitze beeinträchtigt diese heiße Toxizität normale Blutfunktionen und führt somit zu hypersensitiven oder allergischen Immunreaktionen.

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Spezifische Allergien der Atemwege haben einen dritten ätiologischen Faktor: inkorrekt gebildeter Kapha (Schleim). Verschleimte Atemwege können leicht zu Erkältung, Husten, Schnupfen oder Grippe führen. Wenn aber neben dem Schleim auch noch Hitze und Blutverunreinigung vorliegen, dann gibt es eine zusätzliche allergische Komponente, die Immunpathologien der Atemwege wie Heuschnupfen oder Asthma hervorrufen kann.

Behandlung von Hitze

Eine Reduzierung der Hitze ist ausschlaggebend, um Immunität, Kraft, Energie und Ausdauer wiederherzustellen. Einfache dosha-besänftigende Behandlungen sind hierfür nicht ausreichend, da die Hitze aus dem Körper eliminiert werden muss, wozu Shodhana oder Ausleitungsverfahren nötig sind. Virechana im Kontext einer Panchakarma-Kur ist offensichtlich die ideale Lösung, da hiermit am effektivsten Hitze und Samapitta aus den Geweben gelöst, Pitta normalisiert und eine gesunde Agni-Funktion wieder­hergestellt wird. Wenn Panchakarma nicht möglich ist, dann kann Hitze auch durch Nityavirechana eliminiert werden, das heißt mittels speziell verschriebener und täglich einzunehmender Purgativa. Bei angemessener Dosis verursachen diese keine Krämpfe oder drastischen Entleerungen und können somit problemlos über längere Zeit eingenommen werden.

Zur Unterstützung der Virechana-Therapie kann man folgendes Hausmittel verwenden, das kühlend und erfrischend auf den ganzen Körper wirkt: 20–30 Rosinen in einer Tasse Wasser über Nacht einweichen, am Morgen pürieren und vor dem Frühstück auf leeren Magen genießen. Ein anderes wunderbares Mittel zur täglichen Pitta-Korrektur und Hitzereduktion ist ein Glas frischer Aloe-Vera-Saft. Fenchelsamen und frisches Koriandergrün sind ebenfalls pitta- und hitze-senkend sowie Agni-anregend. Kurkuma ist ein exzellenter Blutreiniger und nahezu unverzichtbar bei der Behandlung von Allergien.
Wenn sich Gewebehitze als Folge unterdrückter Gefühle angestaut hat, dann ist neben Virechana auch noch emotionale Prozessarbeit erforderlich. Um hier die tiefere Ursache zu beseitigen, ist es notwendig, das zugrunde liegende Thema oder Trauma vollständig durchzuarbeiten, abzuschließen und zu heilen. Ansonsten entsteht langfristig immer wieder neue körperliche Hitze, auch wenn diese durch entsprechende Behandlungen auf physischer Ebene stets für kurze Zeit eliminiert werden kann.

Die korrekte Diagnose und die effektive Behandlung von Gewebehitze sind wichtige Aspekte heutiger Heilarbeit. Unsere Welt – im Innen und Außen – befindet sich derzeit in einem Prozess wachsender Aufheizung. Die Kühlung unserer Biosysteme ist daher notwendig für den Erhalt unserer Gesundheit wie auch für den Fortbestand des Lebens auf der Erde.

Autor

sascha-kriese-2Sascha Kriese führt mit seiner Frau Rebecca eine eigene Ayurveda-Praxis in Brighton und unterrichtet die ayurvedische Heilkunst in verschiedenen Ländern Europas.

Internet: www.ayuseva.com

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