Alchemie der Lebensenergie – sattvische Ernährung im Alltag
Essen ist wichtig! Und im Ayurveda ganz besonders! Denn die gesamte ayurvedische Heilkunst pflegt eine intensive Beziehung zum Kochtopf, durch die Nahrungsmittel und Gewürze dank der richtigen Zubereitung zu Heilmitteln werden. Für den Ayurveda-Anhänger oder -Patienten heißt dies häufig, dass die Küche zum neuen Lebensmittelpunkt wird. Jede ayurvedische Mahlzeit besteht aus frisch gekochten Speisen und selbst zur Einnahme eines Glases Wasser bedarf es laut Ayurveda des vorherigen Kochens, um eine positive Wirkung für das körperliche und geistige Wohlbefinden zu erzielen. Leider erweist sich die Umsetzung der gesunden und glücksversprechenden Ayurveda-Ernährungsempfehlungen in unserer Lebenskultur häufig als schwierig und widerspricht den Möglichkeiten bzw. Bedürfnissen des modernen, gestressten und berufstätigen Haushalts. Immer weniger Menschen können sich den Luxus erlauben, geregelte Mahlzeiten im trauten Kreis der Familie einzunehmen, die von einem sich liebevoll zuwendenden Menschen sorgfältig zubereitet wurden.

Glücklicherweise ist es nicht notwendig, die traditionelle Ayurveda-Küche mit ihren indisch geprägten und zeitaufwendigen Kochrezepten als Maßstab anzusetzen, sondern es langt, die wichtigsten Ernährungsprinzipien des Ayurveda in den eigenen Alltag zu integrieren. Dazu gehört es, auf die hochwertige (Bio-)Qualität von Nahrungsmitteln zu achten und diese durch eine bewusste Zubereitung zu lebendiger Nahrung für Körper, Geist und Seele werden zu lassen. Besonders die positive Energie beim Kochen fördert die heilende Kraft der täglichen Mahlzeiten und schenkt neue Lebensenergie. Denn wichtiger als alle Nahrungstabellen und Ernährungsregeln ist die Freude beim Kochen, die einen appetitanregenden Duft, ein verlockendes Aussehen und einen verführerischen Geschmack hervorzaubert.

Ein guter Koch versteht sich im Ayurveda als Alchimist der Lebensenergie. Mit seinem Wissen um die Heilkraft der Nahrungsmittel und Gewürze und seiner kreativen Kochkunst nimmt er direkten Einfluss auf die körperliche Gesundheit, die geistige Klarheit, emotionale Ausgeglichenheit und spirituelle Entwicklung für all die Menschen, für die er Nahrung zubereitet. Für andere kochen zu dürfen ist eine Ehre und eine Auszeichnung, die nur Menschen mit einem ausgeglichenen Bewusstsein zuteil werden dürfte.
„Personen, welche über die meisten Eigenschaften eines Arztes verfügen, sollten der Küche vorstehen. Die Mitarbeiter in der Küche sollten tugendhaft, liebevoll, sauber, loyal, geschickt, gehorsam, vital, fröhlich, diszipliniert und folgsam sein.“
(Zitat aus: Susruta Samhita KS, I, 14)

Grundlage der gesamten ayurvedischen Kochkunst und Ernährungstherapie ist die bewusste Abstimmung der sechs Geschmacksrichtungen, den Rasas, in die alle Nahrungsmittel, Kräuter und Gewürze eingeteilt werden. Die einzelnen Geschmacksrichtungen haben einen großen Einfluss auf die Bekömmlichkeit und die Umsetzung von Nahrung im Rahmen des Stoffwechsels und steuern ebenso unmittelbar die Stimmungslage und Gefühlswelt auf der psychischen Ebene. Sprichwörter wie „Sauer macht lustig“ oder „sich das Leben versüßen“ geben eine kleine Ahnung davon, wie die Geschmacksrichtungen auf der emotionalen Ebene wirken können. Sind alle sechs Geschmacksrichtungen in unserer Nahrung im ausgeglichenen Maße vorhanden, so wirken die Speisen automatisch besänftigend und harmonisierend auf das geistige und emotionale Gleichgewicht. Durch den gezielten Einsatz von Gewürzen und Nahrungsmitteln kommunizieren wir mit dem grob- und  feinstofflichen Körper und können direkten Einfluss auf das Gefühlsleben und den Geisteszustand des Menschen ausüben.

Emotionale Wirkung des Geschmacks
Wer mit der richtigen Ernährung vor allem seine spirituelle Entwicklung fördern will, der integriert die Empfehlungen der sattvischen Ernährung in sein Leben. Diese klassische Diät der Mönche ist nach den drei Gunas Tamas, Rajas und Sattva ausgerichtet und besteht aus einer ausschließlich vegetarischen Nahrung, die großen Wert auf Reinheit und Frische der Speisen legt und alle scharfen und anregenden Speisen meidet. Im Mittelpunkt der spirituellen Yoga-Ernährung steht das Gebet. Jede Mahlzeit wird mit großer Dankbarkeit für Gottes Gaben in Bewusstheit zubereitet und in Liebe eingenommen. In der sattvischen Ernährung essen wir am liebsten im Schweigen und halten uns streng an die Regel “der Magen sollte nur 2/3 gefüllt werden”. Als Maßstab dienen uns hierfür die beiden Handflächen, deren Füllmenge die Menge unseres Speisebreis ausmacht, die während einer Mahlzeit nicht überschritten werden darf. Ein zu üppiges Essen lenkt den Geist ab und bindet übermäßige Aufmerksamkeit an sich, während die etwas asketischere Lebensweise ein großes spirituelles Potential freisetzen kann. Basilikum, Kardamom, Ingwer und alle herben Kräuter harmonisieren  geistiges Ungleichgewicht und öffnen uns für die kosmische Energie. Sie sollten regelmäßig der sattvischen Nahrung zugefügt werden.

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Auch wer kein strenges Yoga-Leben führt, kann die sattvische Ernährung praktizieren: Die reine Ernährung befreit von psychischen Schlacken und bringt unterdrückte Gefühle an die Oberfläche. Gerade depressive oder traumatisierte Menschen sind oft mit “geistigem Ama” belastet und können dank der sattvischen Ernährung wieder in Kontakt mit sich Selbst kommen und sich von ihren Ängsten, Aggressionen und negativen Emotionen befreien. Sie erfahren neue Lebendigkeit und Klarheit, die ihnen mit Hilfe therapeutischer Anleitung die Kraft geben kann, alte Persönlichkeitsstrukturen abzulegen und neue Verhaltensformen in das eigene Selbstbild und Leben zu integrieren. Weniger sinnvoll hingegen ist es, die sattvische Ernährung ohne Anleitung auf Dauer zu praktizieren. Nur die wenigsten Menschen haben bereits den Bewusstseinsstand erreicht, um diese spezielle Ernährungsform langfristig gut zu verdauen. Wir benötigen dazu ein außerordentlich starkes Feuer und viel Lebensenergie. Ist dies nicht vorhanden, so schadet die sattvische Ernährung dem Organismus, da sie dann zu Verdauungsstörungen, Ama und Auszehrung führen kann.

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