In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Oder: Wie ein Stern die Freiheit allen Seins fand
Es war in Samarkant zur Zeit der großen Karawanen. Edelsteine, Düfte und Ideen wanderten von Hand zu Hand und von Mund zu Ohr. Namusch stand in seinem Laden, als dieser kleine, alte Mann über die Schwelle trat und schauerlich zu wehklagen begann. „Bei Allah, was weinst du, mein armes Väterchen? Komm, setz dich, hier hast du einen süßen Tee und feines Gebäck.“ Fürsorglich trat er zu dem Alten hin und reichte ihm Speise und Trank. Doch wider erwarten wurden die Gesänge des Jammers und der Tränen nur noch lauter und hoffnungsloser, bis das Lied des Leides dieses offensichtlich ärmlich erscheinenden alten Mannes abrupt abbrach und einer Eindringlichkeit Platz machte, die Namusch noch nie zuvor erfahren hatte. „Ich weine nicht meinetwegen, mein Söhnchen, ich weine deinetwegen. Doch all meine Tränen vermögen nicht die Mauern hinwegzuspülen, in die du dich gesperrt hast. So viel Schönheit sehe ich in deinem Laden, so viel Schönheit sehe ich in deinem Geist und deinem Herzen – und so viel Armut sehe ich in deinem Blick. Er hat die Weite verloren. Er sieht nur die gute Idee, die direkt vor ihm steht. Er sieht nur die gute Tat, die vollbracht werden muss. Verborgen ist ihm das Licht hinter den Sternen. Verborgen ist ihm die Herrlichkeit hinter dem Horizont.“ Nachdem der alte Mann dies gesprochen hatte, legte er sich rücklings auf den Boden, breitete die Arme aus und starb.

Erstaunt über das soeben Erlebte und von der Intensität dieses Augenblickes ergriffen, legte Namusch seine Hand an sein Herz. Er spürte etwas Seltsames, er konnte nicht sagen, was. Es war eine sanfte Erschütterung, gefolgt vom Gefühl einer unbestimmbaren Schwerelosigkeit, welche seinen ganzen Körper durchdrang und ihn für Sekunden in die Ewigkeit zu tragen schien, hin zu den Sternen ins All, ins All-All und ins All-All-All und noch weit darüber hinaus. Für Bruchteile eines Augenblickes begegnete Namusch sich selbst, in sich und außerhalb von sich – und gleichzeitig auch genau dazwischen. Er konnte nicht bestimmen, ob es sich gut anfühlte oder nicht. Es war großartig und einmalig, es war frei.

Im selben Moment ergriffen Namusch eine Angst und ein Schrecken. Er konnte nicht loslassen: „Was soll ich denn loslassen? Nein, nein, ich will nicht. Ich hab’ Angst“. So schoss es aus seinem Herzen und aus seinem Mund. Alle im Laden anwesenden erschraken sich über Namuschs rätselhaften Ruf. Sie erschraken mehr über die Kraft in diesem Ruf  als über den plötzlichen Tod des alten Mannes.

Seit diesem Augenblick war alles anders. Namusch spürte, dass der Alte ihm ein Tor geöffnet hatte, durch welches er nun schreiten müsste. Nichts und niemand würde in der Lage sein, ihn daran zu hindern. Schmerzlich wurde ihm bewusst, dass nur er es war, der Widerstand leistete. Dass nur er, was auch immer, nicht loslassen konnte.

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