In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Oder: Was ist Karma und worin liegt die Freiheit von Ursache und Wirkung?
Ich wende mich an dich, mein Freund, mit diesen Worten. Ich weiß, dieser Brief erscheint schwierig, dennoch ist es mir ein Anliegen, dir dies zu erzählen. Die Wortwurzel „kr“ bedeutet „etwas tun“, das Wort Karma erwächst aus dieser Wurzel. Freiheit von Karma ist die Freiheit von Ursache und Wirkung, die Freiheit vom Tun! Wenn dem so ist, wie erlangt man die Freiheit vom Tun?  Was soll das sein?

So ein komisches esoterisches „Nichthandeln im Handeln“ oder „der Weg ist das Ziel“, oder sonst eine platte Weisheit, die seit Jahrzehnten aus den Lautsprechern der spirituellen Jahrmarktsbuden dröhnen?

Vielleicht! Ja, es könnte sein! „Wird etwas zur Lüge, nur weil ein Schurke es im Mund führt?“ „Aber natürlich wird etwas zur Lüge, wenn ein Lügner es benutzt. Es sind nicht die Worte, die eine Bedeutung haben, es ist die Quelle, die die Bedeutung in sich trägt.“

„Was meinst du damit?“ „Das ist gar nicht so leicht zu erklären, doch vielleicht kannst du etwas von der Weisheit hinter meinen Worten greifen, schnappen, kauen und verdauen und so zu deinem Eigen machen“.

Die Freiheit, Kaivalya oder Moksha erreicht man nicht, indem man keine Bindungen eingeht und keine Verantwortung übernimmt, ganz im Gegenteil.

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Freiheit ist die Freiheit von der Diktatur deiner Launen. Die Freiheit von Lustlosigkeit,  Lieblosigkeit und Hass als treibende Kraft im Leben, das ist Freiheit. Es gibt einen Bereich außerhalb der Launen und der Lustlosigkeit, dieser Bereich ist das Himmelreich der Lust, der Liebe und des Lebens selbst. Um dort, in diesem Gewässer der Lust, deinen Anker werfen zu können, musst du einfach nur die Stille deines Herzens erfahren. Dies ist ein Bereich, in dem keine Laune Zutritt findet. Dies ist der Bereich purer Lust, puren Kama (Lust).

Doch mein Freund, verwechsle nicht Lust und Launen. Du musst nicht immer schlechte Laune haben, du kannst auch gute Launen in deinem Bewusstsein tanzen lassen. Auch gute Launen sind Launen. Es gibt einen Bereich jenseits der Launen, der Guten sowie der Schlechten, dies ist der Bereich der Lust, der Liebe, der Freiheit von allen Launen. Ein grandioser Zustand, in dem dir das Sein selbst begegnet. An diesem Ort, obwohl du dich nicht verlierst oder auflöst, wirst du zum Sein selbst. Dies ist der Bereich der Freiheit, ein Bereich, in dem deine Suche kein Ende sondern eine Erfüllung findet. Dies will tief verstanden und immer wieder erfahren werden. Deine Suche findet nie ein Ende. Es gibt kein Ende für einen Suchenden, es gibt nur Erfüllung. Doch die Erfüllung hängt nur selten mit dem Gegenstand der Suche zusammen. Die Erfüllung kommt zu dir, wie ein Blitz in tiefer Nacht.

Wenn du die Freiheit in der Erfüllung deiner Launen suchst, entsteht etwas sehr Eigenartiges, es entsteht Sucht.

So eigenartig es klingen mag, ein Spieler will nicht gewinnen, zumindest nicht unbedingt. Ein Spieler, der der Sucht, der Spielsucht verfallen ist, ist ihr deshalb verfallen, weil es die Möglichkeit auf den schnellen Gewinn gibt. Es ist nicht der Gewinn, der ihm die Erfüllung gibt, es ist die Möglichkeit auf den schnellen problemlosen Gewinn, die ihn immer weiter ins Tun verwickelt und so in die Sucht treibt. Würde er immer verlieren oder immer gewinnen, gäbe es keine Sucht.

Versuche, ob du den Punkt zu fassen bekommst. Der Punkt liegt darin, dass die Erfüllung kein Ende ist, kein Ende der Suche und auch kein Ende der Sucht.

Suchen und Handeln haben etwas gemein, sie finden kein Ende. Beide eröffnen aber einen Bereich – einen Bereich der Erfüllung. Dieser Bereich der Erfüllung liegt jenseits allen Suchens und jenseits allen Handelns.

Sucht und Launen haben in diesem Bereich keinen Zutritt. Ob nun gute oder schlechte Laune, ganz egal. Der Bereich der Erfüllung liegt jenseits von Karma. Er ist weder durch Handeln noch durch Nicht-Handeln zu erreichen. Es ist ein Bereich der Wunschlosigkeit, weil Suchen und Handeln eines werden.

Wollen und Tun verschmelzen zu einem Sein, zu einem erfüllten Handeln in einem freien Menschen, der erkennt, dass all seine Wünsche schon erfüllt sind. In diesem besonderen Zustand der Erfüllung der Lust erfährst du die Lust als eine strahlende Kraft der Liebe, die dich zuerst durchströmt und dann ins All trägt, um dich dort eins werden zu lassen mit Raum und Zeit, mit Ursache und Wirkung. Zu verschmelzen mit deinem Karma, mit deinem Schicksal.

Ob nun Spieler oder nicht, ob nun süchtig oder nicht, überwinde es nicht – erfülle es. Es  gibt kein Ende, es gibt nur Erfüllung. Es gibt ein Erblühen, ein Erblühen der Wesenheit. Diese Wesenheit ist Freiheit und du bist diese Freiheit.
Die freie Lust selbst, und nicht die Gebundenheit an deine Launen. Denn sonst erscheint dir die Welt als leidvoll und elendig und du verkörperst dieses Leid, dieses Elend und diese Sucht.

Das ist das Drama des Spielers. Er verkörpert genau dieses – die Sucht nach Erfüllung, doch er erreicht sie nicht, er verkörpert nur die Sucht und nicht die Suche. In der Erfüllung deines Karmas – deines Schicksals – erfährst du Lust und Freiheit.
In der Erfüllung deines Schicksals, wenn du genau hinschaust, erfährst du den Zusammenhang von Ursache und Wirkung, erfährst du die Erfüllung deines Karmas.

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