In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Rheuma ayurvedisch verstehen und behandeln

Rheuma wird im Ayurveda als Ama-Vata bezeichnet und als chronische Erkrankung der Gelenke im Körper, bzw. chronische Polyarthritis beschrieben. Durch ein schwaches Verdauungsfeuer (Manda-Agni) und falsche Ernährung ist der Stoffwechsel nicht in der Lage, die Nahrung vollständig zu verwerten, und es entsteht Ama (unverdaute Stoffwechselrückstände), welches sich in den Gelenken einlagert. Die Symptome von Ama Vata manifestieren sich in Form von intensiven Schmerzen (wie bei einem Skorpionbiss), Verdauungsstörung, Appetitlosigkeit, Herzbeschwerden sowie Verformungen,  Schwellungen oder Kontraktur der Finger, Hände und Füße.

Als weitere Ama-Vata-fördernde Krankheitsfaktoren nennt die klassische Ayurveda-Literatur ungesunde Lebensgewohnheiten, allen voran übermäßige und zu häufige Nahrungsaufnahme (Völlerei), Tagesschlaf sowie exzessive sexuelle oder sportliche Aktivitäten direkt nach dem Essen.

Ayurveda-Hausapotheke bei Ama-Vata-Beschwerden

Getrockneter Ingwer (Shunti) und gekochter Knoblauch sind die wichtigsten Gewürze, um Vata-Ama-Beschwerden diätetisch zu begleiten. Sie sollten in jeder Hauptmahlzeit enthalten sein.

Die Behandlung der rheumatischen Beschwerden ist ausgesprochen komplex. Aufgrund der Ama-Bildung sind Ölmassagen sowie die Einnahme von öliger, klebriger, schwerer, saurer und sehr feuchter Nahrung stark kontraindiziert. Besonders Joghurt, Käse und andere fermentierte Milchprodukte sind aufgrund ihrer blockierenden Eigenschaft (abhishyandi) untersagt und sollten im Speiseplan gemieden werden. Ebenso abzuraten ist auch von fettigen und frittierten Speisen sowie sauren Früchten wie Zitrusfrüchte, Beeren, Ananas und Tomaten.

Die ayurvedische Primär-Literatur Charaka-Samhita enthält eine genaue Nahrungsmittelliste und strenge Anleitungen für eine Anti-Ama-Diät bei rheumatischen Beschwerden. Diese basiert auf der sanften Anregung des Stoffwechsels zur Reinigung und Beseitigung von Stoffwechselschlacken mittels einer Fastenkur (Langhana) mit Mungdalsuppe und Reisbrei. Ergänzend dazu werden Ama-reduzierende Kräuter und Rezepturen eingesetzt. Hier zeigen nun Ingwer und gekochter Knoblauch als Gewürz in der Linsensuppe und etwas Pippali (langer Pfeffer) mit etwas Honig vor dem Mittagessen eine sehr gute Wirkung.

Während der Reinigungskur sollten körperliche und mentale Anstrengungen, kalter Wind und alle öligen Substanzen (innerlich und äußerlich) gemieden werden. Am besten ist es, ein 2–3- tägiges Fastenprogramm durchzuführen und dies mit ausgleichender Bewegung (Yoga oder kleine Spaziergänge) und trockenen Wärmeanwendungen in Form von Wickeln oder Kirschkissen zur lokalen Anti-Ama-Therapie zu ergänzen.

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Wichtige Ernährungsempfehlungen bei Rheuma und rheumatoider Arthritis

Zu vermeiden sind:

  • Joghurt, Käse, Quark. Diese beinträchtigen aufgrund ihrer srota-blockierenden Wirkung (abhishyandi) Meda- und Mansa-Dhatus und sind stark kontraindiziert.
  • kalte Speisen und Getränken
  • fettige und schwer verdauliche Nahrung, wie Käse, Süßigkeiten
  • saure Speisen wie Essig, Zitrusfrüchte, Beerenfrüchte, Tomaten, fermentierte Milchprodukte
  • tierische Produkte, insbesondere Fleisch und Wurst
  • Stimulanzien wie Alkohol, Nikotin und koffeinhaltige Getränke
  • Aufgewärmte Speisen, Konservierungsstoffe, Farbstoffe, größere Mengen an Industriezucker, Tiefkühlkost
  • unverträgliche Nahrungsmittelkombinationen (Viruddhahara), die Ama erzeugen: Milch nicht in der Kombination mit Fisch, Fleisch, Früchten, Blattgemüsen, Rettich, Wein, Sesamsamen, Sesamöl und Senf
  • Generell sollte Nahrungsmittel mit intensiv süßem, saurem und salzigem Geschmack im Übermaß gemieden werden

Vorsicht Stress – wie die Psyche unseren Bewegungsapparat beeinflusst

Nicht zu unterschätzen ist die psychische und psychosomatische Komponente bei den Beschwerden des aktiven und passiven Bewegungsapparats. Alle Emotionen und mentalen Störungen wirken direkt auf die Körpergewebe – wie Muskeln (Mamsa), Knochen (Asthi) und Nerven (Majja) – ein. Leiden wir unter muskulo-skelettaren Problematiken, so vermindert dies auch die psychische Belastungsfähigkeit, mentale Kraft und Stress-Resistenz.

Oftmals sind psychische Belastungen der auslösende Faktor für eine Vata-Erkrankung des Bewegungsapparats. Interessanterweise sind es aber nicht immer nur Stress, Anspannung und Überlastung, die zu Schmerz, Verspannung und Verschleiß führen. Auch unerfüllte Bedürfnisse und ein Mangel an typischen Vata-Vorlieben – wie kreativen Tätigkeiten, körperlicher Berührung und offener Kommunikation – können zu Rückenbeschwerden und Bewegungseinschränkungen führen. Frei nach dem Motto: Ist die Persönlichkeit in ihrem dynamischen Selbstausdruck eingeschränkt, so zeigt sich die Lähmung gleichzeitig auf geistiger und körperlicher Ebene. Für viele Menschen ist es deshalb wichtig, neben einer Ernährungsumstellung auch über ihr Leben neu nachzudenken: Um körperliche Mobilität und Dynamik genießen zu können, braucht es auch eine psychische Beweglichkeit. Wer unter ernährungsbedingten Stoffwechselrückständen (Ama) leidet, die seinen Körper lähmen, der leidet häufig auch unter mentalem Ama, welches unverdauten Erinnerungen und Erlebnissen der Vergangenheit entspringt.

Gleichzeitig ist auch das Übermaß an Flexibilität und Dynamik ein nicht zu unterschätzender Krankheitsfaktor. Befindet sich unser Alltag im stetigen Chaos oder Stress und haben wir den Ruhepol unserer Work-Life-Balance verloren, so ist es kein Wunder, wenn das stabile Gerüst unseres Bewegungsapparats leidet und verschleißt. Nun helfen regelmäßige Rituale, die uns nähren und stärken – von sanften Yoga- und Atemübungen zum Stressabbau bis zur warmen Gemüsesuppe mit Vata-reduzierenden Gewürzen am Abend. Hauptsache es wird eine stetige Gewohnheit, die unserem Leben neuen Rhythmus und Stabilität verleiht.

Infos

Buchtipp:

Kerstin Rosenberg & Prof. Dr. Tanuja Nesari: Ayurveda heilt. Ernährung als Medizin, Südwest Verlag

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