Ayurveda im Westen boomt. Immer mehr Hotels erkennen, dass sie mit der Jahrtausendalten Wissenschaft fürs Leben gute Geschäfte machen können. Dabei war Ayurveda ursprünglich als Medizinprophylaxe für arme Menschen in Indien und Sri Lanka gedacht, die darauf achten mussten, solange wie möglich einen gesunden Körper zu haben, weil sie sich einen Arzt nicht leisten konnten. Leider befinden sich auf dem Markt aber auch viele unseriöse Anbieter, die Ayurveda zu hohen Preisen verkaufen, ihre Kunden aber von unzureichend ausgebildetem Personal behandeln lassen. Aber gewisse Richtlinien sind bei der Auswahl einer Ayuvedaklinik, Ayurvedakur, eines Ayurvedawellnessurlaubs oder einer Ayurvedabehandlung notwendig. Reinhart Schacker, Dozent vom SEWA Institut in München und Ayurvedischer Gesundheitstherapeut im Hotel Sonnhof in Hinterthiersee in Tirol, gibt Tipps, worauf man achten sollte

YOGA AKTUELL: Ist es überhaupt sinnvoll, ayurvedische Anwendungen im Westen zu machen?

Reinhart Schacker: Für Menschen, die noch nie in Indien oder Sri Lanka waren, ist es sinnvoll, eine Ayurvedakur im Westen zu machen. Die klimatischen Bedingungen, die Art der Ernährung, aber auch eine gewisse Laxheit in bezug auf hygienische Bedingungen, können eine große Beeinträchtigung beim Erfolg einer Kur in Indien sein. In indischen Krankenhäusern oder Kureinrichtungen ist auch nicht immer gewährleistet, dass die Ärzte oder Therapeuten auf die Befindlichkeiten und Wesenszüge der Europäer eingestellt sind. Auf Sri Lanka in den großen Kur-Touristenzentren ist dies meist gegeben.

Ein weiterer Aspekt ist der Klimawechsel. Selbst wenn man die kühlere Jahreszeit in Indien (November bis Januar) für eine Kur wählt, kann der Kälteschock bei der Rückkehr in unsere Breitengrade eine nachteilige Wirkung auf die Gesundheit haben. Außerdem gibt es inzwischen im Westen sehr gute Ayurvedakureinrichtungen mit fachlich hervorragend ausgebildeten Therapeuten. Den Vorteil für eine Kur im Westen sehe ich darin, dass man die Kur in der gewohnten Umgebung machen kann, ohne großen Reisestress und Umstellung auf fremdes Klima, fremde Ernährung etc. in Kauf zu nehmen, die für den Körper ja doch gewisse Stressfaktoren darstellen.

Worauf sollte man bei der Auswahl der Anwendungen Ihrer Meinung nach achten?

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Reinhart Schacker: Normalerweise entscheidet der Klient bei einer Ayurvedakur nicht selbst über seine Anwendungen. Diese werden von einem ayurvedischen Arzt oder gut geschulten Ayurveda-Therapeuten in einem Therapie- oder Kurplan festgelegt. Die Anwendungen müssen in Einklang mit der ayurvedischen Konstitution (Prakriti) und der Art der Erkrankung oder Störung des Klienten sein. Dabei ist es wichtig, bei der Auswahl der Kureinrichtung darauf zu achten, dass entweder ein Ayurvedaarzt oder ein gut geschultes Ayurvedapersonal vor Ort ist.

Die Anzahl der Ayurveda-Anbiter steigt. Woran erkenne ich den Unterschied zwischen einer profunden Ayurvedakur und einem Hotel, bzw. einer Klinik, die Ayurveda nur anbietet, um Profit daraus zu schlagen.

Reinhart Schacker: Das erste Merkmal ist, dass ein ayurvedischer Arzt vor Ort ist, der einen Kur- bzw. Therapieplan festlegt und geschulte Therapeuten, die die Einhaltung des Plans strikt befolgen. Ein weiteres Merkmal für eine seriöse Kureinrichtung ist für mich, dass begleitend zur Kur, Informationen über die ayurvedische Medizin und ihre Behandlungsformen gegeben werden, z.B. durch Vorträge. Außerdem ist es wichtig, dass der Klient ausreichende Beratung in Bezug auf ayurvedische, typengerechte Ernährung und Lebensführung bekommt. In einer Kureinrichtung, wo sich der Patient aussuchen kann, welche Anwendungen er bekommt, und es ihm freigestellt ist, an welchen Tagen er die Behandlungen bekommt, vor allem, wenn diese ohne Therapieplan erfolgen, glaube ich nicht, dass man von einer seriösen ayurvedischen Kur sprechen kann.

Wie lange sollte eine ayurvedische Anwendung hier im Westen mindestens dauern, um erfolgreich zu sein?

Reinhart Schacker: Die Dauer einer erfolgreichen Kur richtet sich nach der Konstitution und der Art der Störung des Klienten. Da dies im vorhinein selten festgestellt werden kann, empfehle ich eine Mindestdauer von 10 Tagen und eine Idealdauer von 21 Tagen. Geht es um eine Ayurveda-Wellness-Kur zum Wohlfühlen und Erholen, so ist eine Zeit zwischen 7 und 10 Tagen ausreichend. Allerdings empfehle ich, sich diese Kur zweimal im Jahr zu gönnen. Liegen ernsthaftere Dosha-Störungen vor oder kommt der Patient mit einem Therapiebefund seines Arztes, so sollte die Kur nicht unter zwei Wochen dauern.

Was ist der Unterschied zwischen Ayurveda-Wellness und Ayurveda-Kuren?

Reinhart Schacker: In der ayurvedischen Therapie gibt es zwei grundliegende Therapieformen: Purva-Karma: Hierbei stehen Ölanwendungen und Schwitzen im Vordergrund. Dies ist die Form, die im Westen als Wellness-Kuren bekannt geworden sind. Der Sinn dieser Kur ist, gestörte Doshas zu beruhigen und auszugleichen, sodass keine Symptome mehr spürbar sind. Die Therapie ist nicht so tiefgreifend und es tritt ein schnellerer Erholungseffekt ein. Allerdings ist diese Art der Kur nicht so nachhaltig und lang andauernd, da die Symptome, sprich die gestörten Doshas, ja nicht aus dem Körper entfernt wurden und daher kann es schneller zu erneuten Beschwerden kommen.

Pancha-Karma: Hierbei stehen neben Ölen und Schwitzen die Ausleitungsverfahren im Vordergrund. Dabei werden die gestörten Doshas aus dem Körper eliminiert und man erreicht dadurch eine tiefergreifende Heilung und einen nachhaltigen Gesundungseffekt. Da diese Art der Therapie sehr tief in den Körper eingreift, ist sie natürlich belastender für den Körper und es muss eine ausreichende Zeit für Regeneration und Aufbau im Anschluss an die Kur eingehalten werden. Daher sollte eine solche Kur im Idealfall 21 Tage dauern. Bei beiden Therapieformen können begleitend ayurvedische Arzneimittel, eine gesunde typengerechte Ernährung und eine liebevolle Betreuung durch die Therapeuten den Erfolg verstärken.

Muss unbedingt ein indischer Arzt in einem Haus sein, welches Ayurveda anbietet, oder können deutsche Ärzte die Essenz des Ayurveda ebenfalls verinnerlichen?

Reinhart Schacker: Für eine Pancha-Karma Kur sollte in der Kureinrichtung auf jeden Fall ein ayurvedischer Arzt vor Ort sein. Es muss nicht zwangsläufig ein indischer Arzt sein, da ich glaube, dass manche deutsche, bzw. westliche Ärzte sehr wohl in der Lage sind, die Essenz des Ayurveda zu verinnerlichen. Ein indischer Arzt wird natürlich für die ganze Atmosphäre der Einrichtung vom großen Vorteil sein, da für ihn die ayurvedische Medizin auch zugleich Philosophie und Religion seiner Heimat beinhalten. Für eine Wellness-Kur denke ich, dass nicht unbedingt ein Ayurvedaarzt vor Ort sein muss, auch wenn dies ein großer Vorteil ist. Es müssten aber auf jeden Fall fundiert ausgebildete ayurvedische Therapeuten vor Ort sein, und die Kureinrichtung muss mit einem örtlichen Arzt zusammenarbeiten, der im Falle von Problemen wie allergischen Reaktionen z. B. auf Öle, sofort zur Verfügung steht.

Vielen Dank für das Interview.

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