Ganzheitliche Empfehlungen für die geriatrische Pflege – angesichts der demografischen Entwicklung ein immer wichtigeres Thema.
Laut Ayurveda ist Altern ein natürlicher Bestandteil des Lebens und führt durch einen ausgewogenen Lebensstil auf gesunde Weise zu Erfüllung und Vollendung des irdischen Seins (purushartha catushtaya – dharma, artha, kama und moksha).

Diese Aussage können in der heutigen Zeit sicherlich nur wenige alte Menschen bestätigen, denn die Degeneration unserer Gesellschaft und unseres Gesundheitswesens zeigt sich am auffälligsten in der Geriatrie. Ein explodierender Kostenapparat, unzureichende Pflegekonzepte und demografische Horrorvisionen einer überalterten  Bevölkerung lassen uns im wahrsten Sinne des Wortes „alt aussehen“. So gehen die Demografen davon aus, dass die sich unmittelbar ergebende Folge aus dem anhaltenden weltweiten Rückgang der Fruchtbarkeit sowie der Sterblichkeit im höheren Alter einen der markantesten globalen, demografischen Trends des 21. Jahrhunderts bildet, der nicht nur Gesundheitsstand, sondern auch sozioökonomische Modelle in der ganzen Welt beeinflusst und gewichtige sozioökonomische und gesundheitliche Konsequenzen mit sich bringt (siehe Tabelle).

Doch in dieser Krise liegt auch eine große Chance für den Ayurveda! Denn die ayurvedischen Therapieansätze (rasayana tantra) für die Pflege und Geriatrie sind vergleichsweise kostengünstig, effizient und praktikabel. Einfache Maßnahmen der Ernährungsmodifikation, Massage- und Öltherapie, natürliche Kräuterpräparate und Yoga fördern die körperliche und geistige Lebensqualität im Alter nachhaltig. Mit warmen und frisch gekochten Gemüsesuppen statt Fertignahrung auf Rädern, mit Öleinläufen statt Abführmitteln und mit Brahmi und Ashvagandha als ayurvedische Nahrungsergänzungsmittel (medhya rasayanas) für die körperliche und geistige Vitalität werden seit Jahrhunderten viele Krankheitsbilder des Alters vermieden oder gelindert. Den zukunftsträchtigen Wert der traditionellen Ayurveda-Heilkunde in der Geriatrie hat auch die indische Regierung erkannt und mit AYUSH (Department of Ayurveda, Yoga & Naturopathy, Unani, Siddha and Homoeopathy) des Ministeriums für Gesundheit und Familienfürsorge eine nationale Kampagne zur Bekanntmachung von Ayurvedas Stärke in der geriatrischen Gesundheitsfürsorge ins Leben gerufen.

Als Lehre vom langen Leben bietet Ayurveda einen Schatz der geriatrischen Pflege und beschreibt detailliert das Muster des sequenziellen Verlusts an biologischer Stärke mit fortschreitendem Alter. Durch die Kombination von aufbauenden Rasayana-Therapien mit sanften Reinigungsmethoden (pancakarma), gesunder Diätetik, speziellen geriatrischen Empfehlungen für die Lebensführung (svasthavrtta, sadvrtta, yoga) und Einsatz spiritueller Therapiemethoden (sattvavajaya) ist es möglich, eine ganzheitliche geriatrische Versorgung anzubieten. Diese schafft zwar keine „Krankheitsfreiheit“ um jeden Preis, legt aber vielmehr ein Augenmerk auf die psychischen und spirituellen Komponenten der menschlichen Existenz und fördert damit ein Lebensende in Lebensqualität und Würde.

Hierbei profitiert nicht nur das Wohl des geriatrischen Patienten von den gesundheitsfördernden Maßnahmen, bzw. alternativmedizinischen Ayurveda-Wegen, sondern auch die versorgenden Pflegepersonen können während der Anwendung mehr Immunität, Leistungsstärke und innere Gelassenheit gewinnen. Gerade für die familiäre Pflege ist dieser Aspekt ein unschätzbarer Wert, denn weit mehr als die Hälfte der alten Menschen werden im häuslichen Umfeld gepflegt und überfordern damit häufig ihre Angehörigen. Die eigene Familie stellt aus ayurvedischer Sicht zwar die beste und heilsamste Umgebung für den alten Menschen dar, doch die großen körperlichen und mentalen Belastungen der Pflegeaufgaben machen die dafür Verantwortlichen oft selbst krank. Alle praktischen Ayurveda-Empfehlungen für die tägliche Ernährung und Körperpflege stärken nicht nur den alten, pflegebedürftigen Menschen, sondern wirken auch für die Betreuenden bei Stress, Überlastung und Immunschwäche regenerativ und aufbauend.

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Auch die hiesigen Gesundheitsbehörenden sind überraschend aufgeschlossen für neue, ganzheitliche Wege in der Altenpflege: In Österreich wurde vom Gesundheitsministerium eine Ayurveda-Weiterbildungsverordnung für Altenpfleger und Pflegehelfer verabschiedet. Und in Deutschland gibt es konkrete Projekte auf regionaler Ebene (z.B. im Main-Kinzig-Kreis, Hessen), ayurvedische Gesundheitsfürsorge und Therapieansätze in die ambulante und stationäre Altenpflege zu integrieren. „Wenn Ayurveda eine Chance hat, in die gesetzlichen Krankenkassen zu gelangen, dann über die Geriatrie  und Pflege“, prophezeit Dr. R. Schlesinger, Direktor des Wiener Büros der Europäischen Gesellschaft für Qualitätsmanagement und Patientensicherheit (ESQH) auf einer Podiumsdiskussion zum Thema anlässlich des 10. internationalen Ayurveda-Symposiums in Birstein. Diesem Hinweis sollten wir folgen!

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