Das Element Feuer spielt in den überlieferten Medizinsystemen eine große Rolle; die klassischen vier Elemente wurden immer zu Heilzwecken benutzt. Jedoch gründet ein System ganz speziell in einem tiefen Verständnis der biologischen Feuer des Menschen, nämlich der „Ayurveda“, das traditionelle Naturheilsystem Indiens, sozusagen der therapeutische Zweig von Yoga und Veden, der Tausende von Jahren auf vedische Rishis, wie Bharadvaja, zurückgeht

Ayurveda bedeutet »(Lebens-)Weisheit« (veda) und »langes Leben« (ayur). Ayurveda ist ein vollständiges Naturheilsystem, das Nahrungsmittel, Kräuter, Körperarbeit, Yoga und Meditation zur körperlichen wie psychischen Heilung einsetzt. Er betrachtet das Bewußtsein als die primäre Kraft im Universum und alles, was wir tun, unter dem Gesichtswinkel, ob es Gesundheit oder Krankheit, Ganzheit oder Aufsplitterung fördert. Dabei bietet der Ayurveda nicht einfach nur menschbezogene Medizin und Therapie. Er sieht vielmehr die menschliche Gesundheit innig verbunden mit der Qualität der Umgebung und den Kräften der Natur, und letztere als solche eines größeren universalen Lebens und Bewußtseins. Er erkennt, daß epidemische Krankheiten, machmal ganze Zivilisationen zerstörend, entstehen müssen, wenn – vor allem – Erde, Wasser, Luft oder Jahreszeiten-Rhythmus stark beschädigt werden.

In dieser Hinsicht betrachtet Ayurveda unsere gegenwärtige Zivilisation als aus der harmonischen Balance mit der Natur gefallen – als eine erkrankte Gesellschaft, die Gesundheitsprobleme auf individuellem, kollektivem und planetarischem Niveau zwangsläufig verursacht. Wir haben eine ökologische und umweltsmäßige Tendenz hin zur globalen Krankheit geschaffen, die sich aktuell manifestieren muß, falls wir unsere gesellschaftlich gestanzten Lebensstile nicht ändern. Unser medizinisches System wird nicht in der Lage sein, mit den uns allseits umdrängenden Gesundheits- und Umweltsbedrohungen fertig zu werden, wenn es nicht sowohl eine ökologische wie auch ein spirituelle Wahrnehmung integriert.

Ayurveda und Agni, das heilige Feuer der Heilung
Im Rig Veda, dem ältesten vedischen Text, wird »ayur« als Agni oder Feuer, Substanz unserer Seele und Lebensessenz  definiert. Ayurveda ist also nicht nur die ‚Feuer-Medizin’, sondern die ‚Medizin der Seele’. Und sie definiert den Zustand des Wohlseins und der Gesundheit als Harmonie mit unserer inneren Seele und der Seele des Universums nicht nur als Abwesenheit von physischer Krankheit.

Wenn wir uns vor Augen halten, daß unser Leben ein heiliges Feuer ist, so schafft allein diese Vergegenwärtigung ein Erkennen, das uns mit dem gesamten Universum harmonisiert. Da die Seele das Bewußtseinsprinzip in uns darstellt, ist Ayurveda auch eine ‚Medizin des Bewußtseins’, deren grundsätzliches Axiom besagt: Nur was wir mit achtsamem Gewahrsein tun, kann uns wirklich heilen. Jede wahre Heilung wird durch Pflege, Liebe und Bewußtsein vermittelt. Das Bewußtsein ist letztlich die heilende Kraft, das wirklich heilende Feuer.

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Ayurveda betrachtet Agni (Feuer) auf der körperlichen Ebene als Schlüssel zu allen physiologischen Prozessen, vom Zellstoffwechsel bis zur Wahrnehmung im Gehirn; denn all diese Prozesse beinhalten die Verbrennung von Energie und die Erzeugung von Licht. Er bewertet das Verdauungsfeuer, das jatharagni genannte ‚Feuer im Bauch’, als die Basis der körperlichen Gesundheit. Wird das Verdauungsfeuer beständig und rein am Brennen erhalten, so ist die Gesundheit garantiert: Die Nahrung wird angemessen verdaut, die Körperzellen und Abfallstoffe bilden sich normal und die nötige Energie wird erzeugt, um alle Krankheitserreger, die von außen kommen mögen, abzuwehren.

Neben dem Verdauungsfeuer sieht Ayurveda das ‚Lebens- oder Prana-Feuer’ (pranagni) als Schlüssel zur Heilung auf der energetischen Ebene. Wenn unsere Atmung tief und voll, ruhig und beständig ist, dann wird unsere Vitalkraft in allen körperlichen Systemen und in den geistigen Fähigkeiten ein harmonisches Gleichgewicht schaffen und erhalten. Die Lebenskraft ist eine Kraft der Natur, die uns die Heil-Energien des Alls vermittelt. Sie trägt in sich die natürliche, intelligente Selbstheilungsfähigkeit, die auch zuständig ist für die wundervoll verwobene Ordnung unseres Organismus’ und seiner erstaunlichen Fähigkeit, sich selbst von Verletzung wie Erkrankung zu kurieren. Solange wir unser eigenes Heilungsfeuer nicht beherrschen, kann uns nichts anderes wirklich helfen.

Bei meiner eigenen Arbeit als ayurvedischer Heiler betone ich immer die Rolle, die Agni als der wesentlichste Gesundheitsfaktor spielt. Ayurveda und Naturheilverfahren sind einfach und leicht anwendbar, sowie die Patienten mit ihren unterschiedlichen Agnis in Kontakt treten und ihre inneren Feuer der Verdauung, der Atmung und des Geistes verstehen und regulieren können. Ich nenne das ‚Agni-Ayurveda, Feuer-Ayurveda’ oder ‚Feuer-Medizin’, was sehr wahrscheinlich die ursprüngliche Form von Ayurveda darstellt.

Wir können das Verhalten unseres digestiven Feuers aufgrund der Gegebenheiten unseres Appetits, der Verdauung und der Ausscheidung mühelos feststellen. Wir können die Qualität unseres Lebensfeuers aufgrund unserer Atmungsweise, unserer Stärke, Energie und Ausdauer diagnostizieren. Wir können den Zustand des geistigen Feuers bestimmen, indem wir unsere Wahrnehmungsschärfe, unsere Denkkraft und unsere Fähigkeit, mit emotionalen Herausforderungen umzugehen, kritisch betrachten.

Du kannst deine eigenen Merkmale in solcher Weise überprüfen: Wenn dein Appetit normal und nicht übermäßig ist, deine Verdauung und Ausscheidung glatt und regulär verläuft, wenn vor allem dein Atem angenehm und die Zunge nicht belegt ist, dann funktioniert dein digestives Feuer optimal.

Wenn du tief und voll, ohne Husten oder Keuchen atmest, wenn dein Blut gut zirkuliert, du Kraft in den Beinen und Händen und Krankheitsresistenz hast, dann funktioniert dein Lebensfeuer optimal.

Wenn deine Sinne scharf sind, deine Denkkraft präzise ist und du mit dir selbst im Frieden bist, dann funktioniert dein geistiges Feuer optimal.

Je nachdem wie diese drei biologischen Feuer beschaffen sind, können wir durch Diät, Kräuter, Übungen und Meditation regulierend eingreifen, auf daß sich für uns das ganze Potential unseres Lebens entfalte.

In der normalen Anwendung strebt Ayurveda danach, die drei doshas oder humoralen Säfte vata (was weht, bläst), pitta (was kocht) und kapha (was klebt) ins Gleichgewicht zu bringen. Die drei doshas repräsentieren die vitalen Energien der drei Elemente Luft (vata), Feuer (pitta) und Wasser (kapha); sie schaffen den physischen Körper und prägen unsere individuelle Konstitution jeweils unterschiedlich, so daß luftige (vata), feurige (pitta) und wässrige (kapha) Persönlichkeitstypen entstehen. Die Patienten folgen den ayurvedischen Empfehlungen hinsichtlich Diät und Lebensweise oder unterziehen sich spezifischeren Therapien, um Ungleichgewicht oder toxischen Konditionen der doshas entgegenzuwirken.

Doch steht Agni immer als dominierender Faktor hinter den drei doshas, wie folgt:

  • VATA bzw. der biologische Luftanteil ist die pranische oder bio-elektrische Kraft, die aus Agni entspringt.
  • PITTA bzw. der biologische Feueranteil ist die vitale Substanz, sozusagen das brennbare Öl, das Agni im Körper hält.
  • KAPHA bzw. der biologische Wasseranteil macht den größten Teil unserer Körpergewebe aus und dient somit als Behälter und Unterstützung dieses inneren Feuers.

Die drei doshas leiten sich aus Agni ab und können mit dessen Hilfe behandelt werden. Vata-Menschen müssen ein beständigeres inneres Feuer kultivieren, um so die Vata-Energien, die zur Unbeständigkeit neigen, zu stabilisieren. Pitta-Typen müssen ihr Feuer dämpfen, da es naturgemäß dazu tendiert, exzessiv zu brennen. Kapha-Typen brauchen ein größeres inneres Feuer, um übermäßiges Gewicht und Wasser, das sie anzusammeln neigen, zu verbrennen.

Da wir Agni-Wesen und mit einem Agni-Körper versehen sind, stellt sich die Regulierung unserer inneren Feuer als entscheidender Faktor unseres Glücklichseins und Wohlergehens dar. Indem wir also lernen, unsere oder Agnis auf körperlicher, pranischer und mental-psychologischer Ebene zu regulieren, können wir uns mit der tiefsten Agni-Dimension, der Seele im Herzen, der Flamme, die all unsere biologischen Feuer speist,- in Verbindung setzen. Dies fördert nicht nur die Gesundheit, sondern öffnet auch die Quellen der Kreativität und verhilft zur Verjüngung.

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