In Zeiten, in denen wir so gerne darüber sprechen und in den sozialen Netzwerken teilen, wie gut es uns geht, wie schön das Leben ist, welches Asana wir perfekt beherrschen und wieviel wir reisen, könnte man glatt vergessen, dass es auch Tage gibt, die weniger toll sind. Diese Tage, die viele von uns am liebsten aus dem Kalender streichen wollen, sind es aber gerade, die das Leben erst interessant machen. Wie dich Krisen weiterbringen können, wenn du sie annimmst und dem Leben folgst, so wie es ist, erfährst du hier.

Wie Glück funktioniert

Glück ist nichts, dass man erreicht und dann für immer besitzt, es ist kein ständiger Seinszustand. Glück ist vielmehr dynamisch, fließend und vor allem frei. Somit kann man miese Tage erleben und dennoch vollkommen glücklich sein.

„Misserfolg, Gegenwind und Unglück sind untrennbar mit dem verbunden, was wir sind. Nur wenn du miese Tage akzeptieren kannst, können Yin und Yang im Gleichgewicht sein. Dann kannst du sagen, dass du dein Leben in vollen Zügen lebst. Miese Tage inklusive! Ein Leben, in dem wir bereit sind, die weniger guten Tage zuzulassen, und in dem wir es wagen, uns gut und schlecht zu fühlen, ist ein ganzheitliches Leben oder wie ich es nenne, ein inklusives Leben.“

Eveline Helmink

Life Hacks vs. Soul Hacks

So genannte Life Hacks, kleine Tricks und Funktionen, die uns das Leben erleichtern, stehen im Bereich des Alltagslebens bereits seit Jahren hoch im Kurs. Doch manchmal braucht es mehr als eine ausgeklügelte Funktion für mehr Effizienz im Leben, manchmal, gerade an den weniger guten Tagen braucht es stattdessen Soul Hacks, kleine Abkürzungen hin zu mehr Hingabe, Balance und Zufriedenheit. Eine kleine Auswahl findest du hier. Sie stammen aus dem Handbuch für miese Tage von Eveline Helmink.

1. Es lebe die Langeweile!

Langeweile ist anders als Meditation oder Ruhe, denn dafür nehmen wir uns Zeit und richten unsere Aufmerksamkeit darauf. Wenn wir uns langweilen, ist da nichts, das unsere Aufmerksamkeit verdient, nichts, das uns Energie gibt. Langeweile bedeutet Stillstand. Wir leben von einer Erfahrung zur nächsten und möchten, dass immer etwas Aufregendes passiert, das uns stimuliert – aber nein, das Leben ist langatmig und uninteressant. Doch gerade weil wir ein Leben mit einer Flut von Reizen führen, kann Langeweile absolut nicht schaden. Denn was leer ist, kann sich, mit etwas Geduld, füllen. Mit Reflektion, Tagträumen, Kreativität oder einfach Akzeptanz, dass es nichts gibt außer dem, was da ist. Wenn du einen miesen Tag hast, lass Langeweile zu. Du wirst sehen, dass sich etwas verändert, wenn du dich einfach entspannst, und sei es nur etwas Kleines.

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2. Shavasana üben

Shavasana ist eine Wohltat für den gestressten Körper: Die Herzfrequenz sinkt, die Verkrampfungen in den Muskeln lösen sich, und der Körper kann sich auf seine primären Aufgaben konzentrieren wie Nähren, Entgiften und Heilen. Shavasana ist aber vor allem eine mentale Übung. Wenn es dir gelingt, dich ganz tief zu entspannen, fühlt es sich an, als würde dich die Erde tragen. Totale Hingabe und tiefe Entspannung sind alles andere als einfach, besonders an miesen Tagen, doch die Übung lohnt sich. Shavasana wird nicht umsonst die Totenstellung genannt: Jedes Mal wenn wir eine irdische Sorge loslassen sterben wir ein kleines bisschen. Alles, was lebt, entsteht aus dem, was zuvor gestorben ist – Leben und Tod sind untrennbar miteinander verbunden. Wenn du etwas loslässt, tritt etwas Neues an seine Stelle. Vertraue diesem Prozess. Shavasana kann wie eine Entladung negativer Energie wirken.

3. Den Schmerz aussitzen

Den Schmerz aussitzen – gelegentlich ist das die Aufgabe, wenn du einen schlechten Tag hast. Und dann ist es erledigt. Genau wie bei einem Gewitter, wenn man nirgends anders hin kann. Als ob man von den eigenen Gefühlen eingeschneit wurde. Den Sturm vorbeiziehen zu lassen ist nichts anderes als deine Gefühle ihren Job machen zu lassen. Einfach weiteratmen und die Gefühle zulassen. Das ist alles. Dies ist absolut keine schöne Übung. Sie ist jedoch nützlich und heilsam. Schmerz zu betäuben oder wegzudrücken, hat keinen Sinn.

4. Im Hier und Jetzt leben

Der bekannteste Vertreter der Kraft der Gegenwart ist zweifelsfrei Eckhart Tolle, der zu diesem Thema internationale Bestseller schrieb. Seine These lautet, Zeit ist eine Illusion und der einzige Weg Erleuchtung zu finden, besteht darin, im gegenwärtigen Moment vollständig präsent zu sein. Im Hier und Jetzt zu sein kann eine ziemlich relativierende Wirkung haben, trösten und Ärgernisse kleiner erscheinen lassen. Doch manchmal ist es nicht leicht, in der Gegenwart zu leben, das ist nicht seltsam oder etwas, bei dem man sich schlecht fühlen sollte. An miesen Tagen möchte man lieber ein One-Way-Ticket nur weg von diesem „Hier und Jetzt“ buchen. Unser Gehirn nutzt den Blick zurück und nach vorne als Überlebenstechnik. Indem man sich absichtlich außerhalb der normalen Zeit beweg, übertönt oder betäubt man die Gefühle, die Aufmerksamkeit erfordern. „Im Moment zu leben“ unterscheidet sich von „den Moment leben“. Ein Mantra, um auch an miesen Tagen in der Gegenwart zu bleiben, stammt von Rutger Kopland und lautet folgendermaßen:

„und von allem, was ich sehe
weiß ich, es hätte anders sein können,
aber das ist es nicht.“

5. Loving Kindness

Liebevolle Güte ist die Antwort auf alles. Sie macht wirklich jeden miesen Tag ein bisschen leichter. Sie ist universell und funktioniert immer und überall. Liebevolle Güte zu üben ist nicht einfach. Was auf dem Papier simpel aussieht, ist in der Praxis manchmal schwer, besonders wenn man einen schlechten Tag hat und man jedem, der einen nervt, am liebsten einen Tritt verpassen möchte. Aber zum Glück kann man sich in der Praxis der liebevollen Güte entwickeln, man kann sie lernen, genau wie Radfahren. Wenn sie zu deiner Grundhaltung wird, wird alles im Leben ein wenig leichter. Je mehr du liebevolle Güte praktizierst, desto leichter wird es, Mitgefühl zu erlangen. Immer schneller wirst du mit der Zeit den Wechsel von mürrisch zu freundlich hinbekommen. Das Prinzip der liebevollen Güte kommt von Metta, der Bezeichnung für die buddhistische Meditationspraxis der Sanftheit und Freundlichkeit. Es gibt verschiedene Varianten der Metta-Meditation, du kannst zum Beispiel die folgenden Sätze leise oder laut für dich sprechen oder auch innerlich klingen lassen:

Sage zu dir:

Möge ich glücklich sein.
Möge ich gesund sein.
Möge ich beschützt sein.
Möge ich unbeschwert sein.

Denke jetzt an eine dir liebe Person und sage:

Mögest du glücklich sein.
Mögest du gesund sein.
Mögest du beschützt sein.
Mögest du unbeschwert sein.

Denke jetzt an jemanden, dem du neutral gegenüberstehst und sage:

Mögest du glücklich sein.
Mögest du gesund sein.
Mögest du beschützt sein.
Mögest du unbeschwert sein.

Denke an jemanden, über den du dich ärgerst, oder der etwas Negatives in dir hervorruft und sprich die Sätze erneut:

Mögest du glücklich sein.
Mögest du gesund sein.
Mögest du beschützt sein.
Mögest du unbeschwert sein.

Im letzten Schritt dehnst du deine Wünsche auf alles aus, was lebt:

Möge alles und jeder glücklich sein.
Möge alles und jeder gesund sein.
Möge alles und jeder beschützt sein.
Möge alles und jeder unbeschwert sein.

 

(c) Irisiana Verlag

Zum Weiterlesen:

Alle Soul-Hacks stammen aus Eveline Helminks Handbuch für miese Tage. Ohne Ab kein Auf: Wie uns die unglamourösen Tage weiterbringen, Irisiana Verlag 2020

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Monica

Ein anregender, kleiner Artikel. Die Übung, die am Ende steht, finde ich sehr gut. Die kurzzeitige Wirkung ist zu spüren. Um ein grundlegende Veränderung hin zur Haltung der liebevollen Güte zu erlangen, wird eine tägliche Ausführung über mindestens drei Wochen sinnvoll sein. Soweit ich informiert bin, ist erst nach dieser Zeit ein neues Verhalten bzw. eine Veränderung der inneren Haltung etabliert.
Vielen Dank für den Artikel und die Übung.