In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Die drei Worte Bhur, Bhuvar und Svaha verweisen auf die niederen Wandel-Welten, die alle Geist-Monaden auf ihrem Entwicklungsweg zu durchlaufen haben – die physische Ebene, die Astral- und die Mental-Ebene. In der indischen Kosmologie, einem Sieben-Welten-Universum (Sapta-Loka), gilt Bhur als die Erde, Bhuvar-Loka als der niedere Himmel zwischen Erde und Sonne, in dem die Weisen, die Munis und Siddhas leben, Svar-Loka als der Himmel des Indra, der sich zwischen der Sonne und dem Polarstern aufspannt. Über ihnen sind noch die höhergeistigen Welten Mahar-Loka, Janar-Loka, Tapar-Loka und Satya-Loka angesiedelt. Die ersten drei der sieben Welten werden am Ende eines jeden Kalpa vernichtet, während die vier höheren bis zum Ende des Brahma-Lebens andauern. Nachdem also solcherart der drei niederen Welten gedacht wurde, strebt das Gedicht seinem Höhepunkt zu, indem es in den Worten gipfelt: „Jenes aber, das höchste göttliche Sein, wollen wir als transzendentale Sonne anbetend verehren.“

Darum allein geht es im Gayatri, um die Sonnen-Mysterien. Dies ist das Strebensziel aller Adepten, der Sehnsuchtswunsch aller Eingeweihten, dieses Einswerden mit der geistigen Ur- und Zentralsonne des Alls, die nicht mit der physischen Sonne am äußeren Firmament identisch ist, wohl aber in ihr gleichnishaft zum Ausdruck kommt. Jedes physische Licht ist ein Abglanz des höheren, transzendentalen Lichts, jede materielle Sonne ein Abbild der geistigen Ursonne, die Platon ganz richtig als eine „Idee“, nämlich die „Idee des Guten“ bezeichnete. Hier stoßen wir auf einen uralten vedischen Sonnenweg, der auch im alten Europa bekannt war, aber eigentlich auf Atlantis zurückgeht. Den hellsichtigen Menschen der Frühzeit galt die Sonne nicht nur als ein Himmelskörper, sondern darüber hinaus als Symbol und Ausdrucksform eines Geistig-Göttlichen.

Das Gayatri-Mantra als Wegweiser auf dem spirituellen Sonnenpfad

Dabei galt die Sonne aber nur als ein Gleichnis für das Höchste, nicht als das Höchste selbst. Platon hat in seiner Politeia die Idee des Guten mit der Sonne verglichen, die somit ein Abbild des obersten geistigen Prinzips sei: „Die Sonne also meinte ich, als ich von dem Abbild des Guten sprach, das von dem Guten seinen Ursprung herleitet. Was das Gute in der denkbaren Welt für die Vernunft und die Gegenstände des Denkens ist, das ist die Sonne in der sichtbaren Welt für den Gesichtssinn und die sichtbaren Dinge.“2

Eine ganz ähnliche Aussage findet sich im Popol Vuh, dem heiligen Buch der Quiché-Maya, das die spirituellen Überlieferungen Alt-Amerikas beinhaltet. Dort lesen wir: „Wie ein Mann stieg die Sonne empor und unerträglich war ihre Hitze. So erschien sie in der Schöpfungsstunde. Heute sehen wir nur ihr Spiegelbild, nicht die Ursonne. So sagt die Überlieferung.“3 An dieser Stelle nähert sich das Popol Vuh eindeutig gnostischem Denken, zumindest ein Gegenstück zu Platons Höhlengleichnis liegt hier vor – ein Beweis dafür, dass allen Weltreligionen und spirituellen Überlieferungen dieselbe esoterische Geheimlehre zugrunde liegen muss. Die vedische Überlieferung spricht auch davon, dass die wahre, transzendentale Sonne hinter einer „Scheibe goldenen Lichts“ verborgen liege – die sinnliche Sonne verdeckt die geistige Ursonne, ein Hinweis auf den allgemein herrschenden Maya-Charakter aller Wirklichkeit. Die täuschenden Sinnendinge versperren uns den Weg zur Erkenntnis der Wahrheit. Die eigentliche Wahrsonne, Savitr, wird nicht mit den körperlichen Sinnen, sondern allein mit den Augen des Geistes geschaut.

So wird in den Zeilen dieses einmaligen Gedichts ein spiritueller Sonnenpfad gewiesen, der auf dem Wege der anbetenden Verehrung und des meditierenden Betrachtens das Urbildhaft-Geistige zu erreichen trachtet, ein Weg vom Abbild zum Urbild, von der sinnlichen Sonne zur ewigen Geist-Sonne. Beim Beschreiten dieses Lichtpfades möge uns das Gayatri-Mantra ein täglicher Wegbegleiter sein!

Quellen:
1 Upanishaden – die Geheimlehre der Inder, Köln 1986, S. 164
2 Platon: Der Staat, Stuttgart 1973, S. 221
3 Popol Vuh: Das Buch des Rates, 4. Aufl. Köln 1984, S. 122Anzeige