In dieser neuen Kolumne wirft Ralph Skuban einen Blick auf ausgewählte Aspekte des Sutra und bringt Fragen und Antworten rund um Patanjalis berühmte Schrift auf den Punkt

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Vor ein paar Jahren gab ich einem Doktor der Philosophie das Yogasutra zu lesen. Er gab mir diese Rückmeldung: „Ein gutes Buch! Doch wenn mich einer fragte, wovon es handelt, so könnte ich es ihm nicht sagen.“ Das bringt auf den Punkt, was viele erleben, wenn sie diesem bekanntesten Text des Yoga erstmals begegnen. Knapp 200 rätselhafte Verse hat der legendäre Autor Patanjali vor 2000 Jahren zusammengestellt. Die Frage, die ich zum Start dieser neuen Kolumne thematisieren will, lautet deshalb: Warum scheint dieser Text so schwer zu verstehen zu sein?

Es gibt zunächst ein paar äußere Gründe, die schnell gesagt sind: Das Yogasutra entstammt einer anderen Zeit, Region und Kultur und ist abgefasst in einer uns fremden Sprache, die nicht mehr lebendig ist. Es ist zudem hochverdichtet, so knapp gehalten wie nur möglich. (Die Verdichtung von Texten entwickelte sich im alten Indien zu einer Art „intellektuellem Sport“. Das half beim Auswendiglernen der zunächst nur mündlich weitergegebenen Weisheiten, aber erschwerte auch deren Verständlichkeit und machte Kommentare notwendig.)

Vor allem aber sind es innere Gründe, die es immer wieder zu einer Herausforderung machen, Patanjali verstehen zu wollen. Er folgt keinem Denken, wie wir es gewohnt sind, beginnt nicht bei A, um zu B, C und so weiter fortzuschreiten. Er leitet nicht das eine einfach-logisch vom anderen ab, um dann zu einer Schlussfolgerung zu kommen. Sein Text ist keine Spiegelstrichliste, die wir einfach lesen, auswendig lernen und auf diese Weise begreifen könnten.

Wer zu lesen beginnt, dessen lineares Denken scheitert gleich zu Anfang, wo wir bereits der größten Hürde begegnen, wenn Patanjali von etwas ganz Unbegreiflichem spricht: Er nennt es Drashtu, den Seher, ein Wort, das wir auch als „reines Gewahrsein“ übersetzen könnten. Was aber ist dieses reine Gewahrsein? Was bedeutet es, darin verankert zu sein? Wenn wir das verstünden – aus eigener Erfahrung, und nicht nur mit dem Denken! – dann bräuchten wir keine einzige Zeile mehr zu lesen, wären wir doch schon angekommen, wo Patanjali uns hinführen will: zum Bewusstseinszustand des Yoga.

Diesen Zustand nennt Patanjali auch Samadhi. Das hat nichts mit dem Körper zu tun, auch nicht mit unseren Gedanken oder Gefühlen, sondern liegt jenseits all dessen. Du bist etwas ganz anderes, als du denkst, sagt Patanjali, unendlich viel größer und weiter. Du bist un(be)greifbar, wirklich unsterblich. Glaub es nicht, sondern erfahre es selbst! Meditiere! Gib deine Identifikation mit allem, was du zu sein glaubst, auf und trete ein in diesen wunderbaren Zustand inneren Friedens! Das ist Yoga, das Verbundensein mit deinem inneren Licht. Moksha, die Befreiung. Kaivalya, das große Losgelöstsein. Der Himmel auf Erden, das Tao, Nirvana … alles nur Namen für das, was ohne Namen ist.

So also fängt das Yogasutra an. Und jeder weitere Satz nun steht in Verbindung mit diesem Anfang: Der Text ist ein Hologramm. Das Ganze steckt immer schon im Einzelnen. Müssen wir uns da wundern, es nicht gleich zu verstehen? In den nächsten Ausgaben wollen wir versuchen, dies faszinierende Hologramm zu erforschen und tiefer ins Verstehen zu gehen!

Namasté, Ralph

Autor

Dr. Ralph Skuban ist promovierter Sozialwissenschaftler und leitete über zwei Jahrzehnte lang eine Einrichtung für Demenzkranke. Die intensiven Begegnungen mit dem zerfallenden Geist und dem Tod des Menschen führten ihn zur Mystik des Ostens, insbesondere zur Philosophie und Praxis des Yoga. Ralph Skuban publiziert Bücher und hält Seminare zu Themen der spirituellen Philosophie. Er begleitet regelmäßig Teacher-Trainings und gründete zusammen mit seiner Frau eine eigene Yogaschule.

www.skuban.de
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