Jeder Mensch kennt Ängste. Zukunftsängste, Existenzängste, Verlustängste. Je größer der gesellschaftliche Druck wird, umso häufiger übernimmt die Angst das Kommando. Angststörungen sind längst zu einer Volkskrankheit geworden: 25 Prozent aller Menschen sind mindestens einmal im Leben damit konfrontiert.

Doch wir müssen uns der Angst nicht geschlagen geben. Es gibt Wege durch die Angst und auch Wege zurück in ein angstfreies Leben. Einer, der das weiß und vielen Betroffenen Hoffnung macht, ist Mischa vom Blog Adios Angst, Bonjour Leben. Er ist selbst 2013 nach zwei Jahrzehnten voller Panikattacken und Depressionen am Tiefpunkt angekommen und hat danach sein Leben völlig verändert. Auf seinem Blog erzählt er offen und humorvoll von seiner Entwicklung vom Angsthasen zum Mutmacher. Uns hat verraten, welche Rolle Yoga und Meditation dabei gespielt haben.

 

Interview

Yoga Aktuell: Du hast dein Leben nach einem Zusammenbruch 2013 total verändert. Haben Yoga und Achtsamkeit bei deinem Genesungsweg eine Rolle gespielt?
Mischa: Ja, sogar eine sehr große Rolle. Während meines Klinik-Aufenthaltes in Scheidegg habe ich gemerkt, wie gut mir diese Entspannungstechniken tun. Ich hatte Yoga in den Jahren davor immer mal wieder probiert – aber nie die richtige Gruppe oder Form gefunden. Entweder es hat mich über- oder unterfordert. Manchmal wurden auch einfach zu viele Mantras gesungen. In der Klinik habe ich dann festgestellt, dass diese Einheiten für mich eine wahre Wohltat sind.

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Ex-Angsthase Mischa

Also habt ihr in der Klinik auch Yoga gemacht?
Ja, wobei das sehr basic war. Ich habe festgestellt, dass mir das gut tut und war mir irgendwann sicher, dass ich nach dem Aufenthalt die richtige Yogaschule finden werde. Das ist dann auch direkt eine Woche nach der Klinik passiert. Mit Meditation habe ich ebenfalls weitergemacht, z.B. in Form von geführten Meditationen. Auch mit Zen habe ich Erfahrungen gemacht. Für mich sind Yoga und Meditation zwei zentrale Bestandteile davon, dass ich seit meinem Aufenthalt in der Klinik keine Panikattacke mehr hatte.

Hast du auch eine tägliche Praxis?
Ja, in der Regel hopse ich um 7 Uhr auf meine Yogamatte und mache dort je nach Lust, Laune, Zeit und Kraft 20, 30, 45 oder an super Tagen auch mal 60 Minuten meine Asana-Praxis. Danach folgt noch eine kombinierte Einheit von ca. 10-15 Minuten, die – je nachdem, was mir gerade wichtig ist – aus Meditation, Affirmationen und Dankbarkeits-Praxis besteht. Und dann kann der Tag richtig gut losgehen.

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Hat die Yogapraxis auch dein Verhältnis zu deinem Körper verändert? Ich weiß ja, dass du z.B. deine Ernährung umgestellt hast.
Ich denke, wenn man an einer Stelle anfängt, dann kommen die anderen Sachen irgendwann automatisch dazu. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich als regelmäßig praktizierender Yogi jeden Abend zwei Bier aufmacht – so wie ich das früher gemacht habe. Durch den besseren Kontakt zu meinem Körper wurde eine Entwicklung bei mir ausgelöst, die wohl unaufhaltsam ist. Inzwischen stelle ich mir Fragen wie: Was esse ich? Wie esse ich? Wie gehe ich mit meinem Körper um? Fühle ich mich wohler dabei, ein Wochenende lang auf der Couch Sport zu kucken oder selbst Sport zu machen? Muss ich jeden Meter mit dem Auto fahren oder tut es mir womöglich gut, mal zu Fuß zu gehen oder das Fahrrad zu nehmen? Da kommen dann ziemlich eindeutige Antworten.

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Mischa bei seiner täglichen Praxis

Ich habe gelesen, dass du auch für mehrere Tage in einem Yoga-Ashram warst. Wie war diese Erfahrung für dich?
Ich war in einem Yoga Vidya-Ashram hier im Allgäu, weil ich nicht weit fahren wollte. Das waren fünf wunderbare, wohltuende Tage, in denen ich mich nur auf mich konzentrieren konnte. Jeden Tag gab es das selbe Programm: Aufstehen, Meditieren, Yoga, Satsang, essen, Pause machen – dann wieder Yoga üben, meditieren, Mantras singen und schließlich in meinen VW Bus schlüpfen und schlafen. Das hat mir unglaublich gut getan und ich habe gemerkt, dass sich jeden Tag ein bisschen mehr im Inneren gelöst hat.

Kannst du etwas Konkretes benennen, das dir Yoga und Meditation gebracht haben, was verhindert hat, dass z.B. wieder Panikattacken auftreten?
Die Atemtechniken sind besonders hilfreich für mich. Schon allein, dass mir meine Lehrerin erklärt hat, dass Hyperventilieren gar nicht so schlimm ist, war wichtig. Ich habe verstanden, dass dabei einfach Energie entsteht und deshalb z.B. die Hände kribbeln. Das ist nicht schlimm und davon fällt man auch nicht tot um.
Auch die Erfahrung zu machen, dass ich mich mit einer tiefen Bauchatmung oder der Ujjayi-Technik selbst beruhigen kann, war toll. Schon drei, vier Atemzüge reichen, um mich aus einer sehr angespannten Phase rauszuholen. An Tagen, an denen es mir grundsätzlich nicht so gut geht oder irgendetwas komisch ist, hilft es mir, mit meiner Atmung in Kontakt zu gehen und in mich hineinzuspüren.

Darüber hinaus habe ich über Yoga und Meditation einen Zugang zu ganz anderen Dingen gefunden und erkannt, dass es noch mehr gibt als die wissenschaftliche Perspektive auf die Welt. Ich habe erfahren, welche Dinge für mich funktionieren und welche nicht. Und die, die funktioniert haben, waren nicht unbedingt die, die unser Gesundheitssystem mir nahegelegt hat oder von denen irgendjemand behauptet hat, dass sie gut für mich sind.

Spielt Spiritualität inzwischen auch eine Rolle in deinem Leben?
Ohja – und das hätte ich bis vor ein paar Jahren überhaupt nicht für möglich gehalten. Als Sohn einer Katechetin und eines Lehrers, der den Kirchenchor geleitet und die Kirchenorgel gespielt hat, wollte ich mit Anfang 20 erstmal nichts mehr wissen von Kirche und Glaube. Inzwischen ist das alles zurückgekommen. Heute liebe ich spirituelle Orte – egal ob es sich um eine katholische Kirche, eine Moschee, einen Tempel oder einen Ashram handelt. Ich finde an jedem dieser Orte kann man ganz viel für sich finden. Ich bin kein Anhänger von Kirche x oder Glaube y – aber die Kraft, die ich an solchen Orten, genau wie in der Natur und in der Begegnung mit anderen Menschen spüren kann, ist unheimlich groß. Seit einiger Zeit kann ich die auch bewusst wahrnehmen. Ich merke, wie sie in meinem Inneren ankommt und dort Prozesse auslöst. So ein Erlebnis hatte ich auch im Yoga-Ashram, als wir beim Kirtan-Singen einen Satz 20 Minuten lang wiederholt haben. Irgendwann musste ich weinen, weil das so tief ging. Da habe ich gelernt, das zuzulassen. Vor drei Jahren als ich noch ein cooler Journalist war, der meinte, er wisse genau wie die Welt funktioniert, und der alle Yogis für verschrobene Ökos gehalten hat, hätte das nicht geklappt.

Gelingt es dir inzwischen, Achtsamkeit in deinen Alltag zu integrieren?
Ja und Nein. Ich denke oft daran und ertappe mich dann doch wieder dabei, dass ich etwas hektisch mache oder mein Essen hinunterschlinge. Da gibt es schon noch Luft nach oben. In anderen Bereichen empfinde ich mich aber schon als sehr achtsamen Menschen. Wenn ich z.B. hinausgehe in die Natur, dann kann ich gut innehalten, den Moment auf mich wirken lassen, beobachten, mich freuen und auch mal einen Baum anlächeln.

Du schreibst ja auch auf deinem Blog öfters, dass du ein Angsthase bist…
Ein Ex-Angsthase – inzwischen ist das Thema durch…

Ich finde ja, du bist ein besonders mutiger Mensch – und ich vermute, dass die Erfahrung der Angst dich erst so mutig hat werden lassen. Kannst du deinen Erfahrungen heute etwas Positives abgewinnen?
Ganz sicher sogar. Ich bin fest davon überzeugt, dass alles im Leben zur richtigen Zeit kommt. Bei mir hat es eine Weile gedauert, bis ich gemerkt habe, dass es so nicht weiter geht. Ich bin dankbar, dass es irgendwann so stark „geklingelt“ hat, dass mir gar nichts anderes mehr übrig geblieben ist, als mein Leben radikal zu verändern. Die Zeit davor war nicht schlecht – ich mochte meinen Job, habe eine tolle Frau und hatte Freude an vielen Dingen – aber nun beginnt ein neues Zeitalter für mich und ich will mein Potenzial noch viel mehr ausreizen.
Außerdem habe ich in den letzten drei Jahren so viele tolle Menschen in der Klinik, über meinen Blog, bei Seminaren usw. kennengelernt… Ich glaube, wäre ich ein ganz „normaler“ Mensch in einem „normalen“ Job, dann hätte ich viele davon niemals in mein Leben gezogen. Auch dafür bin ich sehr dankbar.

 

Mehr über Mischa erfahren:
http://www.adios-angst.de

 

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